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Die Vorsorge lieber nicht antasten Lebensversicherung kündigen: Diese Alternativen gibt es

Wer in der aktuellen Lage darüber nachdenkt seine Lebensversicherung zu kündigen, sollte vorher andere Optionen prüfen. Welche Möglichkeiten Handwerker in finanziellen Schwierigkeiten haben.

Eine kapitalbildende Lebensversicherung ist für viele Handwerker ein Teil ihrer Altersvorsorge. Analysten rechnen damit, dass infolge der Pandemie viele Lebensversicherungsverträge gekündigt werden, um Liquidität zu erhalten. Doch ist die Kündigung solcher Verträge überhaupt sinnvoll?

Hans-Peter Schwintowski, Professor unter anderem für Bürgerliches Recht an der Humboldt-Universität Berlin und Experte für Versicherungsrecht, würde immer dazu raten, einen Lebensversicherungsvertrag nur zu kündigen, wenn alle anderen Optionen auszuschließen sind. Denn eins ist klar: Eine Kündigung ist meist mit Verlust verbunden. Der Rückkaufswert einer Versicherung sei fast nie ein gutes Geschäft, so Schwintowski – gerade in den ersten Jahren nach Vertragsabschluss.

Nach fünf Jahren Laufzeit bleibt nach Abzug der Vertriebs- und Abschlusskosten meist nur die Hälfte des bereits eingezahlten Kapitals übrig. Erst nach rund zwei Dritteln der Laufzeit komme der Versicherungsnehmer mit plus minus Null aus der Sache raus, erhalte also weder Gewinn noch erleide Verlust.

Erneuter Einstieg verschleppt Vermögensaufbau

Schwintowski plädiert dafür, mit dem Versicherer andere Lösungen zu erörtern. Infrage kommt zum Beispiel eine Stundung der Beiträge, eine Beitragspause oder auch eine Reduzierung der Beiträge. Der Vorteil solcher Lösungen gegenüber einer Kündigung ist, dass die Vorsorge erhalten bleibt. Zinsgarantien werden nicht aufgegeben.

Ein erneuter Einstieg in die Altersvorsorge im Anschluss an die Krise verschleppt den Vermögensaufbau und sorgt bei weiter verschlechterter Verzinsung für ein deutlich geringeres Vermögen im Rentenalter. Wenn tatsächlich keine andere Möglichkeit mehr bleibt, könne man die Versicherung für einen etwas höheren als den Rückkaufswert am Zweitmarkt veräußern.

Finanzielle Engpässe der Versicherten führen dennoch zum Teil zu hohen Stornierungsquoten. Schwintowski berichtet, dass jedes Jahr Verträge im Gegenwert von drei Milliarden Euro storniert werden, obwohl die Kunden dabei die Hälfte ihres Geldes verlieren. Im Vergleich dazu werden 1,5 Milliarden Euro jährlich an Vermögen aus dieser Art Versicherungen bei Ablauf ausgeschüttet.

Versicherer wie die Signal-Iduna-Gruppe bekommen die Corona-bedingte finanzielle Schwäche der Versicherten bereits zu spüren. Schon drei Millionen Euro Lebensversicherungsbeiträge seien seit Beginn der Pandemie aus Liquiditätsgründen beitragsfrei gestellt worden, berichtet Pressesprecher Edzard Bennmann. Die Freistellung sei für zwei Millionen Euro jedoch schon wieder aufgehoben worden. Daran erkenne man, dass sich die Lage eben auch schnell wieder bessern kann.

Die meisten Versicherer sind gut gerüstet

Der Zustand der Versicherer selbst sollte ebenfalls kein Argument sein, Verträge zu kündigen. Belastet sind die Unternehmen vor allem wegen der Zinsgarantien, die nicht im gleichen Maße gesunken sind wie die Renditen. Vielfach war über den Verkauf der Lebensversicherungssparte vieler Versicherer spekuliert worden.

Sorgen müsse man sich trotzdem nicht machen, sagt Lars Heermann. Der Bereichsleiter Analyse bei der Ratingagentur Assekurata gibt zwar zu, dass die Kapitalmarktsituation eine Herausforderung ist, hält die meisten Versicherer aber für gut gerüstet. Die Branche habe seit 2011 aufgrund gesetzlicher Vorgaben 75 Milliarden Euro an Zinszusatzreserve aufgebaut. Die Garantien lägen unter Anrechnung dieser Reserve bilanziell um einen Prozentpunkt niedriger als die nominelle Zinsanforderung von 2,7 Prozent.

Das Szenario, wonach zahlreiche Versicherer bald umfallen und ihre Bestände an Lebensversicherungen abstoßen, könne er nicht nachvollziehen. Der Zweitmarktanbieter Partner in Life kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die deutschen Versicherer die Krisen der Vergangenheit relativ gut überstanden hätten.

Die klassische Lebensversicherung werde aber mehrheitlich sowieso nicht mehr angeboten. Die Unternehmen hätten gelernt, dass das Versprechen harter Garantien wirtschaftlich nicht mehr darstellbar sei. Stattdessen gehe man mit Garantien runter, eingezahlte Beiträge werden nicht mehr zwangsläufig im Deckungsstock der Versicherer angespart, sondern vermehrt in Fondsanlagen investiert.

Auch Heermann rät, alte Verträge nicht ohne Not aufzugeben. Erst recht nicht, wenn sie so alt sind, dass sie noch einen Garantiezins von drei bis vier Prozent beinhalten, was in den 1990er Jahren durchaus üblich war. Heute komme man maximal auf 0,9 Prozent.

Überbrückungsmöglichkeiten

Kurzfristige Zahlungsschwierigkeiten:
  • Beitragspause: Aussetzung der Beitragszahlung, fehlende Beiträge können später nachgezahlt werden, Versicherungsschutz verringert sich bei ausbleibender Nachzahlung, eine Beitragspause erhält Versicherungsschutz
  • Zinslose Stundung: zinslose Stundung der Beiträge, Beiträge sind ­später nachzuzahlen, Versicherungsschutz bleibt unverändert
  • Aussetzen der Dynamik
Beiträge können dauerhaft nicht aufgebracht werden:
  • Beiträge reduzieren: Versicherte Rente sinkt, Beiträge können später wieder erhöht werden
  • Beitragsfreistellung: Beitragszahlung zunächst dauerhaft beendet, Vertrag wird ohne Beiträge fortgeführt, versicherte Leistungen reduzieren sich deutlich, Beitragszahlung kann später wieder aufgenommen werden

Jede Versicherung bietet solche Überbrückungsmöglichkeiten. Die Unterschiede liegen im Detail, etwa bei der Einbeziehung bestimmter Produkte oder bei den Zeiträumen.

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