Politik + Wirtschaft -

Integration in den Arbeitsmarkt Lange Asylverfahren erschweren Flüchtlingen die Jobsuche

Bis zu eineinhalb Jahre müssen Flüchtlinge auf ihren Asylbescheid warten. Das hat negative Konsequenzen für ihre Integration in den Arbeitsmarkt. Das Handwerk setzt sich schon länger für schnellere Verfahren ein. Mit den hohen Asylbewerberzahlen hat die Bearbeitungsdauer jedoch zunächst nichts zu tun.

Asylbewerber müssen in keinem Land so lange auf eine Entscheidung warten, wie in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach ist der Bearbeitungsstau von Asylanträgen in keinem anderen Land so hoch wie in der Bundesrepublik. Ende 2014 warteten 221.195 Flüchtlinge auf ihren Asylbescheid, bis Ende Februar 2015 stieg die Zahl laut Eurostat auf 243.000.

Für Asylbewerber bedeutet das monatelange Unsicherheit, ob sie bleiben dürfen. Durchschnittlich dauerten die Asylverfahren 7,1 Monate. Die Zahl variiert jedoch stark nach Herkunftsland. So müssen Asylbewerber aus Afghanistan durchschnittlich 16,5 Monate warten, Pakistani sogar 17,6 Monate.

Schlechte Qualität von Asylentscheiden

Das wirkt sich auf ihre Chancen aus, einen Job zu finden. Denn dieser Schwebezustand bedeutet auch für potenzielle Arbeitgeber Unsicherheit. Dabei hatte die Bundesregierung zuletzt die Residenzpflicht und das Arbeitsverbot für Asylbewerber auf drei Monate verkürzt, um Flüchtlinge schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Hinzu kommt laut der Studie die mangelnde Qualität der Asylentscheide. 13 Prozent der Bescheide wurden im Jahr 2013 von Gerichten korrigiert. Nötig für eine bessere und schnellere Bearbeitung sei unter anderem mehr Personal. Zudem sollten alle Bundesländer den Asylbewerbern bereits während der Wartezeit ermöglichen, Deutsch zu lernen, fordern die Studienautoren. Bislang dürfen Flüchtlinge nur in fünf Bundesländern Deutschkurse besuchen, während sie auf ihren Asylbescheid warten. Schlechte Sprachkenntnisse sind ein weiteres Hindernis für den Arbeitsmarkt und häufig Grund dafür, dass Ausbildungen abgebrochen werden.

Handwerk setzt sich für Flüchtlinge ein

Dabei wäre die Bereitschaft, Flüchtlinge einzustellen, groß. Vor allem im Handwerk bemüht man sich seit längerem darum, Asylanten als Auszubildende oder Fachkräfte einzustellen. So hat etwa die Handwerkskammer für Schwaben Patenschaften für junge Flüchtlinge übernommen. Die Handwerkskammer für München und Oberbayern stellte einen Berater ein, der junge Asylbewerber und Betriebe zusammenbringen soll. Ähnliche Beispiele gibt es in anderen Handwerkskammern in Deutschland. Auch immer mehr Betriebe und ehrenamtliche Helfer setzen derzeit sich für die Flüchtlinge ein.

Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks hatte die Politik bereits im Frühjahr aufgefordert, das deutsche Bleiberecht so zu ändern, dass Flüchtlinge, die eine Ausbildung hierzulande beginnen, danach zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Das sei auch eine Motivation für Betriebe, Flüchtlinge einzustellen.

"Wir dürfen diese Menschen nicht zum Nichtstun verurteilen. Flüchtling ist kein Beruf", sagte Wollseifer gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Derzeitiger Zustand "extrem unbefriedigend"

Auch eine große Mehrheit (84 Prozent) der Bundesbürger befürwortet es, den Flüchtlingen eine rasche Arbeitsaufnahme zu ermöglichen.

Den Flüchtlingen – von denen zwei Drittel im erwerbsfähigen Alter sind -  erschwere nichts so sehr, wie ein Schwebezustand ihres Asylverfahrens, erläutert Dietrich Thränhardt, Migrationswissenschaftler und Autor der Bertelsmann-Studie. Der derzeitige Zustand sei "extrem unbefriedigend".

Auch für die Akzeptanz der Flüchtlinge in der Bevölkerung könnten die Beschleunigung der Asylverfahren hilfreich sein. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung betont: "Je erfolgreicher und schneller die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt, desto eher können Bedenken entkräftet werden, Deutschland stoße bereits jetzt an seine Belastungsgrenze."

Dass der Bearbeitungsstau von Asylanträgen in Deutschland so groß ist, hat laut Studie übrigens nichts mit den hohen Asylbewerberzahlen zu tun. In Ländern wie Dänemark oder Schweden, in denen mehr Asylanträge pro Einwohner gestellt wurden, müssten die Flüchtlinge demnach nicht so lange auf eine Entscheidung warten. Im Koalitionsvertrag von 2013 hatte es sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, Asylverfahren auf drei Monate zu begrenzen. Noch ist man davon weit entfernt. sch

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten