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Maler- und Lackierbetrieb setzt Rennwagen in Szene Le Mans in Thannhausen: Die Showcars von Sonnleitner

Im Maler- und Lackierbetrieb Sonnleitner entstehen Rennwagen, die nur 18 PS unter der Haube haben. Aber verstecken müssen sie sich nicht – im Gegenteil.

Beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans hätte dieser Sportwagen keine Chance. Auch wenn er auf den ersten Blick vom diesjährigen Siegerauto nicht zu unterscheiden ist. Unter der Haube surrt kaum hörbar ein kleiner Elektromotor von 18 PS, Kraft genug für eine kurze Jungfernfahrt auf dem Hof der Sonnleitner GmbH im schwäbischen Thannhausen.

Porsche steigt in Formel E ein

In der Werkstatt des Maler- und Lackierbetriebes hat die Sportwagen-Attrappe gerade ihren letzten Schliff bekommen. Jetzt ist das Double in Originalgröße startklar für seine Mission, die da lautet: Dem Elektromotor gehört die Zukunft – auch im Rennsport. Obwohl Porsche bei der Langstreckenweltmeisterschaft mit seinem 919 Hybrid auf seinen dritten Gesamtsieg in Folge zusteuert, hat das Unternehmen zum Saisonende seinen Rückzug aus dieser Rennserie angekündigt.

Stattdessen will Porsche 2019 mit einem Werksteam in die Formel E einsteigen, in der ausschließlich Boliden mit reinem Elektroantrieb starten dürfen. „Die Formel E ist für uns das ultimative Umfeld, um die Entwicklung von High-Performance-Fahrzeugen in puncto Umweltfreundlichkeit, Sparsamkeit und Nachhaltigkeit voranzutreiben“, begründete Entwicklungsvorstand Michael Steiner die Entscheidung.

Eine neue Aufgabe bringt der Umstieg auch für Maler- und Lackierermeister Reiner Sonnleitner mit sich. Seit 2014 werden in seinem Betrieb Showcars für die Automobilindustrie produziert. Dabei handelt es sich um Nachbauten von Fahrzeugmodellen im Maßstab 1:1, die für Werbezwecke eingesetzt werden.

Als Ausstellungsstück benötigen sie keine Straßenzulassung, müssen aber wie das Original aussehen. Dafür bedarf es viel handwerklichen Know-hows, das sich die Lackier- und Glasfaser-Experten in Thannhausen an Hunderten von Showcars erarbeitet haben. Dabei kooperieren sie mit dem Atelier Weber Meiler in Unterschleißheim, einem Spezialist für Guerilla Marketing und Showcars, sowie mit der Firma IB-Ideenbau aus Fürstenfeldbruck, die Technik im E-Mobil entworfen und realisiert hat.

LMP1-Boliden: 15 Showcars pro Jahr

Auch vom schnittigen Rennwagen der LMP1-Kategorie in der Langstreckenweltmeisterschaft wurden bei Sonnleitner schon vier Serien gefertigt – 15 Showcars pro Jahr, die der Auftraggeber weltweit einsetzt. Für Umlackierungen, zum Beispiel wenn sich kurzfristig das Branding der Rennwagen ändert, mussten die schwäbischen Handwerker schon bis nach Nordamerika oder Asien reisen. „Das ist jedes Mal eine logistische Herausforderung“, sagt Firmenchef Sonnleitner.

Aber Herausforderungen stellt sich Sonnleitner mit seinem Team gern. Dieses Jahr wurde zum ersten Mal ein Showcar mit Elektromotor ausgestattet, so dass es wie ein richtiges Fahrzeug bewegt werden kann. Normalerweise verfügen die ultraleichten Attrappen über keinen eigenen Antrieb, sondern werden auf kleinen, unsichtbaren Rädern an ihre Position geschoben. Sie sollen ja stehen und vor allem gut aussehen, aber nicht fahren.

Sonnleitner GmbH

Wie man etwas gut aussehen lässt und mit der Beschichtung zudem vor äußeren Einflüssen schützt, damit kennen sich die Fachhandwerker bei Sonnleitner aus. Der Betrieb ist breit aufgestellt und seit seiner Gründung 1980 durch Walter Sonnleitner vom klassischen Ein-Mann-Maler kontinuierlich gewachsen. Sohn Reiner gründete 1994 seine eigene Autolackiererei. Inzwischen sind beide Firmen zur Sonnleitner GmbH zusammengewachsen, die Aufträge werden in drei Geschäftsbereichen erledigt.

Mit klassischen Malerarbeiten werden noch rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Den Rest steuern die Karosserie- und Lackierarbeiten an Unfallfahrzeugen mit dem kompletten Schadensmanagement, Industrielackierungen und die eigene Fiberglas-Manufaktur bei, in der auch die Showcars entstehen.

Von Holzlatten bis Flugtunnel für Indoor Skydiving

Die 25 Beschäftigten, unter ihnen zwei Lehrlinge, betreuen ein breites Aufgabenspektrum – von den Holzlatten, von denen 50.000 laufende Meter für eine große Messegesellschaft mit einer Brandschutzlasur beschichtet werden, bis hin zu aufwändigen Industrielackierungen für Automobil- oder Energiekonzerne.

Für diese Arbeiten, die in der Regel vor Ort erledigt werden müssen, sind die Mitarbeiter weltweit unterwegs. Unter anderem hat Reiner Sonnleitner als Supervisor in Australien die Lackierung von drei Umhausungen für Gasturbinen betreut.

Das Know-how aus der Fiberglas-Manufaktur fließt nicht nur in die Fertigung der Showcars. Zum kürzlich eingeweihten Flugtunnel für Indoor Skydiving in Berlin haben die Spezialisten aus Schwaben eine Glasfaserhaube beigesteuert, die wie eine gewaltige Düse wirkt. In ihr wird der von riesigen Ventilatoren erzeugte Wind auf Geschwindigkeiten von bis zu 280 km/h beschleunigt. So entsteht ein vertikaler Luftstrom, der Wagemutigen das Gefühl des freien Falls vermitteln soll.

Spannung pur in Le Mans

Sonnleitner GmbH

Noch schneller als der Wind im Flugtunnel sind die LMP1-Boliden beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, dem Woodstock des Motorsports, bei dem Spitzengeschwindigkeiten von 340 km/h erreicht werden. Das diesjährige Rennen geht als eines der spektakulärsten in die Geschichte ein.

Nach einer frühen Panne beim Porsche 919 Hybrid starteten die Fahrer Earl Bamber, Timo Bernhard und Brendon Hartley von Platz 54 mit 19 Runden Rückstand eine grandiose Aufholjagd. Am Ende des Tages fuhr der Sportwagen mit Startnummer zwei als Erster durchs Ziel. Der dritte Sieg in Folge für Porsche war perfekt.

Trotzdem soll nach dem Finale der diesjährigen Langstreckenweltmeisterschaft am 18. November in Bahrain für das Erfolgsfahrzeug Schluss sein. Reiner Sonnleitner hofft hingegen, dass er noch viele weitere Showcars mit E-Motor bauen darf, auch wenn sie künftig etwas anders aussehen.

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