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Interview mit BIM-Experte Prof. Christof Gipperich "Kleine Betriebe müssen sich vernetzen"

Auf deutschen Baustellen steht die Methode des Building Information Modelings (BIM) noch am Anfang. Doch die Ausbildung läuft. An der Hochschule Biberach können sich Studenten im BIM-Lab mit den Möglichkeiten der Digitalisierung am Bau vertraut machen. Geleitet wird das BIM-Lab von Prof. Christof Gipperich.

DHZ: Wie schnell wird sich BIM als Standard auf deutschen Baustellen durchsetzen?

Prof. Christof Gipperich: Da sitzen wir alle vor einer Glaskugel. Ich glaube aber, es ist gerade am Durchbrechen und dann kann alles ganz schnell gehen. Heute bekommen Verbraucher kaum noch einen Handwerker. Wenn in naher Zukunft viele Betriebe schließen müssen, weil sie keinen Nachfolger finden, kann das nur technologisch aufgefangen werden. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Auf dem Bau hat es seit 1990 weltweit praktisch keinen Produktivitätszuwachs gegeben. Der Maschinenbau oder die Elektroindustrie haben im gleichen Zeitraum Produktivitätszuwächse von 80 bis 90 Prozent hingelegt, durch den Einsatz von Technik. Nur wenn der Bau die vorhandenen Technologien anwendet, kann er die Produktivitätslücke schließen. Das wird einen großen Veränderungsdruck erzeugen, dem sich auch Handwerksbetriebe stellen müssen.

DHZ: Kann es sein, dass kleinere Betriebe vom Markt verdrängt werden, falls sie BIM nicht ein­setzen?

Gipperich: Ein klares Ja. Bei der Produktivität hat der Maschinenbau einerseits von der Technologie profitiert, Stichwort Industrie 4.0 oder Internet der Dinge. Aber es gibt einen viel wichtigeren Punkt: Entlang der Wertschöpfungskette haben sich die Akteure sehr stark vernetzt, arbeiten alle im selben ERP- oder CAD-System. Da gibt es eine gemeinsame Produktionsplanung und keine Lagerhaltung mehr. Auf dem Bau hingegen sind vom Kies bis zum fertigen Beton oder vom Erz bis zum eingebauten Kupferrohr so viele Wertschöpfungsstufen, dass viel Geld in nichtproduktive Kosten versickert. Wenn sich also kleine Handwerksbetriebe nicht vernetzen, sowohl untereinander als auch mit anderen Gliedern der Wertschöpfungskette, dann wird es bitter. Momentan haben Baubetriebe volle Auftragsbücher und profitieren von hohen Preisen. Aber die nächste Rezession kommt. Und wer dann nicht gut aufgestellt ist, wird ein Problem bekommen.

DHZ: Was raten Sie einem Handwerksbetrieb, der noch komplett analog arbeitet, aber ins Building Information Modeling einsteigen möchte?

Gipperich: Der Betrieb braucht in erster Linie eine Strategie. BIM hat unendlich viele Möglichkeiten und es besteht die große Gefahr, sich zu verzetteln. Wer seinen Betrieb langfristig aufstellen möchte, sollte sich eine junge Frau oder einen jungen Mann ins Unternehmen holen, der den Inhaber dabei unterstützt, die Digitalisierung voranzutreiben. Wir Älteren sind aufgrund unserer Sozialisierung in der digitalen Kompetenz beschränkt. Wer BIM einführen will, sollte gemeinsam mit den jungen Leuten Ziele für bestimmte Anwendungsfälle definieren. Dann überlegt man sich einen Maßnahmenplan mit Kosten- und Zeitabschätzung, stellt einen Investitionsplan auf und schon kann es losgehen.

DHZ: Welche technische Ausstattung benötigt ein Bauunternehmen, um BIM-Projekte zu realisieren?

Gipperich: Die notwendige Soft- und Hardware ist handelsüblich und bezahlbar. Wie viel ein Unternehmen dafür investieren muss, hängt von den Zielen ab, die es verfolgt. Die großen Kosten bei der Einführung von BIM fließen ins Personal. Denn wer die Software bedient, muss täglich damit arbeiten. Nur so können sie lernen, die Programme mit ihrer unglaublichen Tiefe gewinnbringend zu nutzen. Damit sind wir wieder beim Thema Vernetzung. Ein kleiner Handwerksbetrieb mit vier oder fünf Leuten kann diese Personalkosten gar nicht stemmen. Wenn aber ein Verbund von kleinen Betrieben einen BIM-Spezialisten beschäftigt, dann können die Beteiligten Personalkosten sparen und sie brauchen auch weniger Lizenzen.

BIM-LAB DER HOCHSCHULE BIBERACH

Im BIM-Lab der Hochschule Biberach können Studenten für Bau-Projektmanagement ihre Projekte digital modellieren und virtuell zur Verfügung stellen. Das Labor verfügt über elf Arbeitsplätze mit BIM-fähigen Rechnern. Gearbeitet wird nach Methoden des agilen Managements. Das heißt, es gibt auch Whiteboards, wo die Studenten mit Flipcharts und Post-its arbeiten können. Dahinter steckt ein didaktisches Konzept, das von einem dänischen Bauunternehmen kopiert wurde.

Christof Gipperich: "Ich gebe den Studenten Aufgaben, die ich als Professor selbst gar nicht lösen könnte. Da die jungen Leute einen ganz anderen Zugang zu den neuen Medien haben, erarbeiten sie im BIM-Lab gemeinsam Lösungen, auf die ich gar nicht gekommen wäre. So entsteht eine Art Wissensturbo, von dem die nächsten Semester profitieren, den wir aber auch für Forschungsprojekte, berufliche Weiterbildungen und die Gründung von Start-ups nutzen können."

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