Meisterstücke -

Behindertengerechte Fahrzeuge Kfz-Mechaniker erfindet das Fahren neu

Der Kfz-Betrieb Zawatzky in Meckesheim bietet alles für den behindertengerechten Umbau von Fahrzeugen: Rollstuhlrampen, Joystick-Lenkung und seit neuestem auch eine Sprachsteuerung. Wie spannend eine Testfahrt sein kann, lesen Sie hier.

" Setzen Sie sich auf den Fahrersitz und stellen Sie alles richtig ein. Können Sie Lenkrad, Gas und Bremse gut erreichen? Ok. Dann stellen Sie sich jetzt vor, Sie hätten keinen linken Arm mehr. Wie würden Sie dann Autofahren?“ Schweigen. "Das geht doch ganz einfach: Rechte Hand an den Joystick, die andere unter den Hintern, als wäre sie nicht da. Und dann einmal den Knopf für den Rückwärtsgang drücken und aus der Halle fahren.“ Die Testfahrt im Fahrschulauto Lancia Voyager beginnt.

Bernd Schulz sitzt als Beifahrer im Wagen und erklärt, worauf es bei behindertengerechten Fahrzeugen ankommt. Er ist verantwortlich für das Marketing bei „Mobilcenter Zawatzky“ aus Meckesheim bei Heidelberg. Der Betrieb baut seit über 50 Jahren Autos behindertengerecht um, egal ob Kombi oder Van. Einfache mechanische Umbauten ermöglichen das Fahren ohne Beine oder Arme.

Ein Joystick als Lenkrad

Welche Lösungen es gibt, demonstriert Schulz in einem weißen Kombi in der Besucherhalle. Von außen sieht der Wagen ganz unscheinbar aus, doch er ist alles andere als gewöhnlich. Das Lenkrad kann über einen Knauf gesteuert werden und Gas und Bremse werden mechanisch über einen Hebel bedient: Nach vorne drücken heißt Gas geben und nach hinten ziehen heißt bremsen.

Im Kofferraum ist der Rollstuhl verstaut. Durch einen Knopfdruck öffnet sich der Kofferraumdeckel und der Rollstuhl wird an einem Arm um das Auto herum bis zur Fahrertür transportiert. Wer möchte, kann seinen Rollstuhl auch auf dem Rücksitz oder in einer Box auf dem Dach unterbringen. Auch ein Joystick als Lenkrad oder eine Sprachsteuerung sind im Angebot. Zawatzky braucht dazu nur ein paar Umbauten.

Zwei Brüder, ein Konzept

In seinem hellen Büro, direkt neben dem Besucherraum sitzt Geschäftsführer Andreas Zawatzky hinter seinem Schreibtisch und erzählt, wie alles vor fünfzig Jahren angefangen hat.

Kfz-Mechaniker und Fahrschullehrer Rudolf Zawatzky legte den Grundstein für den heutigen Betrieb. Durch den Schicksalsschlag eines Freundes kam ihm die Idee für den behindertengerechten Umbau von Fahrzeugen. Sein Freund Eberhardt Franz verlor bei einem Arbeitsunfall beide Arme. Gemeinsam entwickelten sie eine "Ohnarmer-Lenkung“ und 1962 erhielt Franz trotz seiner Behinderung einen Führerschein.

Heute führen Zawatzkys Söhne den Betrieb. Andreas leitet die Kfz-Werkstatt und Bernd die Fahrschule in Neckargmünd. Dort bringt er auch vielen behinderten Menschen das Fahren bei.

Die beiden arbeiten zusammen und bieten den Fahrschülern sogar behindertengerechte Apartments. Während der praktischen Fahrausbildung können sie hier übernachten. Für ihr Konzept wurden die Brüder 2012 als "TOP 20 Dienstleister“ ausgezeichnet.

Kfz-Werkstatt Zawatzky

Vom Erstbesuch bis zur Probefahrt im umgebauten Auto ist es ein langer Weg. Zuerst wird am Restkraftmobil getestet, welches Lenksystem am besten geeignet ist. Es gibt mechanische und elektronische Lösungen, ganz individuell auf die körperlichen Fähigkeiten der Kunden zugeschnitten.

