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Bei langem Einsatz auf einer Baustelle Langjährige Baustellentätigkeit: Arbeitnehmern winken höhere Werbungskosten

Arbeitnehmer, die seit Jahren auf derselben Baustelle eingesetzt sind, können jetzt von einem Urteil des Finanzgerichts Münster profitieren und höhere Werbungskosten ansetzen.

Sind Sie Arbeitnehmer und seit vielen Jahren auf einer Baustelle eingesetzt? Dann sollten Sie unbedingt ein steuerzahlerfreundliches Urteil des Finanzgerichts Münster kennen (FG Münster, Az: 1 K 447/16 E). Die Richter bescheren Ihnen womöglich ein dickes Plus an Steuer­erstattung. Es geht um die Frage, ob Sie dem Finanzamt die doppelten Werbungskosten für die Fahrten zur Baustelle und Verpflegungspauschalen als steuersparende Werbungskosten präsentieren können, selbst wenn Sie schon länger als vier Jahr auf derselben Baustelle eingesetzt sind. Die Antwort der Richter: Sie können.

Definition der ersten Tätigkeitsstätte

Für Arbeitnehmer gilt für Fahrtkosten steuerlich folgender Grundsatz. Bei Fahrten von zu Hause zu einer "ersten Tätigkeitsstätte" dürfen für die Fahrtkosten nur 0,30 Euro je Kilometer für die einfache Strecke als Werbungskosten im Steuerbescheid berücksichtigt werden (= Entfernungspauschale). Unter einer ersten Tätigkeitsstätte ist primär der Arbeitsplatz bei Ihrem Arbeitgeber zu verstehen. Doch eine erste Tätigkeitsstätte soll auch dann vorliegen, wenn Sie als Arbeitnehmer bei einem fremden Dritten für mehr als 48 Monate eingesetzt werden (§ 9 Abs. 4 Satz 3 EStG). Sind Sie also bereits mehr als vier Jahre auf derselben Baustelle eingesetzt, dürfen Sie nach Ansicht des Finanzamts für die Fahrten zur Baustelle nur die Entfernungspauschale steuerlich abziehen.

Beispiel: Sie sind seit 2010 auf derselben Baustelle tätig. Die einfache Entfernung zwischen Ihrer Wohnung und der Baustelle beträgt 35 Kilometer. Sie arbeiteten dort im Schnitt 230 Tage im Jahr. Geben Sie für 2018 eine Steuererklärung ab, erkennt das Finanzamt in der Regel 2.415 Euro Fahrtkosten als Werbungskosten an (230 Tage x 35 km x 0,30 Euro/km).

Besser: Doppelte Fahrtkosten

Mit der Entfernungspauschale wollte sich ein Kläger beim Finanzgericht Münster nicht abspeisen lassen. Er war länger als vier Jahre auf derselben Baustelle eines Auftraggebers seines Arbeitgebers eingesetzt. Für die Fahrten beantragte er die doppelten Werbungskosten. Seiner Meinung nach handelt es sich bei der Baustelle nicht um eine erste Tätigkeitsstätte, wenn a ufgrund des Werkvertrags nicht von Anfang an klar war, dass die Baustellentätigkeit die Dauer von 48 Monaten überschreiten wird.

Folge: Er beantragte für die Fahrtkosten den Werbungskostenabzug in Form der Dienstreisepauschale. Das sind 0,30 Euro je Kilometer für die Hin- und Rückfahrt.

Beispiel: Baustellenleiter Huber ist seit 2010 auf derselben Baustelle eingesetzt. Da die Werkverträge seines Arbeitgebers jedes Mal nur eine Laufzeit von 36 Monaten haben, ist nie klar, ob diese verlängert werden. Da also nicht von vornherein eine Einsatzdauer von mehr als 48 Monaten klar war, beantragt er für die Fahrtkosten Werbungskosten in Höhe von 4.830 Euro (230 Tage x 35 km x 2 x 0,30 Euro/km).

Finanzgericht Münster gibt Kläger Recht

Im Streitfall weigerte sich das Finanzamt, die höheren Fahrtkosten als Werbungskosten zum Abzug zuzulassen. Doch mit seiner Klage beim Finanzgericht Münster hatte der Baustellenleiter Erfolg. Die Richter folgten seiner Argumentation, die übrigens sogar in einem BMF-Schreiben zu finden ist (BMF-Schreiben v. 24.10.2014, Az.: IV C 5 – S 2353/14/10002). Ist nicht von Anfang an damit zu rechnen, dass die Entsendung auf die Baustelle länger als 48 Monate dauern wird, und ist das Dienstverhältnis nicht auf die Dauer der Baustellenarbeiten befristet, handelt es sich bei der Baustelle um keine erste Tätigkeitsstätte (FG Münster v. 25.03.2019, Az.: 1 K 447/16 E).

Nachweise durch Arbeitgeber

In den Genuss des doppelten Werbungskostenabzugs für Fahrtkosten kommen Sie aber nur, wenn Sie dem Finanzamt plausible Nachweise und Bestätigungen Ihres Arbeitgebers vorlegen können, aus denen ersichtlich ist, dass die Tätigkeit zu keinem Zeitpunkt für mehr als 48 Monate geplant war. Als plausible Nachweise ließen die Richter aus Münster folgende Argumente und Unterlagen zu:
  • Die Verträge mit dem Auftraggeber wurden jeweils nur über 36 Monate abgeschlossen.
  • Der Arbeitgeber kalkulierte seinen Personalbedarf und seine Kosten nachweislich nur für 36 Monate und nicht darüber hinaus.
  • Im Arbeitsvertrag und in dienstrechtlichen Vereinbarungen finden sich nur Entsendungen auf die Baustelle für die Dauer des Werksvertrags (also für maximal 36 Monate).

Zusätzliche pauschale Werbungskosten

Können Sie das Finanzamt davon überzeugen, dass Sie auf einer Baustelle mit einer Dauer von mehr als vier Jahren keine erste Tätigkeitsstätte haben, sind Sie steuerlich gesehen dauerhaft im Rahmen einer "beruflichen Auswärtstätigkeit" unterwegs. Das eröffnet die Möglichkeit, dem Finanzamt weitere – pauschale – Werbungskosten zu präsentieren. Die Rede ist von Verpflegungspauschalen. Als Werbungskosten abziehbar sind Verpflegungspauschalen in folgender Höhe:
  • 12 Euro pro Tag, wenn Sie aus beruflichen Gründen mehr als acht Stunden von zu Hause weg waren.
  • 24 Euro pro Tag, wenn Sie auswärtig übernachten müssen. Für den An- und Abreisetag dürfen 12 Euro als Werbungskosten berücksichtigt werden.
Das Problem dabei: Den Werbungskostenabzug für Verpflegungspauschalen gibt es nur für die ersten drei Monate einer beruflichen Auswärtstätigkeit am selben Ort. Wenn Sie schon Jahre auf der Baustelle arbeiten, greift dieser Steuerspareffekt grundsätzlich nicht. Doch es gibt in der Praxis eine Ausnahme. Zuvor einige Beispiele zu den Grundfällen:

Beispiel: Sie sind seit 2010 auf derselben Baustelle und nachweislich an 230 Tagen aus beruflichen Gründen mehr als acht Stunden von zu Hause weg. Sie beantragen einen Werbungskostenabzug für Verpflegungspauschalen in Höhe von 2.760 Euro. Das Finanzamt wird ablehnen, weil Sie schon länger als drei Monate auf derselben Baustelle eingesetzt sind.

Variante: Sie wurden 2018 erstmals auf einer Baustelle eingesetzt (Dauer laut Werkvertrag unter 48 Monaten). Da Sie nachweislich an 230 Tagen aus beruflichen Gründen mehr als acht Stunden von zu Hause weg waren, beantragen Sie einen Werbungskostenabzug für Verpflegungspauschalen in Höhe von 2.760 Euro. Sie haben hier tatsächlich einen Anspruch auf Abzug von Verpflegungspauschalen, allerdings nur für die ersten drei Monate, bei einer Fünf-Tage-Woche also in Höhe von 756 Euro (63 Tage x 12 Euro).

Vierwöchige Unterbrechung

Lassen Sie das Jahr 2018 unbedingt noch einmal Revue passieren. Haben Sie Ihre Tätigkeit auf der Baustelle nämlich für mindestens vier Wochen am Stück unterbrochen (Urlaub, Fortbildung, Krankheit, andere Baustelle, auch eine Kombination aus diesen Unterbrechungen), beginnt die Drei-Monats-Frist für den Werbungskostenabzug bezüglich der Verpflegungspauschale neu zu laufen (BMF-Schreiben v. 24.10.2014, Randnummer 53).

Beispiel: Sie sind bereits seit 2010 auf derselben Baustelle. Im Jahr 2018 kam es wegen drei Wochen Urlaub, einer Woche Fortbildung und einer Woche Krankheit zu einer Unterbrechung der Tätigkeit auf der Baustelle von fünf Wochen am Stück.

Folge: Obwohl Sie schon so viele Jahre auf derselben Baustelle tätig sind, beginnt die Drei-Monats-Frist nach Wiederaufnahme der Tätigkeit auf der Baustelle neu zu laufen. Sie können dem Finanzamt somit für die nächsten drei Monate einen Werbungskostenabzug für die Verpflegungspauschalen präsentieren.

Steuertipp: Bei einem Dauereinsatz auf einer Baustelle können Sie im laufenden Jahr durch mindestens vierwöchige Unterbrechungen mehrmals im Jahr die Drei-Monats-Frist wieder aktivieren und für mehr als drei Monate Verpflegungspauschalen steuerlich kreieren.

Freiwillige Steuererklärung

Sind Sie nicht zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet und haben auch keine abgegeben, weil die Fahrtkosten zur Baustelle mit der Entfernungspauschale nur 800 Euro betragen hätten (jeder Arbeitnehmer bekommt sowieso automatisch einen Werbungskostenabzug von 1.000 Euro), sollten Sie nun aktiv werden, freiwillig Steuererklärungen beim Finanzamt einreichen und 1.600 Euro Fahrtkosten in der Anlage N zur Steuererklärung als Werbungskosten eintragen. Dann winkt eine Steuer­erstattung. Sie können sogar noch Erklärungen für längst abgelaufene Steuerjahre freiwillig abgeben. Sie können 2019 sogar noch die Erklärung für 2015 abgeben.

Erstattungen des Arbeitgebers

Kleiner Wermutstropfen zum Schluss. Sie dürfen nach dem Urteil des Finanzgerichts Münster trotz Daueraufenthalt auf einer Baustelle zwar die doppelten Fahrtkosten als Werbungskosten abziehen. Doch Erstattungen des Arbeitgebers für Fahrtkosten müssen Sie gegenrechnen. Dazu gibt es in der Anlage N eine Extrazeile, in der Sie diese Erstattungen angeben müssen.

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