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Keramik formt die Welt

Die Exempla zeigt auf der Internationalen Handwerksmesse diverse Einsatzgebiete der Keramik. Von Kunstwerk über Fassade bis Filter

Ob im Haushalt oder im Auto, am Arbeitsplatz oder beim Zahnarzt: Die Einsatzmöglichkeiten von Keramik sind überaus vielfältig. Wie diese aussehen, zeigt die Sonderschau Exempla auf der Internationalen Handwerksmesse vom 3. bis 9. März in München. Die größte der Sonderschauen feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Die Jubiläumsschau findet unter dem Titel „Keramik gestaltet die Erde“ statt. Am Anfang steht ein historischer Exkurs in die Anfänge der Gebrauchskeramik in Oberbayern. Leihgaben aus der Archäologischen Staatssammlung München und der Sammlung Kowald zeigen Tongefäße von der Jungsteinzeit bis ins 19. Jahrhundert.

Den bedeutendsten Teil der Exempla 2010 nimmt jedoch die künstlerische Keramik ein. In einer Sonderpräsentation werden die Arbeiten international renommierter Keramiker gezeigt. Der Franzose Jean-François Fouilhoux arbeitet ausschließlich mit Seladon. Seine Keramiken haben häufig expressive Formen, um den Reiz der Glasur voll zu entfalten. Ihre Oberflächen erscheinen dagegen weich und samten.

Spektakuläre Gefäßskulpturen

Bereits seit der Song-Dynastie vor über 1700 Jahren ist das chinesische Jingdezhen als Porzellanstadt bekannt. Dort sind auch die neuesten, monumentalen Arbeiten von Felicity Aylieff entstanden. Seit 2005 arbeitet die Engländerin mit Keramikern aus Jingdezhen zusammen und schafft Gefäßskulpturen von spektakulärer Größe. Diese haben eine Höhe von bis zu drei Meter, werden in verschiedenen Abschnitten gedreht, dann zusammengesetzt und vier Tage lang gebrannt. Ihre neuesten Arbeiten zeigen grafische, ornamentale Motive, die sich fast wie ein Textildruck über das Gefäß ziehen.

Wer empfänglich für Poesie ist, wird sich dem Reiz der Arbeiten von Sonngard Marcks und Hans Fischer nur schwer entziehen können. Marcks malt auf einer weißen Zirkonglasur ihre fantasievollen Blüten- und Früchtearrangements, lässt wie auf alten Stillleben Schmetterlinge und Käfer umherfliegen und krabbeln. Fischers Teller, Platten und Terrinen bezaubern und berühren durch ihre Heiterkeit. Die lebendigen Zeichnungen und eingeritzten Schriftzüge sind zu einer Art Markenzeichen geworden. Die Auseinandersetzung mit der Tradition der volkstümlichen Keramik sowie mit der Malerei der klassischen Moderne ist unverkennbar.

Seit 1977 fertigt Martin Möhwald im Atelier seiner Mutter, der legendären Gertraud Möhwald, in Halle alltagstaugliches Geschirr. Die Oberflächen gestaltet er mit einer Umdrucktechnik mit Schriftzügen, Lettern, Zeichen und Ornamenten, die er wie Bruchstücke einsetzt. Sie erinnern an alte, zum Teil heruntergerissene Reklame an Litfaßsäulen und an archäologische Fundstücke.

Nikos Kavgalakis lebt und arbeitet in dem berühmten Dorf Margarites auf Kreta. Seine Werkstatt ist heute die Einzige, in der noch nach altem kretischen Verfahren die bis zu einen Meter hohen Tongefäße „Pithoi“ gedreht werden. In dritter Generation pflegt er eine Tradition, die seit Jahrtausenden besteht und durch zahlreiche Funde in den Ausgrabungsstätten von Knossos oder Festos belegt ist. Die Gefäße, in denen einst Öl, Feta, Honig, Getreide und Wolle aufbewahrt wurden, dienen heute meist als Pflanzgefäße.

