Meisterstücke -

Ein Antrieb für das 21. Jahrhundert Landmaschinenmechanikermeister stellt das Differenzial aufs Abstellgleis

Frontantrieb, Heckantrieb oder Allrad? LT3 ist alles in einem. Der neue Antrieb funktioniert ohne Differenzial – eine Erfindung des Landmaschinenmechanikermeisters Werner Müller aus Bonndorf im Schwarzwald.

Wenn Werner Müller seine Erfindung erklären will, dann zeigt er am liebsten einen kurzen Film. Darin steuert er einen Hangmäher quer über eine extrem steile Wiese. Plötzlich wendet das Gefährt und mäht in Gegenrichtung weiter, ohne dass es abrutscht oder die Räder durchdrehen. Mit herkömmlichem Antrieb wäre das undenkbar.

Der Hang hat eine Neigung von 47 Grad. Oder 109 Prozent Gefälle, wie ein selbstgebasteltes Verkehrszeichen am Anfang des Videos verrät. In so exponiertem Gelände sind Fahrzeuge kaum noch zu bewegen. Entweder sie rutschen ab, weil die Räder durchdrehen und deshalb die Kraft nicht mehr auf den Boden übertragen können, oder es wird eine Differenzialsperre zugeschaltet. Dann lassen sie sich aber nicht mehr richtig lenken.

Geringerer Reifenverschleiß, weniger Kraftstoff

An Werner Müllers selbstgebautem Prototyp gibt es kein Differenzial mehr. Stattdessen wird die Antriebskraft je nach Anforderung direkt an die einzelnen Räder verteilt. Im Extremfall könnte die komplette Kraft auf ein Rad gelenkt werden – und Müllers Erfindung namens LT3 die Antriebstechnik revolutionieren. Denn LT3 vereint laut Müller die Vorteile von Front-, Heck- und Allradantrieb und schaltet die Nachteile aus. Die Industrie würde von Materialeinsparungen profitieren, die Autofahrer von mehr Sicherheit sowie geringerem Reifenverschleiß und Kraftstoffverbrauch.

Landmaschinenmechanikermeister Werner Müller
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Seit mehr als zehn Jahren tüftelt Werner Müller an einem neuen Antrieb, den er Line Traction (LT) nennt. Die Differenzialsperre hält der Landmaschinenmechanikermeister aus Bonndorf im Schwarzwald für „eine unsaubere Lösung“.

Das Differenzialgetriebe für Fahrzeuge wurde 1827 vom Franzosen Pecqueur erfunden und ist bis heute – mechanisch nahezu unverändert – im Einsatz. „Es kann doch nicht sein, dass im 21. Jahrhundert bei Fahrzeugen im steilen Gelände die Räder durchdrehen“, sagt Müller. Dass es anders geht, beweist er mit seinem Prototyp. Aber marktfähig sei sein Hangmäher damit noch nicht. Zu teuer, zu schwer und eine schlechte Energiebilanz, musste der Erfinder konstatieren, nachdem er bereits zwei Prototypen wieder verschrottet hatte.

Mechanik statt Hydraulik

Bei allen drei Fahrzeugen wurden die Räder hydraulisch angetrieben. Dafür benötigte Müller allein 240 Liter Öl. Der Hydraulikexperte musste einsehen, dass eine mechanische Lösung am effizientesten ist. Also entwickelte er Line Traction weiter. Dabei nutzt er die drehmomentausgleichenden Eigenschaften von Planetengetrieben, die für jedes Rad einzeln elektronisch angesteuert werden. Einen neuen Prototyp gibt es aber noch nicht. Dafür sucht der Inhaber der Firma Müller Landmaschinen noch Partner.

„In zehn Jahren Entwicklungsarbeit habe ich bereits mehr als eine Million Euro in das Projekt investiert. Mehr kann ich meinem Betrieb nicht zumuten“, sagt Müller, der seinen Beruf von der Pike auf gelernt hat. Von einem Bauernhof stammend, begann er mit 14 Jahren eine Lehre zum Landmaschinenmechaniker. Nach der Meister­prüfung 1980 übernahm Müller die Leitung einer Filiale der Firma Wessbecher in Bonndorf, die er fünf Jahre später kaufte.

Müller Landmaschinen bald mit neuem Standort

Seither ist der Familienbetrieb von fünf auf 20 Mitarbeiter gewachsen. Rund 7.000 Einträge stehen in der Kundenkartei der Firma, die 1.200 Landwirte im Umkreis von 80 Kilometern betreut. Durch die unterschiedlichen Höhen­lagen zwischen dem nur 200 Meter hohen Rheintal an der Schweizer Grenze bis hinauf zum Kamm des Schwarzwaldes dauert die Saison von Mitte April bis Mitte November. Aber auch im Winter geht die Arbeit nicht aus, wenn die Räumtechnik in der schneereichen Region nach einem Servicebetrieb verlangt.

Das Firmengebäude scheint derweil aus allen Nähten zu platzen, viele Arbeiten müssen im Freien erledigt werden. Aber auch dort drängen sich Traktoren, Erntemaschinen und Reifenstapel auf engstem Raum. Doch die Arbeitsbedingungen sollen sich bald verbessern. Ende Oktober feierte die Belegschaft den ersten Spatenstich für den neuen Firmensitz am anderen Ende des Ortes.

Mit 3.000 Quadratmetern wird die neue Halle genug Platz für 30 Arbeitsplätze bieten, das Grundstück wächst von 4.800 auf 15.000 Quadratmeter. „Obwohl der Neubau zehnmal so groß ist wie unser altes Gebäude, wird er 30 Prozent weniger Energie verbrauchen“, sagt Müller, der bei den Planungen für den künftigen Standort alle Mitarbeiter eingebunden hat.

Patent steht zum Verkauf

Mitunter gerät er regelrecht ins Schwärmen, wenn er von seinen Mitarbeitern spricht. Etwa von Daniel Kienberger, der bei einem Kunden einen neuen Melkroboter selbstständig installiert hat. Als die Herstellerfirma anrief, wann sie denn ihren Elektroniker schicken solle, war die Anlage längst in Betrieb. „Wir sind eben Herzblutleute. Wenn wir etwas machen, dann mit Leib und Seele. Und wenn es ein Problem gibt, dann bleiben wir so lange dran, bis wir eine Lösung haben.“

Dieser Maxime ist Müller auch bei seiner Suche nach einem neuen Antrieb gefolgt. Die Lösung ist inzwischen gefunden. Für sein LT3-System hat der Tüftler das Patent für Deutschland in der Tasche, für die EU, Japan, Südkorea und die USA ist es angemeldet. Wenn sein jüngster Sohn Johannes, der schon als Schüler in die ersten Versuche mit dem neuen Antrieb eingebunden war, demnächst sein Bachelor-Studium of Engineers abgeschlossen hat, soll er das Projekt weiter vorantreiben. Gefördert über das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand soll am Karlsruher Institut für Technologie, das auch die neue Software und Sensorik entwickelt, ein neuer Prototyp entstehen. Unterdessen verhandelt Müller mit Interessenten aus der Industrie über einen Verkauf seines Patents.

Anderthalb Jahre wird der wissenschaftlich-technische Nachweis für die Funktionsfähigkeit von LT3 wohl noch in Anspruch nehmen, vermutet Müller. Im Falle des Erfolges wird vieles denkbar: Zum Beispiel Nutzfahrzeuge mit den Fahreigenschaften eines Unimogs, aber den Herstellungskosten eines Lkws.

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