Kassel -

Handwerk und Denkmalpflege Kratzputz wird Kulturerbe

Der Einsatz aller Beteiligten wurde belohnt: Der so genannte Hessische Kratzputz ist in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden.

Das gaben die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien bekannt. Der von der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in der Propstei Johannesberg in Fulda eingereichte Aufnahmeantrag wurde von Dr. Axel Lindloff vom Hessenpark sowie von der ehemaligen Konservatorin des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Katharina Thiersch, unterstützt.

Zukunftsweisende Sensibilisierungen

Das für die deutsche Unesco-Kommission tätige Expertenkomitee würdigt damit den Vorschlag als seltene und gefährdete Handwerkstechnik, die heute nur noch durch die Bereitschaft und das Engagement regionaler Maler- und Stuckateurbetriebe in Nord- und Mittelhessen lebendig gehalten wird.

„Entscheidend ist, dass sich diese Handwerker um die Weitergabe des Wissens und Könnens bemühen. Zukunftsweisend sind die Sensibilisierungen von Hauseigentümern und Entscheidungsträgern bezüglich der Bedeutung, die traditionelle Handwerkstechnik des „Hessischen Kratzputzes“ zu erhalten und zu fördern sowie das Angebot von Praxisseminaren und die Dokumentation der Techniken“, so die Begründung.

„Der Begriff Hessischer Kratzputz ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine an historischen Fachwerkgebäuden anzutreffende verzierende Gestaltung von Gefacheputzen“ erklärt Gerwin Stein. „Die Ortsansichten in manchen Dörfern im hessischen Hinterland und in der Schwalm werden durch diese besondere Putz- und Gestaltungstechnik geprägt. Ähnlich wie Trachten haben sich auch diese künstlerisch gestalteten Putze über Jahrhunderte zu einer Besonderheit und einem Erkennungsmerkmal einer Region entwickelt“, erläutert der Leiter der Beratungsstelle weiter.

Die Entscheidung, den Kratzputz in das Verzeichnis aufzunehmen, wurde vor Ort mit großer Freude aufgenommen. „Diese Handwerkstechnik und besondere Form der Volkskunst erfährt dadurch über die beiden Regionen hessisches Hinterland und Schwalm hinaus eine besondere Wahrnehmung“, freut sich Stein.

Die gestalteten Putze sind eine handwerklich-künstlerische Ausdrucksform von teilweise hoher Qualität. Noch erhaltene und datierte Zeugnisse dieses handwerklichen Schaffens stammen in Hessen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. „Es ist davon auszugehen, dass gestaltete Gefacheputze in früheren Jahrhunderten eine größere Verbreitung in Deutschland und in Hessen hatten. Glücklicherweise hat sich diese handwerkliche Tradition insbesondere im hessischen Hinterland bis heute erhalten“, sagt der Diplom-Ingenieur und gibt Einblicke in die Arbeitstechnik.

Bei dieser Putzweise wird mit unterschiedlichen Werkzeugen und Techniken der noch feuchte Putz an seiner Oberfläche modelliert und gestaltet. Neben floralen Motiven wurden ursprünglich in größerem Umfang auch Schutzsymbole für das Haus und seine Bewohner angebracht. Im Laufe der Zeit gewannen jedoch gestalterische und dekorative Elemente an Bedeutung.

Die Motive sind Bestandteil der Gesamtkomposition eines Gebäudes und Ausdruck des persönlichen Gestaltungswillens des Handwerkers und des Hauseigentümers. Für die Herstellung der Kratzputze wurden und werden von den Handwerkern häufig selbst hergestellte Werkzeuge wie Reisigbündel, Nagelbretter, Holzstempel, Holzspatel und Spachteln verwendet.

Kratzputz beherrschen nur wenige

„Die verzierende Gestaltung von Gefacheputzen wird heutzutage nur noch von wenigen Handwerksbetrieben beherrscht“, führt Stein aus. „Zu ihnen gehört der Malerbetrieb Donges aus Dautphetal-Holzhausen. Dieser Betrieb hat das Wissen und die Fertigkeiten in Bezug auf die historische Putztechnik über sieben Generationen hinweg weitergegeben.“ Die nachweislich ältesten von der Firma Donges hergestellten Putzfelder tragen die Jahreszahl 1782. Die geborgenen Putzfelder befinden sich in einem Depot im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach.

Im Rahmen eines vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen geförderten Projektes werden seit 2006 die im Landkreis Marburg-Biedenkopf und in der Schwalm noch vorhandenen Bestände an gestalteten Putzen systematisch erfasst und in einer Datenbank aufgenommen. Noch in diesem Jahr wird für beide Regionen je eine Kratzputz-Route ausgearbeitet, wo dann entsprechende Führungen angeboten werden sollen.

Ein von der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege regelmäßig durchgeführtes Praxisseminar hat zum Ziel, die noch vorhandenen und gefährdeten Putzbestände zu sichern sowie darüber hinaus Kenntnisse und handwerkliche Fertigkeiten zur Ausführung des Kratzputzes zu vermitteln.

Weitergehende Informationen zum Kratzputz in Hessen enthält ein von der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege erstellter Film: youtube.com/watch?v=u59Zbxo_FxE

Der Hintergrund

Als immaterielles Kulturerbe werden lebendige kultu­relle Ausdrucksformen bezeichnet, die unmittelbar vom menschlichen Wissen und Können getragen und von Generation und Generation weitergegeben werden. Damit das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können erhalten bleibt, hat die Unesco 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Deutschland ist dieser Unesco-Konvention 2013 beigetreten und hat im gleichen Jahr mit der ersten Ausschreibungsrunde zum Aufbau eines bundesweiten Verzeichnisses begonnen. Nach dem Abschluss der 2. Bewerbungsrunde im Dezember 2016 befinden sich nun 68 Einträge in dem deutschen Verzeichnis.

unesco.de

In Aktion

Aktuell befassen sich in Hessen der Malerbetrieb Donges in Dautphetal, Schreinermeister Rainer Scherb aus Neuental, der Ortsbeirat Großropperhausen, die Grundschule Großropperhausen, Ernst Groß vom Kunst- und Werkhof Großropperhausen, das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, das Freilichtmuseum Hessenpark, die Propstei Johannesberg in Fulda sowie die Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda mit dem Thema Hessischer Kratzputz.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten