Meisterstücke -

Reitstiefelmanufaktur Kempkens Lederne Schmuckstücke sind auch in Krisenzeiten gefragt

Peter Kempkens fertigt in vierter Generation Reitstiefel nach Maß – und in großem Stil. Rund 700 Paare entstehen jährlich in seiner kleinen Werkstatt. Die Klientel der Manufaktur ist so illuster wie international, reicht von deutschen Olympioniken bis zu Reitställen in Amerika und Asien. Kempkens zeigt, wie eine Betriebsübernahme inklusive Sortimenterweiterung klappen kann.

Reitstiefelmanufaktur Kempkens
Rund 700 Paar Reiststiefel pro Jahr, passend für alle Größen und Fußformen, fertigt die Reitstiefelmanufaktur Kempkens. -

"Vom Leisten bis zum Lochmuster alles Handarbeit", betont Peter Kempkens nicht ohne Stolz und streicht über den glänzenden Schaft der cognacfarbenen Stiefel: eines von mehreren Dutzend Ausstellungsstücken in dem urigen Ladengeschäft in Krefeld, das den Werkstatträumen vorgelagert ist. Fast museal wirkt die Szenerie, eingerahmt von Fachwerk und antik anmutenden Möbelstücken, Turnierandenken und signierten Fotos legendärer Reiter. Und auch hinter den Kulissen ist so manches alte Schätzchen zu finden. Unter anderem allerlei Nähmaschinen, die eine oder andere gut und gerne 80 Jahre alt.

Peter Kempkens
© Foto: Heike Hucht

Wer das allein für publikumswirksame Nostalgie hält, der liegt falsch. Hier wird tatsächlich noch von Hand und mit Hilfe traditioneller Werkzeuge und Maschinen gearbeitet: vermessen, genäht, gewässert, geklebt, gefärbt und ausgeputzt. Wie und was ganz genau – wenn Kempkens im Schnellverfahren beginnt zu erklären, kann man als Laie kaum folgen. Kein Wunder, immerhin sind etliche Arbeitsgänge vonnöten, beansprucht das Fertigen eines Stiefelpaars bis zu 20 Arbeitsstunden.

Breiter aufgestellt und abgesichert

Alles in allem – jeder Stiefel muss zweimal gewässert werden und trocknen – vergehen rund drei Wochen bis zum buchstäblich letzten Schliff des edlen Schuhwerks. Theoretisch. Praktisch sieht es so aus, dass die Manufaktur über Monate ausgebucht ist. Zurzeit müssen Neukunden sich mindestens ein Vierteljahr gedulden, bis ihr Auftrag produziert wird. Denn als Kempkens vor sieben Jahren das Unternehmen vom Vater übernahm, ist es nicht nur internationaler geworden.

Der 34-Jährige hat es auch breiter aufgestellt. Die Produktpalette erweitern neben Jagdstiefel, Golfschuhe und Herren-Stiefeletten. Ein Sortiment, das mit immerhin rund 500 verkauften Paar im Jahr inzwischen kräftig zum Umsatz beiträgt.

Luxusgüter vom Feinsten, und trotzdem von Krise keine Spur. Im Gegenteil: "In den vergangenen Jahren konnten wir unseren Umsatz stetig um fünf bis zehn Prozent steigern", sagt Kempkens. Insgesamt zwölf Mitarbeiter arbeiten für ihn, Schuh- und Schäftemacher ebenso wie Modelleure, viele von ihnen bereits etliche Jahre. Treue, die sich letztlich in der Qualität widerspiegelt. "Das Stiefelmachen ist eine Kunst für sich. Dazu braucht es ebenso viel Fingerspitzengefühl wie Erfahrung. Bereits die kleinste Ungenauigkeit kann alles verderben."

Zum Fachsimpeln, Vernetzen und Akquirieren

Kempkens selbst ist gelernter Orthopädieschuhmacher – und passionierter Reiter mit eigener Reitanlage. Sicherlich keine zwingende Bedingung, um seinen Job gut zu machen, meint er. Aber eine gute Voraussetzung, um zu lieben, was man tut. Schließlich ist der junge Familienvater etwa die Hälfte aller Wochenenden im Jahr unterwegs, um sich auf den wichtigsten europäischen Turnieren mit einem Ausstellungsstand zu präsentieren: zum Fachsimpeln, Vernetzen, Akquirieren und Aufnehmen von Reparaturen.

Guten Kunden und lukrativen Aufträgen kommt er als serviceorientierter Dienstleister sogar noch weiter entgegen, nach Amerika und Afrika genauso wie in den Nahen oder Fernen Osten. Erst neulich ging es nach Japan zu Reitställen in verschiedenen Landesteilen. Kurztrips nach London stehen längst regelmäßig auf dem Plan, Treffpunkt Flughafen. Gleich vor Ort Maß zu nehmen, spart schließlich beiden Zeit, Stiefelmacher und künftigem Stiefelträger.

Peter Kempkens
© Foto: Heike Hucht

In diesem Jahr hat Kempkens die Kundenummer 13.500 überschritten – wobei die wenigsten Auftraggeber je einen Fuß in die Krefelder Werkstatt gesetzt haben. Wer sich doch für diesen Weg entscheidet, der sorgt auch schon mal für einiges Aufsehen. So gehört zu den eindrücklichsten Auftritten zweifelsohne der, eines russischen Kunden. "Ein Gefolge von fünf schwarzen Limousinen, die sich in unsere kleine Nebenstraße quetschen, kann man nun wirklich nicht ignorieren", erinnert sich Kempkens.

Szenen wie diese seien natürlich die Ausnahme. Tatsächlich sind viele seiner Kunden Berufssportler, darunter Größen wie Kristina Sprehe, Patrik Kittel oder Ludger Beerbaum. Oder sie entstammen jenem dezent-zurückhaltenden Kreis, der gern mit ‚altem Geld‘ umschrieben werden. Zur Klientel gehören ebenso illustre Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Showbiz. Selbst einige königliche Hoheiten tragen Reitstiefel made by Kempkens.

Fantasie ohne Grenzen

Das Repertoire der Krefelder umfasst zehn bis 15 Modelle. "Wir verarbeiten vor allem Boxcalf, feinstes Kalbsleder", so der 34-Jährige. Farblich geht es im Reitsport in der Regel konservativ zu. Schwarz ist und bleibt mit Abstand die meist verlangte Farbe, es folgen Brauntöne. 18 Farben hat Kempkens standardmäßig auf Lager. Alle anderen könne er jedoch problemlos herstellen lassen. "Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wer möchte, dem nähen wir fliederfarbene oder kobaltblaue Stiefel mit maisgelben Kontrastnähten."

Nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern auch des Geldes. Standardausstattungen aus Kalbsleder in den gängigen Färbungen kosten zwischen 700 und 1.300 Euro; je nach Sonderwunsch kommen schnell mal einige hundert oder gar tausend Euro dazu. Zum Beispiel, wenn mit so exklusiven Exoten wie Kroko- oder Rochenleder gearbeitet wird. In der Regel ist das jedoch eher bei Jagdstiefeln oder Stiefeletten der Fall. „Wir haben sogar schon aus Häuten selbst erlegter Tiere tragbare Trophäen für die Jäger genäht“, so Kempkens.

Eine Herausforderung, die sich der Stiefelmacher gerne stellt. Vor allem die Abwechslung, nicht zuletzt das Reisen, mache einen großen Reiz seiner Arbeit aus. Bereits als kleiner Junge habe er es genossen, in der Werkstatt zu sein, war für ihn klar, dass er das Handwerk und Geschäft seines Vaters fortführen möchte. Jetzt zeigt sein eigener Filius erstes kindliches Interesse. Peter Kempkens würde sich auf jeden Fall freuen, wenn die fünfte Generation bei seinen Leisten bleibt und die Zügel übernimmt.

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