Konjunktur -

Interview mit Joachim Möller "Kurzarbeit hat Vorteile trotz der Kosten"

Arbeitsmarktforscher Joachim Möller erwartet, dass die Arbeitslosenquote leicht steigt. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung erklärt er, warum er davon ausgeht, dass sich 2013 der Anteil der Kurzarbeit verdreifachen wird.

DHZ: Herr Möller, die Bundesregierung hat sich entschlossen, das Kurzarbeitergeld von sechs auf zwölf Monate zu verlängern. Ist die wirtschaftliche Entwicklung so besorgniserregend?

Joachim Möller: Die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland bleibt natürlich nicht völlig unberührt von der europäischen Schuldenkrise. Das hat auch Folgen für den Arbeitsmarkt, der sich aber bisher insgesamt noch sehr robust zeigt. In unserer Prognose für die kommenden zwölf Monate gehen wir davon aus, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird, aber nur leicht. Im Jahresdurchschnitt 2013 wird demnach die Zahl der Arbeitslosen mit 2,94 Millionen um 40.000 höher liegen als 2012.

DHZ: Gibt es Branchen, die besonders stark Kurzarbeit nachfragen?

Möller: Wenn man die Anzeigen von Kurzarbeit betrachtet, zeigt sich: Im Oktober waren es insbesondere die Branchen Maschinenbau, Elektronik und Optik sowie im Metallbereich. Im November betrafen die meisten Anzeigen Arbeitnehmer aus dem Maschinenbau, der Metall- und der Automobil­industrie.

DHZ: Kurzarbeit gibt es immer. Bis zu welcher Größe ist es normal? Wo stehen wir jetzt? Womit rechnen Sie 2013?

Möller: In Nicht-Krisenzeiten sind bis zu 100.000 konjunkturelle Kurzarbeiter normal. Für das Jahr 2012 ist mit rund 60.000 konjunkturellen Kurzarbeitern im Jahresdurchschnitt zu rechnen. Im Jahr 2013 könnte sich aus heutiger Sicht die Zahl verdreifachen.

DHZ: Bei der Verlängerung der Kurzarbeiterregel denkt man zwangsläufig an 2009, als die Wirtschaft regelrecht eingebrochen ist. Wie hoch war die Zahl der Kurzarbeiter im Krisenjahr 2009 und ist die Lage mit damals vergleichbar?

Möller: Der Spitzenwert waren 1,4 Millionen konjunkturelle Kurzarbeiter im Mai 2009. Die aktuelle Lage ist ganz eindeutig nicht mit 2009 vergleichbar. Es gibt keine flächendeckenden Auftragseinbrüche. Vielmehr können in vielen Branchen die Auftragseinbrüche aus den südeuropäischen Staaten durch außereuropäische Exporte kompensiert werden.

DHZ: Was ist die Lehre von 2009 für 2013?

Möller: Kurzarbeit ist ein sehr hilfreiches Instrument beim Abfedern von vorübergehenden Nachfrageausfällen. So lange wir keine Strukturkrise der deutschen Wirtschaft haben, sondern nur einen temporären Nachfragerückgang, sind die Ausgaben für Kurzarbeit sehr sinnvoll.

DHZ: Wie hoch sind die Kosten und was sind die Vorteile der Kurzarbeiterre­gelung?

Möller: Die Ausgaben für das konjunkturelle Kurzarbeitergeld können sich 2013 durchaus auf mehr als eine halbe Milliarde Euro für die Bundesagentur für Arbeit summieren. Auch den Betrieben entstehen durch die Kurzarbeit Kosten und die Beschäftigten haben Einkommenseinbußen. Auf der anderen Seite stehen aber viele Vorteile: Wenn Unternehmen Mitarbeiter entlassen, müssen sie in vielen Fällen Abfindungen zahlen und im nächsten Aufschwung neue Mitarbeiter suchen. Das ist auch nicht billig, und das Wiedereinstellen von Personal dauert dann auch seine Zeit. Für die Beschäftigten ist Kurzarbeit sowieso allemal besser als entlassen zu werden.

DHZ: Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände fordert, Kurzarbeit auch für Leiharbeiter zu ermöglichen. Widerspricht das nicht dem Konzept der Leiharbeit, da die Mitarbeiter ohnehin nicht dauerhaft in den Unternehmen arbeiten sollen?

Möller: Man muss zwischen der Einsatzdauer der Leiharbeit in den Entleihbetrieben und der Beschäftigungsdauer beim Zeitarbeitsunternehmen unterscheiden. Wenn Zeitarbeitsunternehmen zwischen den Einsätzen bei den Entleihbetrieben die Leiharbeiter in Beschäftigung halten und vielleicht sogar weiterqualifizieren, ist das sicher zu begrüßen.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten