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Leitartikel Lehrstellenbilanz: Klappern gehört zum Geschäft

Das Plus bei der Lehrstellenbilanz ist nicht in Stein gemeißelt. Nach wie vor sind viele Jugendliche ohne Lehrstelle und viele Betriebe ohne Lehrling. Es gilt, potenzielle Auszubildende durch spezielle Förderung dort abzuholen, wo sie heute stehen.

Wer Auszubildende will, muss sich bewegen. Das haben auch immer mehr Handwerksbetriebe verstanden. Viele Personalverantwortliche melden ihre freien Ausbildungsplätze schon im Vorjahr bei der Bundesagentur für Arbeit an. Sie gehen in Schulen, bieten Praktikumsplätze an und präsentieren sich auf Lehrstellenbörsen. Sie zeigen den Bewerbern Perspektiven innerhalb des eigenen Betriebes und darüber hinaus. Das ist auch nötig.

Die Zeiten sind schon lange vorbei, in denen sich die Chefs aus einer Vielzahl von Bewerbern die besten heraussuchen konnten. Das gilt sowohl für den Osten als auch für den Westen. Der demografische Wandel und der Hang vieler Jugendlicher, länger zur Schule zu gehen und eher ein Studium zu wählen, sind der Grund dafür. Auch Industrie und Handel können sich dieser Entwicklung nicht mehr entziehen.

"Jetzt kommt es darauf an, das Plus zu halten"

Wenn das Handwerk jetzt ein Plus bei den Lehrverträgen melden kann, ist das ein umso erfreulicheres Ergebnis. Dies gilt noch mehr, wenn man bedenkt, dass das Handwerk seit mehreren Jahren zum Stichtag 30. September eine negative Lehrstellenbilanz vorweisen musste. Die Anstrengungen von Betrieben, Kammern und Innungen haben sich offenbar gelohnt. Auch die Imagekampagne hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen.

Jetzt kommt es darauf an, das Plus zu halten. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Plus im September zu einem Minus im Dezember dreht. Noch gibt es zahllose freie Ausbildungsstellen und viele unversorgte Bewerber. Zum Stichtag waren wie im Vorjahr noch 20.000 Stellen unbesetzt. Auch unversorgte Bewerber gibt es noch zur Genüge. Allein bei der Bundesagentur für Arbeit waren noch rund 27.000 registriert.

Leute dort abholen, wo sie heute stehen

Sicher wollen davon nicht alle ins Handwerk oder wohnen in der passenden Region, aber bestimmt ist der eine oder andere Kandidat darunter, bei dem sich ein Versuch lohnt. Auch schwächere Bewerber schaffen vielleicht eine Ausbildung, wenn der Betrieb Unterstützung von außen einbezieht. Die Möglichkeiten für eine assistierte Ausbildung oder ausbildungsbegleitende Hilfen sind ausgeweitet worden. Wer die deutsche Sprache noch nicht ganz beherrscht oder andere Lücken hat, schafft so vielleicht doch den Einstieg in die Ausbildung und bleibt auch dran. Das gilt auch für Flüchtlinge.

Sicherlich stoßen immer wieder Auszubildende und Ausbilder aufeinander, bei denen die Chemie nicht ganz stimmt, wo Leistung und Erwartung nicht zueinanderpassen. Wer weniger Ausbildungsabbrüche riskieren will, sollte die Leute dort abholen, wo sie heute stehen. Viele Jugendliche haben heute weniger praktische Erfahrungen. Und wie sagte doch ein gelernter Steinmetz so schön: "Früher hat man den Lehrlingen den härtesten Stein auf den Bock geschmissen." Dann sollten sie zeigen, was sie können. Heute läuft diese Methode wohl eher ins Leere.

Doch es hilft alles nichts. Die Betriebe sind mehr denn je auf den eigenen Nachwuchs angewiesen. Schon heute haben sehr viele Probleme, die Stellen für Fachkräfte zu besetzen. Und das gilt nicht nur für die boomenden Regionen. Auch in entlegeneren Gebieten sieht es schlechter aus. Gerade weil es an Nachwuchs fehlt, nicht jeder der Auszubildenden bei der Stange bleibt, sollten möglichst viele Betriebe und Bewerber die Nachvermittlungsaktionen noch weiter nutzen. Es geht um mehr als bloße Ausbildungsstatistik.

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