Anschließend kommt das Auto in die Werkstatt. In der langen Halle steht ein Auto neben dem anderen. Mal ein großer Van, der im Innenraum Platz für zehn Rollstühle bietet, oder ein Kombi, der mit einer neuen Lenkung und einer Rollstuhlrampe ausgestattet wird. Die Handwerker nehmen die Karosserie auseinander. In manchen Fahrzeugen werden die Innenräume ganz neu eingerichtet.

Hier steht auch der Hightech-Wagen von Richard Wagner. Seit vielen Jahren hat er multiple Sklerose und nach vier Bandscheibenoperationen war er auf ein spezielles Fahrzeug angewiesen.

Mobilität und Unabhängigkeit

"Ich habe zwei Jahre gesucht, bis ich den besten Betrieb für mein Auto gefunden habe. Hier stimmt die Qualität“, sagt Wagner.

Der SAP-Berater kann dank seines Wagens seinen Beruf weiter ausüben. Für ihn bedeutet der Umbau vor allem Mobilität und Unabhängigkeit. Er fährt zu Kunden oder auch mal zum Fußballspiel von Ludwigshafen nach Berlin und das ganz alleine.

Wagner war schon oft im Betrieb und möchte heute seinen schwarzen Van auf die neue Sprachsteuerung umrüsten. "Blinker links. Sonnenblende runter. Fahrerfenster auf“, testet Wagner und tatsächlich blinkt es links, die Sonnenblende klappt auf und das Fenster fährt herunter.

Die Sprachsteuerung ist einfach und funktioniert sogar, wenn jemand Schwäbisch redet, so Schulz. Hupen, Scheibenwischer anschalten oder die Lüftung bedienen war vorher nur mit einer kleinen Fernbedienung möglich. Aber viele Kunden haben keine Arme oder Finger dafür zur Verfügung. Nun können auch diese Menschen Auto fahren. Im Gegensatz zu anderen Modellen ist das System nachrüstbar, herstellerübergreifend und individuell anpassbar.

Kunden am Ende der Welt

Zawatzky hat Kunden in der ganzen Welt. Zwar werden die meisten umgebauten Autos im "Speckgürtel“ rund um Meckesheim verkauft, aber der Betrieb macht auch dreißig Prozent Umsatz im Ausland. Ein Auto haben sie mal nach Neukaledonien, eine Inselgruppe östlich von Australien, geliefert. Auch der Wissenschaftler Steven Hawking hat sein Auto von Zawatzky umbauen lassen. Allerdings fährt er nicht selbst, sondern ist nur Beifahrer.

Lenkungen sind Typsache

Bei der Testfahrt in Meckesheim läuft es gut. Nach der Fahrt aus der Garage geht es rechts vom Geländer herunter und durchs Gewerbegebiet. Am Anfang ist es sehr ungewohnt. Der Joystick reagiert schon auf die kleinsten Bewegungen.

Auch Bernd Schulz hat so seine Erfahrungen mit den Systemen gemacht. "Ich habe alle Lenkungen selbst ausprobiert. Aber ich kann nicht mit allen fahren“, gibt Schulz zu. "Es ist schon erstaunlich, wie manche Kunden das machen.“ Das ist eine Typsache und es dauert, bis man seine perfekte Lösung gefunden hat.

Am Ende der Straße taucht wieder das Schild "Mobilcenter Zawatzky“ auf. Noch ein bisschen die Straße entlang, den Joystick nach rechts bewegen und in den Hof abbiegen. Was am Anfang so kompliziert aussieht, kann doch so einfach sein. Fast wie in einem Videospiel.

Internationale Handwerksmesse: Wer sich die außergewöhnlichen Umbauten anschauen möchte, kann Zawatzky in Halle 2 Stand C2.377 auf der Internationalen Handwerksmesse besuchen. Seine Produkte präsentiert er bei der Sonderausstellung "Innovation gewinnt“.

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