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Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier im Interview "Klug sein lohnt sich für Jugendliche nicht mehr"

Performer, Styler, Egoisten – so bezeichnet Jugendkulturfoscher Bernhard Heinzlmaier die heutigen Jugendlichen. Warum das Problem aber hausgemacht ist und was sich daher in der Gesellschaft ändern muss, erklärt er im DHZ-Interview.

DHZ: Herr Heinzlmaier, Sie schreiben in Ihrem Buch "Performer. Styler. Egoisten – Über eine Jugend, der die Alten die Ideale Abgewöhnt haben", "Klug ist nicht mehr cool". Sind die Jugendlichen dumm?

Bernhard Heinzlmaier: Klug verhält sich heute jemand, der sich anpasst und pragmatisch verhält. Der auf eigene Ansprüche, Werte und Ideen verzichtet. Früher galt als klug, wer kritikfähig war, Dinge hinterfragt, sich einmischt und politisch einbringt. In der Schule geht es nur noch um betriebswirtschaftlichen Nutzen. Daher lohnt es sich nicht mehr klug zu sein.

DHZ: Viele Handwerker klagen jedoch, dass Auszubildende trotz Schulabschluss die einfachsten Dinge nicht beherrschen. Sie sagen jetzt, dass die Schule nur am betriebswirtschaftlichen Nutzen ausgerichtet ist. Wie geht das zusammen?

Heinzlmaier: Das geht überhaupt nicht zusammen. Der Stellenwert des Handwerks wird heute auf sämtlichen politischen Veranstaltungen gepriesen. Wenn man die Politiker aber fragen würde, was ihre Kinder machen, kommt heraus, dass kein einziger sein Kind in eine Lehre schickt. Der Statuswert der Lehre ist leider relativ gering. Daher streben heute vor allem Menschen mit einem größeren Förderbedarf in eine Ausbildung, der Rest will Abitur machen und studieren. Es ist alles ein Stockwerk höher gerutscht.

DHZ: Wer ist an dieser Entwicklung schuld?

Heinzlmaier: Die Wissensgesellschaft. Wissen wird als entscheidendes Kapital betrachtet, das entscheidend mit sozialem Aufstieg verbunden wird. Theoretiker genießen mehr Ansehen als Praktiker.

"Man müsste schwache Jugendliche mehr fördern"

DHZ: Die Entwicklung der Jugendlichen ist also Ausdruck der Gesellschaft, in der nur noch ökonomischer Gewinn zählt?

Heinzlmaier: Und die Aufstiegsaspiration der Eltern. Die meisten Eltern wollen, dass ihre Kinder einen höheren Abschluss erreichen, als sie selbst. Wenn man die Lehre attraktiver machen will, muss sie als höherwertigere Ausbildung wahrgenommen werden, zum Beispiel in dem man sie mit dem Abitur kombiniert.

DHZ: Ohne Abi geht nichts mehr – was wird dann aus den Jugendlichen, die das Abitur nicht schaffen?

Heinzlmaier: Ich glaube, dass sie derzeit verloren sind. Sie haben keine tolle Perspektive und werden sich wahrscheinlich mit Hilfsarbeiten über Wasser halten müssen. Man müsste sie mehr fördern, aber aus ökonomischer Sicht erscheint das wohl nicht als rentabel.

DHZ: Angesichts des Fachkräftemangels wäre das ein großes Problem. Wie sähe Ihre Lösung dafür aus?

Heinzlmaier: Ich persönlich finde die Behandlung der sozialen Unterschichten ohnehin menschenverachtend. Was wir brauchen ist eine tatsächliche Bildungsreform. Wir benötigen ein Bildungssystem, in dem die unteren sozialen Schichten stärker gefördert werden. Das ginge zum Beispiel durch ein Schulsystem, in dem alle Kinder unterschiedlicher sozialer Schichten voneinander lernen. Etwa wie die Stadtteilschulzentren in anderen Ländern, in die einfach alle Kinder aus einem Stadtteil gehen müssen. Mir ist klar, dass das schwierig ist. Über ähnliche Vorschläge sind schon Regierungen gestolpert.

"Druck zu Selbstoptimierung ist groß"

DHZ: Eine Folge der Bildungsökonomie ist, dass die Jugendlichen eigene Anlagen und Interessen unterdrücken und sich nur noch daran orientieren, was am meisten Geld einbringt. Was würde dabei herauskommen, wenn sich Jugendliche tatsächlich an eigenen Fähigkeiten orientieren würden?

Heinzlmaier: Das zeigt die Berufsberatung an Schulen. Wenn man den Jugendlichen alle Möglichkeiten darlegt, entscheiden sie sich nach ihren Interessen und oft sind auch handwerkliche Berufe dabei. Wenn man dann sagt, was sie in dem Beruf verdienen im Vergleich zu einem anderen, entscheiden sie sich ganz schnell wieder um. Die ökonomischen Interessen überlagern die eigentlichen Interessen.

DHZ: War das früher denn anders?

Heinzlmaier: Früher hatte man mehr Möglichkeiten sich frei zu entscheiden. Die Differenzen bei Einkommen und Status waren zwischen den Berufen nicht so groß. Außerdem war der Druck geringer, dass jede Handlung zur Selbstoptimierung beitragen muss. Aber das wird sich leider nicht mehr ändern lassen.

DHZ: Was würden Sie dann einem Jugendlichen raten, der kurz vor der Berufswahl steht?

Heinzlmaier: Eine deutsche Soziologin hat entdeckt, dass ein Drittel der Deutschen "existenziell indifferent" sind. Das heißt, dass ihnen ihr Beruf absolut gleichgültig ist. Ihr Glück kaufen sie sich durch Konsum in der Freizeit. Einem Jugendlichen, der aber noch ein Sinnbedürfnis hat, würde ich ganz unkonventionell sagen: Entscheide dich nach deinen Interessen. Denn in 20 Jahren ist es entscheidend, dass dir der Beruf noch gefällt.

DHZ: Vielen Dank für das Gespräch.

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