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Kritik zum Kinofilm "Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat" Das Märchen von der eigenen Konditorei

Am 10. September startet der warmherzige Wohlfühlfilm "Love Sarah" im Kino. Lesen Sie hier, warum man den Saal zwar mit einem Lächeln wieder verlässt – warum die zweifelhafte Botschaft des Films aber vor allem gelernten Konditoren sauer aufstoßen dürfte.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine Konditorei in einem fremden Land und bitten den Inhaber darum, Ihr ganz persönliches Lieblingsgebäck aus Ihrer Heimat ins Sortiment zu nehmen. Schon am nächsten Tag liegt es tatsächlich für Sie bereit – und schmeckt sogar genauso gut, wie Sie es von Ihrem Konditor daheim gewöhnt sind, obwohl der ausländische Zuckerbäcker bis dato weder Sie, noch ihre Lieblingsspeise kannte. Eine ziemlich realitätsferne Vorstellung, oder?

Auf der großen Leinwand ist bekanntlich alles möglich – und so feiern drei engagierte Frauen und ein arbeitsloser Sternekoch in der Feel-Good-Komödie "Love Sarah", die am 10. September mit etwas Corona-Verspätung in den deutschen Kinos startet, mit diesem Geschäftsmodell auch umgehend Erfolg. Zwar hat keiner von ihnen das Konditorhandwerk erlernt, doch reichen ein wenig Talent in der Backstube und eiserner Glaube an die Mission bereits aus, um sich im knallharten Wettbewerb auf der Londoner Portobello Road mit selbst kreierten Süßspeisen und exotischen Backwaren gegen die kulinarische Konkurrenz zu behaupten. Wer braucht schon eine handwerkliche Ausbildung?

Die ziemlich zweifelhafte Botschaft

Schon der kitschige Untertitel "Liebe ist die wichtigste Zutat" lässt nicht nur das Genre der romantischen Komödie durchklingen, sondern auch befürchten, dass die Filmemacher einer handwerklichen Ausbildung und dem erlernten Basiswissen um das Zusammenspiel der Geschmackskomponenten keinen großen Stellenwert beimessen: Wer mit Herzblut bei der Sache ist, wird Mousse und Macarons schon irgendwie hinbekommen. So einfach ist das in der Vorstellung der britischen Regisseurin Eliza Schroeder und ihres Landsmannes Jake Brunger, der das Drehbuch zu diesem warmherzigen, aber auch ziemlich naiven Wohlfühlfilm konzipiert hat. Da wird die Konditorei auch einfach zur "Bakery", obwohl es dort weder Brötchen noch Brot zu kaufen gibt.

Eigentlich ist es nämlich die gelernte Bäckerin Sarah (Candice Brown), die sich im Film den Traum vom eigenen Laden in Notting Hill verwirklichen wollte – nachdem sie mit ihrer Freundin Isabella (Shelley Conn) den Kaufvertrag für ein leerstehendes Geschäft unterzeichnet hat, stirbt sie aber bei einem Fahrradunfall. Isabella will das Handtuch werfen, denn sie versteht mehr von Kosten und Kalkulationen als von Mehl und Milch. Doch sie rauft sich mit Sarahs eigenbrötlerischer Mutter Mimi (Celia Imrie), Sarahs 19-jähriger Tochter Clarissa (Shannon Tarbet) und dem umtriebigen Sternekoch Matthew (Rupert Penry-Jones) zusammen, um den Traum von der eigenen Bäckerei posthum für die Verstorbene wahr werden zu lassen.

In 80 Backwaren um die Welt

So richtig klappen will es mit dem Zuspruch der Kunden aber erst im zweiten Anlauf: Matthews Himbeer-Eclairs und Schokoladenküchlein sind zwar ein Gedicht, liegen angesichts des übermächtigen Food-Angebots in Notting Hill aber wie Blei in den Regalen. Also schlägt Mimi das neue Geschäftsmodell vor: Matthew backt nur noch das, was Menschen mit Migrationshintergrund in der Multikulti-Metropole vermissen. Ein lettischer Paketbote, der in London seine heißgeliebten Kringles vermisst, bringt Mimi auf die Idee. Egal ob Spezialitäten aus Brasilien, süßes Baklava aus dem Nahen Osten oder raffinierte Süßspeisen für die 17.000 Tansanier, die in London eine Heimat gefunden haben: Matthew zaubert mühelos hin, was die hungrige Kundschaft begehrt.

Die "Heimat fernab der Heimat" wird buchstäblich zum Erfolgsrezept – nur bei einer japanischen Matcha-Torte stößt Matthew an seine Grenzen. Wie praktisch, dass auch Isabella spontan ihre Talente als Konditorin entdeckt und bei einem Großauftrag in die Bresche springt. Die Botschaft der Filmemacher: Über Nacht kann eigentlich jeder ein erstklassiger Lebensmittelhandwerker werden. Ein ziemlich absurder, zumindest romantisch-verklärter Ansatz – anders würde die Geschichte aber schlichtweg nicht funktionieren. Clarissas Trauer um die gerade erst verstorbene Mutter wird im Sinne des heimeligen Erzähltons gleich ganz ausgeklammert.

Trailer: Love Sarah - Liebe ist die wichtigste Zutat

Wenig fürs Hirn – aber ganz viel fürs Herz

Bei der Vorpremiere auf dem Fünf Seen Filmfestival 2020 in Starnberg attestierte die Moderatorin dem Film "ein paar Sonnenstrahlen und gute Laune fürs Leben" – und beides kann in Zeiten wie diesen auch sicherlich nicht schaden. "Love Sarah" bietet seichtes Herzkino und zählt zu jener Sorte Film, bei der man immer schon zwei Kreuzungen vorher weiß, wo die Geschichte als nächstes abbiegt. Das Ergebnis von Matthews heimlichem Vaterschaftstest fällt ebenso wenig überraschend aus wie sein Techtelmechtel mit Isabella, die ihn anfangs nicht leiden kann – die Filmemacher setzen von Minute 1 bis 102 auf die Dramaturgie der klassischen Rom-Coms und dekorieren das Ganze mit malerischen Motiven der britischen Hauptstadt.

Trotz der schablonenhaften Struktur und weniger wirklich origineller Momente ist "Love Sarah" aber ein kurzweiliger Film – die leckeren Süßspeisen der Konfiserie lassen einem das Wasser förmlich im Schmeckermäulchen zusammenlaufen und die britische Fernsehlegende Celia Imrie schließen wir in ihrer Rolle als sture Großmutter Mimi in Rekordzeit ins Herz. Bei ihrer humorvollen Liaison mit dem rüstigen Rentner Felix (Bill Paterson) generiert der Film auch die lautesten Lacher über die Tücken des Älterwerdens – Zielgruppe der harmlosen Feel-Good-Komödie ist vorrangig die Ü50-Generation, die einen entspannten Abend im Kino verbringen und die Pandemie mal für eineinhalb Stunden vergessen möchte. Und dafür eignet sich "Love Sarah" ganz hervorragend.

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