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Das Handwerk hat vom Kohlebergbau profitiert Langer Abschied von der Kohle

Mit den Zechenschließungen begann schon in den 1960er Jahren der Strukturwandel im Ruhrgebiet. Zwei Handwerksbetriebe berichten über ihre Erfahrungen. Das Ende der Kohleförderung der letzten noch betriebenen Zeche Prosper-Haniel nimmt das Handwerk im Westen zum Anlass, auf Versäumnisse hinzuweisen.

Mit der Bottroper Zeche Prosper-Haniel geht im Dezember das Kapitel Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet nach rund 200 Jahren endgültig zu Ende. Zwei Unternehmer berichten, wie sie den schon in den 60er Jahren einsetzenden Strukturwandel miterlebt haben.

Wenn es nach Wenke Völkmann-Gröne geht, hätte man den Steinkohlebergbau nicht abschaffen müssen. Das sei eine politische Entscheidung gewesen, meint die Geschäftsführerin von Maschinenfabrik Völkmann aus Dortmund. Schließlich sei die Steinkohle qualitativ hochwertig und die deutsche Bergbautechnik weltweit anerkannt.

Dass ihre Heimatstadt den unumkehrbaren Strukturwandel dennoch gut gemeistert hat, davon ist sie überzeugt. Dem Klischee vom Ruhrgebiet als abgehängtem Wirtschaftsraum möchte sie vehement widersprechen. Dortmund insgesamt sieht sie auf einem guten Weg. Im Hightech- und im Logistiksektor entstünden immer mehr Arbeitsplätze.

Erfolg bremst Anpassung

Dabei lässt sich ihr Betrieb durchaus als Blaupause für eine gelungene Umstrukturierung hernehmen, obwohl Völkmann-Gröne zugibt, dass auch das eigene Unternehmen nicht ohne Blessuren davongekommen ist. Grund dafür war ausgerechnet der Erfolg.

1936 von Großvater Emil Völkmann gegründet, entwickelte sich das Unternehmen vom Lkw-Instandsetzer zum Reparaturbetrieb für Getriebe und Komponenten für den Untertagebau. Ab den 70er Jahren gehörten alle Schachtanlagen in Deutschland zu den Kunden und die Umsätze wurden zu 100 Prozent mit dem Bergbau gemacht – mit in den besten Zeiten 100 Mitarbeitern.

Wenke Völkmann-Gröne.

Neu orientiert hat sich der Betrieb erst Anfang der 2000er Jahre, als Völkmann-Gröne mit ihrem Mann Wilhelm Gröne den Betrieb übernahm. Wegen des großen Kundenstamms mit praktisch allen Zechen in Deutschland und der breiten Produktpalette waren die Umsätze mit dem Steinkohlebergbau bis dahin nicht spürbar zurückgegangen. Ändern musste sich trotzdem etwas. Weil man so lang damit gewartet hatte, waren die notwendigen Änderungen und Umstrukturierungen umso schmerzhafter.

Nach und nach wechselten die Kunden und damit die Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen, mit denen die Mitarbeiter erst umzugehen lernen mussten. Die Belegschaft auf neue Kunden und Geschäftsfelder einzustellen, sei ein echter Kraftakt gewesen. Wie in vielen Unternehmen waren die Menschen skeptisch und hatten Angst vor Veränderung. Völkmann-Gröne setzte auf die Potenziale ihrer erfahrenen Belegschaft und den Transfer von Fach- und Erfahrungswissen. Zudem konzentrierte sich die Maschinenfabrik Völkmann auf die Fertigung von Schweißbaugruppen und die Instandsetzung von Antriebstechnik.

Ganz ohne Aderlass ging das Unternehmen nicht daraus hervor. Teile der Produktpalette wurden abgegeben, einzelne Qualifikationen wurden nicht ersetzt und auch betriebsbedingte Kündigungen ließen sich nicht vermeiden. So zählt der Betrieb heute noch 40 Mitarbeiter. Der Aufwand hat sich dennoch gelohnt. Seit 2012 ist die Umstrukturierung abgeschlossen – Kundenzahl und Umsätze sind stabil.

Das Feindbild qualmende Hochöfen

Diese Art Wandel hat das Ruhrgebiet in den vergangenen 50 Jahren bestimmt. Karl-Peter Ellerbrock kann daran erst einmal nichts Verkehrtes finden und verweist auf immer währende Umbrüche. "Hier liegt ja die Wirtschaft nicht am Boden", sagt der Direktor der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv in Dortmund. An die Stelle träger Montankonzerne seien international operierende mittelständische Unternehmen getreten.

Allerdings gebe es zu wenig produzierende Betriebe und eine industriefeindliche Grundstimmung. Für die Wertschöpfung seien solche Firmen jedoch wichtig. Doch schon allein die Ausweisung neuer Gewerbeflächen sei extrem schwierig. "Das hat vielleicht mit der immer noch vorherrschenden Vorstellung von qualmenden Hochöfen zu tun", vermutet Ellerbrock.

