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Konditorei Herrdegen in Mannheim Konditormeisterin Martina Herrdegen: Spaß am Ehrenamt

Konditormeisterin Martina Herrdegen managt Familie, Beruf und Ehrenamt – und kandidiert für den Gemeinderat. Warum sie als Frau eine Frage aber nicht mehr hören kann.

Ihr Blick schweift hinüber zur Theke. Während Martina Herrdegen ihren Satz zu Ende spricht, breitet sich in ihrem Gesicht Unruhe aus. Am Tresen steht ein neuer Kunde, der noch nicht bedient wurde, und es ist offensichtlich, dass die Konditormeisterin jetzt gleich entschuldigend das Gespräch unterbrechen wird, während sie aufspringt, um den Gast nach seinen Wünschen zu fragen. Doch dann tritt ihre Schwester Simone in den Verkaufsraum und sofort entspannt sich Martina Herrdegen wieder.

"Wir haben viele Stammkunden und die erwarten, von meiner Schwester oder mir bedient zu werden", sagt die 43-Jährige. Seit 1838 ist das Traditionscafé in den Mannheimer Quadraten in Familienhand und damit so eng mit dem Namen verbunden, dass "wir wahrscheinlich schließen könnten, wenn meine Schwester und ich vier Wochen nicht im Laden wären", mutmaßt Martina Herrdegen.

Lebensleistung der Eltern

Was für ein hartes Geschäft eine Konditorei mit Café in Innenstadtlage ist, haben die Schwestern schon früh durch ihre Eltern kennengelernt: "Wir haben von Kindesbeinen an erlebt, wie viel unsere Eltern gearbeitet und geleistet haben." Als Handwerksmeister und mitarbeitende Ehefrau konnten die Eltern früher nur selten zusammen in Urlaub fahren. "Wenn doch, war es für uns Kinder etwas ganz Besonderes", erinnert sich Martina Herrdegen.

Trotzdem entscheiden sich Martina und Simone Herrdegen, 2006 in der 5. Generation die Konditorei mit 20 Mitarbeitern und Auszubildenden gemeinsam zu übernehmen. "Wir sind zwar sehr unterschiedlich, aber deshalb passt es auch ganz gut." Ihre Schwester sei eher zurückhaltend, sie selbst gehe forsch voran und "dann trifft man sich in der Mitte".

Allerdings wohnen beide nicht mehr im barocken, denkmalgeschützten Eckhaus in E2, 8, in dem sie aufgewachsen sind. "Ein gewisser Abstand muss sein. Sonst arbeitet man ja nur noch. Das habe ich an meinen Eltern gesehen." Die Arbeitswoche hat für Mitglieder der Familie Herrdegen heute immer noch sechs Tage. Nur Sonntag ist Ruhetag und für Martina und Simone Herrdegen, die beide Mütter sind, Familientag.

Immer mit einem Ohr am Kunden

Während die jüngere Schwester sich um den Verkauf kümmert, managt Martina Herrdegen Einkauf, Personal und sorgt dafür, dass Trends beim Kundengeschmack ins Sortiment aufgenommen werden. "Wir verkaufen aber nichts, was wir nicht selbst gerne essen." In der Backstube ihrer Konditorei steht sie nicht mehr. Torten und Kuchen bäckt das Team um ihren Backstubenleiter, der seit 43 Jahren im Betrieb ist.

Ähnlich schnell, wie sie den Engpass an der Kuchentheke realisiert hat, geht Martina Herrdegen auf Kundenwünsche ein: "Wenn wir dreimal auf etwas angesprochen werden, was wir nicht haben, müssen wir reagieren. Wenn bei Kindertorten Einhörner im Trend sind, müssen wir das bedienen können."

Ihre berufliche Selbstständigkeit würde Martina Herrdegen nie aufgeben. Dabei war am Anfang nicht klar, dass sie diesen Weg geht. "Eigentlich wollte ich nach dem Abitur studieren." Der Plan war, "irgendetwas" in Freiburg zu studieren. Doch dann blieb sie wegen ihres damaligen Freundes in Mannheim und begann eine Ausbildung im Café Mohrenköpfle. Als Abiturientin konnte sie sich gleichzeitig zur Betriebsassistentin ausbilden lassen. "Das hat mir großen Spaß gemacht", erinnert sie sich.

Gesellenprüfung mit Auszeichnung

Nach der Gesellenprüfung mit Auszeichnung erhält sie ein Stipendium, das sie bis nach Paris an die Ecole Lenôtre führt, einer Meisterschule der Patisserie. Zurück in Deutschland legt Martina Herrdegen 2003 ihre Meisterprüfung im Konditorenhandwerk ab. Ein Jahr später zieht ihre ein Jahr jüngere Schwester Simone nach. Als sie 2006 den Betrieb von ihrem Vater Hans übernehmen, überträgt dieser seiner Tochter Martina auch das Amt des Obermeisters der Konditoren-Innung Mannheim. Nicht ihr einziges Ehrenamt.

Martina Herrdegen vertritt außerdem als Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald die Arbeitgeberseite, ist in der Kreishandwerkerschaft engagiert und Mitglied des Meisterprüfungsausschusses. "Das hört sich jetzt viel an, aber mir macht das ja auch alles Spaß", sagt die 43-Jährige. Insbesondere die Arbeit im Meisterprüfungsausschuss, "weil es so handwerklich ist und man mal sieht, was andere so machen."

Handelsrichterin am Landgericht Mannheim

Da die Konditorei aber nicht nur in der Handwerksrolle, sondern auch bei der IHK eingetragen ist, wurde Martina Herrdegen das Amt einer Handelsrichterin am Landgericht Mannheim angetragen. Ehrenamtliche Handelsrichter entscheiden im Team, tragen an deutschen Gerichten im Gegensatz zu Schöffen schwarze Roben und verhandeln hauptsächlich Patent- und Markenrechtsfälle. "Das ist eine tolle Erfahrung." Vor einer Verhandlung muss sich Martina Herrdegen in die Akten einlesen. "Ich finde das sehr spannend und kann unheimlich viel Wissen daraus schöpfen."

Was bei Männern meistens selbstverständlich ist, wird bei einer Frau immer noch hinterfragt. Die Frage, wie sie das alles schafft, wird Martina Herrdegen oft gestellt. "Das ist alles eine Sache der Organisation und das ist genau mein Ding." Natürlich komme immer mal etwas Unvorhergesehenes dazwischen, was den ganzen Plan über den Haufen wirft. "Dann rege ich mich in dem Moment zwar auf, aber das bringt ja nichts." Und fast immer findet sie eine Lösung.

Sie versuche, sich die Zeit so einzuteilen, dass sie selbst auch noch Freiräume hat. Wenn ihre Kinder montags und donnerstags Hockey trainieren, geht sie joggen. "Andere Mütter setzen sich hin und gucken zu. Das kann ich nicht." An diesen zwei festen Laufterminen bekomme sie den Kopf frei. "Das ist perfekt. So haben wir alle was davon."

Forderung nach einer flexiblen Kinderbetreuung

Martina Herrdegen versucht immer, positiv an eine Herausforderung heranzugehen. "Ich weiß, wie schwer es ist, aber ich möchte Frauen ermutigen, auch mal einen anderen Weg zu gehen." Statt das Negative zu sehen, dass alles schwierig ist, dass man etwas nicht schafft, sollten Frauen den Spieß umdrehen. "Sagt doch mal 'Ich habe das geschafft' oder 'Ich habe das gemacht'", regt sie an, "man sollte sich nicht beirren lassen, dann kann man alles schaffen."

Und Martina Herrdegen weiß, was zu leisten sie im Stande ist. Denn nach dem Schritt in die Selbstständigkeit, neben ihren Ehrenämtern und nach der Geburt ihrer Kinder, haben sie und ihre Schwester auch die Pflege ihrer Eltern übernommen. "Da war ich froh, dass ich mit meiner Schwester zusammenarbeite. So konnten wir uns gegenseitig unterstützen."

Kandidatin für Kommunalwahl

Die Zeit der Pflege der Eltern war schwer. Die heute siebenjährigen Zwillinge von Martina Herrdegen waren noch klein. "Damals hätte ich dringend einen Kindergarten gebraucht, der länger geöffnet hat. Ich hatte ja niemanden, der auf die Kinder aufpasst." Doch eine flexible Betreuung gab es damals nicht. Diese persönliche Erfahrung ist ein Grund, warum sich die alleinerziehende Mutter und Unternehmerin politisch für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf starkmacht. "Vielleicht kann ich da etwas verändern."

Aber gehen die vielen Ehrenämter nicht zusätzlich zu Lasten ihrer Familie? "Nein", sagt Martina Herrdegen, "ich entscheide selbst, wann es mir zu viel wird." Und dieser Punkt sei noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Martina Herrdegen setzt noch einen drauf und kandidiert bei der Kommunalwahl am 26. Mai für die CDU. Mit Listen­platz 2 hat sie gute Chancen, in den Gemeinderat ihrer Heimatstadt einzuziehen.

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