Panorama -

Handwerk aus der Eiszeit Kunstwerke aus Mammutelfenbein

Seit tausenden Jahren fertigen Menschen Schmuck und Musikinstrumente aus Elfenbein. Im Odenwald führt Bernhard Röck die Tradition des Elfenbeinschnitzens fort.

Bernhard Röck sitzt in seiner Werkstatt im Odenwald. In der einen Hand hält er ein Stück fossiles Elfenbein, in der anderen eine Handfräse. Die Konturen des Werkstücks lassen das Endprodukt schon erahnen. Ein Mammut. "Wie es damals wahrscheinlich tatsächlich aussah, als es vor 40.000 Jahren aus einem Mammut-Stoßzahn geschnitzt wurde." Mit einer stark abfallenden Rückenlinie und kleinen Ohren. Große Ohren wären wohl zu anfällig für die Kälte gewesen. Das abgefräste Elfenbein wirbelt durch die Luft und rieselt auf die Werkbänke und Regale nieder. Veredelt wird das fertige Stück mit Schabern und Schleifpapier, um die feinen Konturen heraus zuarbeiten.

Röck ist einer von wenigen Elfenbeinschnitzern in Deutschland. Vor 40 Jahren gab es im Odenwald noch zahlreiche Fachgeschäfte für Elfenbein und Produktionsstätten. Hier kam auch Röck, der diplomierte Industriedesigner, in der Knopffabrik seines Schwiegervaters in Kontakt mit dem Werkstoff. Kurz darauf gründete er eine eigene Werkstatt. Der Geschäftsführer der Drechsler- u. Elfenbeinschnitzer-Innung Erbach Odenwaldkreis wurde aufgrund seines Studiums und der langjährigen Erfahrung in die Handwerksrolle der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-­Main eingetragen.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde Erbach zu einem Zentrum für Elfenbeinschnitzerei in Europa. Auf Initiative des Grafen Franz I. zu Erbach-Erbach kam das Material in seine Residenzstadt, die bald den Namen "Elfenbeinstadt" trug.

Die Rettung der Elfenbeinschnitzerei

In den 1980er-Jahren waren weltweit die Elefantenbestände um die Hälfte zurückgegangen. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen verbot 1889 den Handel mit Elfenbein, um die Elefanten zu schützen. Das stellte einen großen Einschnitt für das Handwerk der Elfenbeinschnitzer dar. Es musste Ersatz gefunden werden, andernfalls wäre das Handwerk am Ende gewesen. Heute arbeiten die verbliebenen Elfenbeinschnitzer mit fossilem Elfenbein, Mammutelfenbein. Der Bestand ist noch lange nicht erschöpft.

Den Werkstoff bezieht Röck aus Russland oder tauscht größere Stücke gegen Restbestände, die bei Arbeiten von Kollegen anfallen. Im Jahr 1991 gehörte er selbst einer Expedition in den Nordosten Sibiriens an. Ein Kamerateam begleitete die Abenteurer und hielt die Reise im Film "Die Mammut-Story" fest.

Handwerk mit langer Geschichte

In dem Lager von Bernhard Röck lagert Elfenbein.

Faszinierend, sagt er, ist die lange Geschichte der Elfenbeinbearbeitung. "Mich treibt der Gedanke an, den Menschen zu zeigen, wie aus Elfenbein erste Kunst, Schmuckstücke und Musikintrumente entstanden sind. Elfenbein ist etwas für die Ewigkeit." Daher arbeitet er auch lieber mit fossilem Elfenbein. Elefanten gab es vor 40.000 Jahren in Europa nicht. Aber von dem Charaktertier der Eiszeit, dem wollhaarigen Mammut, lebten große Herden in der sogenannten Mammutsteppe. Seine anderen Werkstoffe wurden ebenso in der Eiszeit verwendet. Neben Kisten mit Mammutelfenbein lagern Gagat (Pechkohle), Bernstein, Geweihe aber auch Taguanüsse. Der Samen einer Palme, der aufgrund seiner Beschaffenheit und Verarbeitungsmöglichkeiten auch Elfenbeinnuss genannt wird. Über das wenige Elefantenelfenbein aus Altbeständen muss Röck präzise Buch führen und verwendet es deshalb kaum. Auch weil Elfenbein häufig im Zusammenhang mit Wilderei genannt wird. Elfenbeinschnitzer in China seien da nicht so zimperlich.

Für seine Nachbildungen von Schnitzereien aus der Steinzeit ist er oft mit Forschern und Archäologen im Gespräch. Erst kürzlich bildete er das Vogelherdpferd nach. Das Original wurde bei Ausgrabungen der Universität Tübingen im Jahr 1931 geborgen. Die Archäologen fanden es im Lonetal auf der Schwäbischen Alb, genauer in der Vogelherd-Höhle. Es zeigt ein urzeitliches Wildpferd. Durch die Witterung wurde das weiße Elfenbein dunkel. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Beine und die rechte Rumpfhälfte fehlen.

Urformen aus fossilem Elfenbein

Die Nachbildungen für solche Stücke erstellt Röck in zwei Versionen. Für die eine Version kopiert er das beschädigte Fundstück aus fossilem Elfenbein originalgetreu nach. Für die zweite Version ist mehr Aufwand nötig. Der Elfenbeinschnitzer redet dafür mit Experten und erarbeitet ein Modell, das nahe an den Urzustand herankommen soll. Fehlende Teile rekonstruiert er anhand früherer Funde und seinem Wissen. Da die nachgeschnitzten Artefakte ursprüngliche Größe, Werkstoff und Volumen haben, nennt Röck sie Urformen.

Aus Elfenbein gefertigter Anhänger für eine Halskette.

Geld verdient Röck über den Verkauf seiner Arbeiten in Online- und Museumsshops. Dort finden die Besucher Nachbildungen der Stücke, die sie soeben im Museum bewundert haben, Schmuck, aber auch Bastelboxen, um eigenen Schmuck aus Mammutelfenbein zu fertigen. Einige seiner Werkstücke haben es aber auch schon selbst in Museen geschafft, um neben den Originalfunden ausgestellt zu werden. Für die filigrane Arbeit sind geübte Hände erforderlich.

Forscher und Adel interessieren sich für Elfenbein

Seine Werkbank steht am Kopfende der kleinen Werkstatt. Davor acht Arbeitsplätze für Besucher – sein zweites finanzielles Standbein. Zufällig verirrt sich kaum jemand in den etwas abgelegenen Erbacher Stadtteil Günterfürst. Trotzdem ist seine Werkstatt an den wenigen Terminen, an denen er sie für Kurse öffnet, gut besucht. Für den Odenwälder Adel, Nachfolger des Grafen, der das Elfenbein einst in die Region brachte, sowie Urzeitforscher gibt Röck gerne auch private Kurse. Besucher der Universität Tübingen ließen sich von dem Elfenbeinschnitzer zeigen, wie vor tausenden Jahren geschnitzt wurde. So konnten sie die Herstellung ihrer archäologischen Funde besser verstehen. Zahlreiche Fachbücher mit Widmungen der Autoren zeugen von seinem Einsatz für die Forschung.

Bernhard Röck ist stolz auf seine Arbeit und die Fortführung einer jahrtausendealten Tradition. "Das Handwerk der Elfenbeinschnitzer ist die Geburtsstätte aller künstlerischen und handwerklichen Berufe."

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