Als vor rund 200 Jahren der Aufstieg dieser Hochöfen begann, profitierte auch das Handwerk davon. Kohle und Stahl boomten durch die Industrialisierung. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit der wachsenden Förderung der Kohlevorräte und der Stahlproduktion der Aufstieg des Ruhrgebiets. "Die Montanindustrie war damals die New Economy des 19. Jahrhunderts", sagt Ellerbrock.

Seit den 1850er Jahren beschleunigte sich gleichzeitig das Wachstum der Handwerksbetriebe. Nach Erkenntnissen des Westfälischen Wirtschaftsarchives stieg zwischen 1849 und 1895 in Westfalen die Handwerksdichte (Beschäftigte/10.000 Einwohner) von 423 auf 513 an. Die Zahl der Handwerker wuchs stärker als die der Bevölkerung. Der Ausbau der Städte und der dazugehörigen Infrastruktur hat vor allem Branchen wie dem Baugewerbe, Tischlern, Tapezierern oder Ofensetzern genutzt.

Handwerker verdienten mehr als Industriearbeiter

Wirtschaftlich standen die Betriebe auf einem soliden Fundament. Da die Handwerker nach und nach auch in Betriebswirtschaft fitter wurden, sorgten sie für eine bessere Eigenkapitalausstattung ihrer Betriebe. Zusätzlich gründeten Handwerker Banken auf genossenschaftlicher Basis. Wissenschaftliche Berechnungen zeigen, dass die Arbeitseinkommen der Handwerker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über den durchschnittlichen Löhnen der Industriearbeiter lagen.

Handwerkliche Werkstatt in einer Zeche

Auch heute sieht sich das Handwerk mit rund 282.000 Erwerbstätigen in fast 45.000 Betrieben (2016) auf Augenhöhe mit der Industrie. Dennoch ist die Betriebsdichte im Revier geringer als im übrigen Nordrhein-Westfalen – ebenso die Anzahl der tätigen Personen, die der Auszubildenden und die Höhe des Umsatzes. Die Handwerkskammern in der Region Ruhr haben deshalb anlässlich des Endes der Steinkohleförderung im Ruhrgebiet das Positionspapier "Mittelstandsmetropole Ruhr" vorgelegt.

Die drei zuständigen Kammern aus Düsseldorf, Dortmund und Münster fordern darin eine "grundsätzliche strukturpolitische Neuausrichtung" der Ruhrförderung in Richtung mittelständische Wirtschaft. Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf beklagt, dass der Strukturwandel falsche Schwerpunkte gesetzt hat. Politik, Gewerkschaften, Konzerne und große Teile der Bevölkerung blickten auch heute noch allein auf Kohle, Energiewirtschaft und Stahl. "Das Handwerk wirkt stabilisierend, kommt in der Wahrnehmung aber kaum vor", bedauert Ehlert. Das Ruhr-Handwerk will vor allem das berufliche Bildungswesen gestärkt und die Innovationsfähigkeit kleinerer Betriebe in Zukunftsmärkten wie erneuerbare Energien gefördert sehen.

Das Ruhrgebiet hinkt hinterher

An wirtschaftspolitischen Initiativen und strukturpolitischen Programmen hat es dem Ruhrgebiet in den vergangenen 50 Jahren wahrlich nicht gemangelt. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) haben diese Bemühungen jedoch nichts gebracht. Bei vielen Wirtschaftsindikatoren hinke die einst führende Industrieregion Europas anderen deutschen Ballungsräumen hinterher. Allein das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner sei 2016 im Ruhrgebiet mit 32.500 Euro nur etwa halb so hoch gewesen wie im Großraum München.

Die wichtigsten Kennzahlen:

  • Die Einwohnerzahl ist zwischen 2000 und 2015 um fast 5 Prozent auf 5,1 Millionen gesunken.
  • Die Arbeitslosigkeit ist in vielen Städten und Kreisen überdurchschnittlich hoch: In Gelsenkirchen, Duisburg, Herne, Essen und Dortmund lag die Quote im September 2018 bei über 10 Prozent, Deutschland verzeichnete eine Quote von 5 Prozent.
  • Die Akademikerdichte (Anteil der Arbeitskräfte mit Hochschul- oder Meisterabschluss) lag 2015 bei 12,5 Prozent, sieben Metropolregionen haben 19,6 Prozent und Deutschland gesamt 14,3 Prozent Akademiker. Der Region fehlen damit Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung,
  • Die Gründungsaktivitäten sind relativ gering (30 Gewerbeanmeldungen auf 10.000 Einwohner im Jahr 2016, 40 Anmeldungen in sieben deutschen Metropolregionen).
  • Straßen, Brücken und Bahnen sind in einem schlechten Zustand. Bund, Länder und Kommunen haben zu wenig investiert. Regionalfördermittel sind vorrangig in die ostdeutschen Bundesländer geflossen.
  • Überschuldung: Viele Städte sind überschuldet und haben keine finanziellen Spielräume für Investitionen. Die Steuerkraft der Ruhrgebietskommunen betrug 2015 692 Euro je Einwohner (in den sieben Metropolrgeionen durchschnittlich 1.034 Euro).
Quelle: IW Köln/IW Medien

Heinz-Joseph Blastik sieht den Strukturwandel ähnlich kritisch wie die Kammern. Der Seniorchef der Blastik-Bau GmbH aus Duisburg schätzt, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten nichts mehr getan hat. "Die Investoren sehen hier keine Chancen", sagt der Maurermeister. Keine Gewerbefläche, keine Fachkräfte, als Standort nicht attraktiv genug.

Der ehemalige Firmenchef, der seinen Betrieb vor 16 Jahren an seinen Sohn übergeben hat, ist vor allem nicht glücklich mit der Entwicklung in den Bau- und Ausbaugewerken. Von den 45 Betrieben, die die Bau-Innung Duisburg noch zähle, stehe ein Großteil mit dem Rücken zur Wand – aufgerieben zwischen Kostendruck und Billigkonkurrenz. Viele der Traditionsbetriebe, die es oft schon seit den 1930er Jahren gebe, hätten ihre Innungsmitgliedschaft gekündigt, weil sie die Tarifabschlüsse, die hauptsächlich von der Industrie veranlasst sind, nicht bezahlen könnten.

Folgen des Bergbaus sorgen weiterhin für Umsätze

Der Betrieb seines Sohnes profitiert mit immerhin noch 30 Prozent Umsatzanteil vom Bergbau. Vater Valentin Blastik hatte 1949 den Betrieb gegründet und kümmerte sich um den Wiederaufbau. Erst 1980 stieg Blastik ins Bergbau-Geschäft ein. Der Keller seines Hauses im Abbaugebiet Rheinberg, nördlich von Duisburg, war von Bergbau-Schäden betroffen.

Heinz-Joseph Blastik

Die verantwortliche Bergbaufirma fragte Blastik an, ob er nicht selbst bereit wäre, solche Reparaturaufträge zu übernehmen. Ein gutes Geschäft. Folgeschäden des Kohlebergbaus lassen sich schließlich überall finden. Häuser über Abrisskanten geraten durch die Absenkung des Erdreichs in Schieflage oder drohen teilweise auseinanderzubrechen. Blastiks Spezialität war es dann, diese Gebäude wieder ins Lot zu bringen.

Bis zu 50 Prozent Umsatzanteil brachte der Bergbau in den besten Zeiten. Die Schachtbetreiber waren wichtige Auftraggeber. Mit den Zechenschließungen ging ab Anfang der 1990er Jahre der Umsatz bei Blastik zurück. In den letzten 27 Jahren mussten vier Schachtanlagen im Radius von 15 Kilometern schließen. Blastik Bau macht Bauarbeiten aller Art – zusätzlich zur Reparatur der Bergwerksschäden.

Denn auch wenn die Zechen schließen, so heilen die Wunden, die der Bergbau ins Erdreich geschlagen hat, natürlich nicht so schnell. Rund zehn Jahre nach der Schließung einer Zeche verursacht der Untertagebau immer noch neue Schäden. Doch in absehbarer Zeit wird auch dieser Teil des Geschäfts Vergangenheit sein.

Positionspapier des Handwerks Region Ruhr

Zum Jahresende schließt mit Prosper Haniel in Bottrop die letzte Zeche im Revier. Die Handwerkskammern und Kreishandwerkerschaften im Ruhrgebiet haben diese Zäsur zum Anlass genommen, im Positionspapier "Mittelstandsmetropole Ruhr" eine "grundsätzliche Neuausrichtung der Strukturpolitik für die Region" zu fordern. Konkret geht es um die Potenziale von Handwerk und Mittelstand. Die Metropole Ruhr müsse zukünftig vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen setzen, wolle sie die Abhängigkeit von Monostrukturen ausgleichen und Ausbildung, Beschäftigung und Innovationskraft entwickeln.

Das Handwerk setzt dabei vor allem auf die Stärkung des Bildungswesens, das sich an Ruhr Emscher und Lippe durch eine besonders modernisierungsbedürftige Infrastruktur auszeichne. Eine Aktivierung der beruflichen Bildung mit dualen und trialen Ausbildungs-/Studiengängen soll ein Ansteigen der Fachkräftezahlen stimulieren. Langfristig soll damit auch die Gründungsaktivität steigen.

Der Schlüssel liegt nach Auffassung von Andreas Ehlert in der Qualifizierung von Fachkräften und in der Gründung qualifizierter Unternehmen im gewerblich-technischen Segment. Der Präsident des nordrhein-westfälischen Handwerks, Handwerk.NRW, verspricht sich vor allem vom Wissenstransfer aus den Hochschulen und Technologiezentren sowie durch benachbarte Wachstumsregionen einen Schub für das Handwerk.

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