Während der Ausbildung -

Wie nicht formal Qualifizierte doch noch einen Abschluss bekommen Kölner Bildungsmodell: Gesellenbrief mit 33

Eigentlich wollte die "Allianz für Aus- und Weiterbildung" die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss absenken; bis 2018 auf 8 Prozent. Doch die Realität sieht anders aus. Die Zahl steigt. In Köln haben sich viele Stellen zusammengerauft, um diese Menschen doch noch zu einem Beruf zu führen. Auch im Handwerk.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Zukunft Bildung

14,2 Prozent der 20- bis 34-Jährigen sind ohne Berufsabschluss, zeigt der Berufsbildungsbericht 2019. Gezählt wurden dabei nur Privathaushalte. Geflüchtete in Aufnahmeeinrichtungen sind in der Statistik nicht enthalten.

Was es bedeutet, keinen Berufsabschluss zu haben, hat Umut Ayaz am eigenen Leib erfahren. Jahrelang hat er sich von 1-Euro-Job zu 1-Euro-Job gehangelt. Mit 29 Jahren wurde ihm klar, dass er so nicht weitermachen wollte. "Bis dahin hatte ich eine Ausbildung nicht als erstrebenswert betrachtet“, gibt der heute 33-Jährige zu; er zielte auf Abitur und Studium, doch ohne Erfolg. Dass sein Berater im Jobcenter ihm das "Kölner Bildungsmodell“ empfahl, wurde für ihn zum Wendepunkt.

Kölner Bildungsmodell als Vorbild

Seit 2014 führt das "KöBi“ 25- bis 35-Jährige zu einem Berufsabschluss, bisher nur in Köln. Andere Regionen haben aber bereits Interesse am Modell gezeigt. Die Schwierigkeit liegt darin, dass viele verschiedene Stellen an einem Strang ziehen müssen. In Köln sind das Industrie, Handwerk, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Stadt, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit, Diakonie und Kolpingwerk.

Die Teilnehmer lernen im Wechsel in Werkstätten, in der Schule und in Praktikumsbetrieben. Jedem steht ein Coach zur Seite, bei Bedarf gibt es Förderunterricht. Die Kosten werden über Bildungsgutscheine des Arbeitsamts abgedeckt.

Profiling, Module und regelmäßige Erfolgserlebnisse

Zum Einstieg absolviert jeder ein sechswöchiges Profiling. Die Interessenten durchlaufen Eignungstests und lernen verschiedene Berufe kennen. Wer vom KöBi angenommen wird und weitermachen will, kann Schritt für Schritt zum vollwertigen Ausbildungsabschluss kommen.

Die Ausbildungsinhalte entsprechen dem Ausbildungsrahmenplan, sind aber in einzelne Module unterteilt. Nach jedem Modul prüft die zuständige Kammer die Kompetenzen und stellt den Teilnehmern ein Zertifikat über ihre Teilqualifizierung aus.

Bessere Chancen am Arbeitsmarkt

"Auch wenn jemand nicht alle Module schafft, hat er mit diesen Zertifikaten seine Chancen am Arbeitsmarkt verbessert“, erklärt Ulla Schlottow den Vorteil des modularen Aufbaus. Die Projektkoordinatorin bei der Handwerkskammer zu Köln ist aber auch stolz auf diejenigen, die es bis zum Abschluss schaffen. "Diese Menschen begeistern mich immer wieder. Viele haben sogar überdurchschnittlich gute Noten“, sagt sie. Dabei werde den Kandidaten in der Externenprüfung nichts geschenkt. Sie bekommen dieselben Aufgaben wie alle anderen.

Zwischen den einzelnen Modulen dürfen die Teilnehmer pausieren; doch nur wenige nutzen dies: "Die meisten wollen es durchziehen, wenn sie es einmal angefangen haben. Viele betrachten es als ihre letzte Chance“, beobachtet Schlottow.

Fördermaßnahme hilft auch Handwerk

Auch Umut Ayaz setzte nur einmal für einen Monat aus und durchlief ab dann zielgerichtet ein Modul nach dem anderen. Ein Ansporn waren ihm die Rückmeldungen seiner Praktikumsbetriebe: "Wenn du fertig bist, bewirb dich bei uns‘, haben sie zu mir gesagt“, erinnert sich Ayaz.

Seit April hat er nun seine erste Vollzeit-Festanstellung bei Metallbau Anton Krupp. Der Zehn-Mann-Betrieb im Kölner Osten bildet selbst aus. "Aber es ist nicht einfach, motivierte Leute zu kriegen“, sagt Metallbaumeister Frank Ruckes. Wenn Azubis ihre Berichtshefte nicht führen, in der Berufsschule schwänzen und nicht zur überbetrieblichen Ausbildung erscheinen, werde es für ihn schwierig: "Sie müssen Eigeninitiative mitbringen, denn sie laufen im Tagesgeschäft mit.“

Das enge Coaching von Fördermaßnahmen nimmt den Betrieben etwas von der Betreuungslast ab. Ruckes und sein Kompagnon Vito Iacona haben schon mehrere junge Leute in Ausbildung übernommen, die aus einer Fördermaßnahme zu ihnen kamen. Dass sie nun über das Kölner Bildungsmodell sogar einen fertig ausgebildeten Gesellen bekommen haben, freut Ruckes: "Durch seine Praktika kannten wir ihn ja schon. Wir wussten, dass er ins Team passt und zuverlässig ist.“

Das KöBi in Zahlen

Im Kölner Bildungsmodell werden neun Berufe angeboten:

  • Tischler
  • Hochbaufacharbeiter
  • Maurer
  • Metallbauer
  • Koch
  • Fachkraft im Gastgewerbe
  • Maschinen- und Anlageführer
  • Fachlagerist
  • Verkäufer
Es wird durchgeführt vom Bildungszentrum Butzweilerhof, der Handwerkskammer zu Köln, dem Kolping-Bildungswerk Diözesanverband Köln und dem Zentrum Bildung und Beruf Michaelshoven im Auftrag des Jobcenters Köln und der Agentur für Arbeit Köln in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer zu Köln.

Seit Beginn 2014 haben 869 Personen mit dem Profiling begonnen. 64 Prozent von ihnen sind in die Qualifizierungsmodule eingetreten. Bis Mai 2019 haben 115 ihre Abschlussprüfungen bestanden, im letzten Modul befinden sich derzeit 28. 184 Teilnehmer haben bisher eine bis neun Teilqualifizierungen bestanden (Stand Mai 2019).

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