Meisterstücke -

Ein Feintäschner mit einer Vorliebe für Altes Koffer: Die schöne Naht

Rindsleder und Zwirn, alte englische Werkzeuge und viel Geduld. Mehr braucht Mathias Steinhauser in Freiburg im Breisgau nicht, um wunderbare Koffer zu bauen. Gute Musik vielleicht noch.

Mathias Steinhauser bückt sich über einen beinahe fertigen Lederkoffer auf seiner Werkbank. Aus einem kleinen Radio klingt leise Klaviermusik, ein Liedermacher singt davon, was für verrückte Sachen das Leben und die Liebe mit ihm anstellen. Der Handwerker stößt eine Nadel durch ein vorgestochenes Loch im dicken Rindsleder, dann fährt er mit einer zweiten Nadel durch dasselbe Loch, kommt allerdings aus der anderen Richtung. Beide Nadeln hängen am selben Faden, eine am Anfang und eine am Ende. "Sattlernaht" heißt die Technik, zwei Werkstücke besonders haltbar miteinander zu verbinden.

Mit leisem Schnurren gleitet der Faden durch das Material. Zentimeter für Zentimeter arbeitet sich der junge Mann voran. Er liebt es, bei melancholischer Musik über einer perfekten Naht zu sinnieren. "Selbst wenn man ganz sauber näht, gibt es winzige Unregelmäßigkeiten. Die machen den Charme eines handgenähten Stückes aus", schwärmt Steinhauser. "Ich mag die alten Nähmaschinen und meine abgegriffenen Werkzeuge, überhaupt altes Zeug!"

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Eigentlich alles, was in der Ladenwerkstatt im Freiburger Handwerkerhof liegt und steht, ist viel älter als er und sein Freund Patrick Frei, der Schuhmacher. Die beiden Kollegen sind Anfang dreißig und haben sich vor vier Jahren im Stühlinger Viertel selbständig gemacht. Sie teilen nicht nur die Werkstatt, sondern auch die Leidenschaft für solides Handwerk, Leder und Dinge, die schon so einige Geschichten erzählen könnten.

Eine Ecke, ein Köfferchen und grüne Schuhe

An einen Koffer traut sich Mathias Steinhauser jetzt zum ersten Mal heran: Bisher fertigte er elegante Aktentaschen, rustikale Rucksäcke und Instrumentenkästen. "Einen richtigen altmodischen Koffer wollte ich immer schon machen", erzählt er. "Mich interessiert vor allem die konstruktive Seite, deshalb baue ich gerne Gepäck." Louis Vuitton habe im 19. Jahrhundert die wahnwitzigsten Teile produziert. So etwas schwebe ihm auch vor. "Das Schöne ist, dass man keinen riesigen Aufwand hat", stellt er fest. "Die Sattlermaschine und die alten Nähmaschinen haben wir von einem Schuhmachermeister, der seinen Keller damit zugerümpelt hatte. Und die alten englischen Werkzeuge haben wir ersteigert. Die mussten sein."

Mathias Steinhauser zieht ein Stück Zwirn durch einen Brocken Sattlerpech. Dann bindet er den Faden an der Werkbank fest, strafft ihn mit einer Hand und fährt mit einem Lederlümpchen in der anderen Hand die Leinensaite immer schneller hin und her. So erwärmt sich das Pech und dringt in die Fasern ein. Der Faden hält dann besser zusammen und die Naht wird gegen Feuchtigkeit abgedichtet.

Das Schnittmuster zeichnete er nach einem Koffer vom Flohmarkt, den er auseinandergenommen hatte. Dann bestellte er zwei Rinderhälse, pflanzlich gegerbt. Der Zuschnitt ist heikel, die Stücke sind ja nicht rechteckig, und Verschnitt kann sich der junge Geschäftsmann nicht leisten. Alle Nähte sticht er vor. "Der Korpus ist Konstruktionsarbeit. Die dicken Lederplatten stehen im rechten Winkel auf­einander", erklärt er. "Um sie zu verbinden, verwende ich die Schrägnaht, die geht übers Eck. Ich steche durch eine Platte schräg, durch die andere gerade.“

Den Stoff für das Innenleben stichelt er mit der Sattlermaschine auf eine dünne Holzplatte. Sie dient der Verstärkung des Bodens. Das Schottenkaro in Brauntönen harmoniert mit dem Leder. In seiner Schlichtheit hätte der Koffer vorzüglich zu einem britischen Gentleman gepasst.
Seine solide Arbeitsweise zieht Mathias Steinhauser durch: Sogar die Kofferecken sind aus Leder. Er schneidet mit dem Halbmondmesser einen Dreiviertelkreis aus. An der Stelle des fehlenden Segments lässt er eine Lasche stehen. Um die fünf Millimeter dicke Rinderhaut biegen zu können, ritzt er die zwei Linien, an denen er den Kreis knicken will, mit einem Spezialwerkzeug vor, dem Hohlkehlenschneider.

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Dann biegt er das Leder um und klopft mit einem schweren Stößel darauf, dem Bughammer. "Ich mag das feste Leder", sagt Steinhauser und arbeitet mit einer Leichtigkeit, als ob er Papier falten würde. Mit einem Anreißzirkel zeichnet er die Linien für die Nähte vor, dann bohrt er die Löcher mit der Schwertahle.

Zeit zum Nachdenken bei der Fertigung

Noch sind die Kanten faserig und müssen geglättet werden. Er pinselt sie mit Knochenleim ein, dann rubbelt er kräftig mit einem Segeltuch darüber, um Hitze zu erzeugen. Zum Schluss poliert er sie noch mit der Bürste. So entsteht eine feste, glänzende, stoßfeste Oberfläche. Alle Kanten seines Koffers behandelt er so aufwendig. Dann zieht er die zwei geraden Seiten des Kreissegments zueinander und legt die Lasche darüber. Weil so eine Ecke klein und widerspenstig ist, spannt er sie zum Zusammennähen in eine hölzerne Zwinge ein, dem Nähkloben.

Das Ganze macht Steinhauser achtmal, und natürlich näht er alle acht Ecken mit der Hand auf den Korpus auf. Darüber vergeht ein Tag. Zeit zum Balladenhören und Nachdenken über Perfektion. "Nur, wo kleine Fehler sind, entsteht echte Schönheit", findet er.

Wenn er über die Oberfläche des Koffers streicht, kommt Steinhauser ins Schwärmen: „Blankleder geht nicht kaputt, es altert mit dem Besitzer. Schon bald bekommt es eine wunderschöne Patina. Die Oberfläche wird lebendiger, sie kriegt Tiefe, sie wirkt so vielschichtig, dass man meint, man könne reingucken!“ Er selbst ist mit einem alten Schweizer Armee-Rucksack unterwegs, der passt zu ihm und seinem Fahrrad. "Vielleicht werde ich irgendwann einmal so richtig erwachsen und laufe mit einem meiner Koffer oder einer Aktentasche herum", sinniert er.

Manchmal, wenn er näht, denkt er darüber nach, wie alles kam und wie schön es doch ist, so zu arbeiten wie in einer Manufaktur vor hundert Jahren. Es erscheint ihm beinahe verrückt, dass sich im Zeitalter der Plastik-Rollmonster und schnellen Umhängetaschen ein junger Mann zwei Wochen Zeit nimmt, einen Koffer im Stil des 19. Jahrhunderts herzustellen.
"Das Material und die alten Handwerkstechniken haben mich in diese Richtung geführt", sagt er. "Aus so schönem Leder kann man eigentlich nur zeitlos edle Dinge machen."

Mehr Informationen zum Betrieb von Matthias Steinhauser gibt es auf sattlerei-steinhauser.de.

"Servus Magazin"

Dieser Beitrag ist der aktuellen Ausgabe von "Servus in Stadt & Land" entnommen. "Servus in Stadt & Land" ist ein regionales Monatsmagazin, das sich den Themen "Handwerk & Brauchtum", "Land & Leute", "Natur & Garten", "Kochen & Wohnen" speziell im süd­deutschen Raum widmet. DHZ-Leser können kostenlos und unverbindlich ein Kennenlern-Exemplar von "Servus in Stadt & Land" bestellen unter: servusmagazin.de/kennenlernexemplar.

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