Beim Thema „Baukeramik“ werden neben handgestrichenen Ziegeln, glasierten Dachziegeln und Dacheindeckungen auch keramische Verkleidungen wie Fassaden aus Formsteinen oder plastische Verzierungen aus Keramik und Fliesenwände in der Ausstellung zu sehen sein. Eines der berühmtesten Gebäude der Welt ist das Opern House in Sydney. Das Dach ist mit über einer Million weiß glasierten Keramikfliesen verkleidet, die dem Gebäude seine unverwechselbare Wirkung verleihen. Auch München verfügt seit Mai 2009 über ein architektonisches Highlight, das auf Baukeramik setzt: das Museum Brandhorst. Die Fassade des Gebäudes besteht aus 36.000 vertikal angeordneten Keramikstäben, die in 23 verschiedenen Farben funkeln, sowie einer dahinter gelegenen, horizontal gefalteten, zweifarbigen Blechfassade. Der Platz jedes einzelnen Stabes ist genau festgelegt. Dadurch wirkt die Fassade je nach Blickwinkel, als wäre sie kräftig gestreift oder als ob ihre Farbfelder verschwimmen würden.

Eine große Rolle spielt die Keramik auch bei der Ludwigskirche in München-Schwabing. Das Bauwerk erhielt 1835 ein farbiges Ziegeldach mit dem Motiv eines sternengefassten Kreuzes. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Dachziegel abgedeckt und eingelagert. In den 50er Jahren erfolgte mit dem Wiederaufbau der Stadt auch die Neueindeckung des Kirchendachs. Dabei wurden die Ziegel jedoch bunt durcheinandergewürfelt, so dass man das Kreuz nicht mehr erkennen konnte. 2008 begann die Münchner Firma Hans Lex, das Dach der Ludwigskirche nach dem Originalentwurf neu einzudecken. Dafür mussten rund 80.000 Dachziegeln bewegt werden. Die Arbeiten dauerten über ein Jahr. Mittlerweile können die prachtvollen Keramiksterne wieder in voller Schönheit bewundert werden. Ein Ausschnitt des Ziegeldachs ist auf der Exempla zu sehen.

Von Hand glasiert

Keramische Bauteile, die für die Sanierung historischer Gebäude benötigt werden, sind die Spezialität der Golem Kunst- und Baukeramik GmbH. Die Brandenburger Firma fertigt Ziegel, Formziegel, Terrakotten und Fliesen. Während der Gründerzeit und vor allem in der Zeit des Jugendstils und im Art déco wurden Fassaden häufig mit glasierten und unglasierten Keramikmodulen verkleidet. Ein Beispiel sind die Hackeschen Höfe in Berlin, für die Golem die Fliesen lieferte. Dabei wird so produziert, wie es um 1900 in den europäischen Fliesenmanufakturen üblich war. Jede Fliese wird einzeln von Hand glasiert, auch die Brennöfen werden von Hand bestückt.

Bodenziegel in historischer Qualität stellt die Firma Attenberger Bodenziegel in Haarbach bei Vilsbiburg her. Indem der Ton in seiner ursprünglichen Form verarbeitet wird, bleiben seine Mineralstrukturen erhalten - jeder Bodenziegel wird dadurch zum Unikat. Tonlagerstätten können ihr mineralogisches Gefüge von Spatenstich zu Spatenstich geringfügig ändern. In Kombination mit einer uneinheitlichen Ofenatmosphäre führt dies zu reizvollen Unterschieden in Maserung und Farbe. Die Bodenziegeln von Attenberger werden häufig für die Sanierung von Baudenkmälern verwendet.

Neben dem großen Gebiet der Baukeramik und der künstlerischen Keramik wird auf der Exempla 2010 auf ein weiteres, immer wichtigeres Einsatzgebiet verwiesen. Die technische Keramik spielt u.a. eine Rolle im Ofenbau, bei Brennersystemen oder Heizelementen, als Isolierstoff für Zündkerzen, Hochspannungskondensatoren und vielem mehr. Die Brembo SGL Carbon Ceramic beispielsweise arbeitet an leichten Verbundwerkstoffen für Automobil- und Rennsportbremsen. Zusammen mit Porsche entwickelte die Firma eine Carbon-Keramik-Bremsscheibe, die aufgrund ihres geringen Gewichts und ihrer Langlebigkeit eine Revolution in der Bremsentechnologie darstellt. Bremsen aus carbonfaserverstärktem Kohlenstoff (CFC) weisen u.a. eine sehr gute Dosierbarkeit, besseres Einlenkverhalten, Korrosionsbeständigkeit, hohe Verschleißfestigkeit und damit eine sehr hohe Lebensdauer sowie fast vollständige Vermeidung von Bremsstaub auf.

Auf Basis einer am Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS in Dresden patentierten porösen Siliciumcarbid-Keramik entwickelten IKTS-Wissenschaftler gemeinsam mit der HUSS Umwelttechnik GmbH hochabscheidende keramische Dieselpartikelfilter für „Non-Road-Anwendungen“. Das Material wurde in Größe, Verteilung und Volumen seiner Poren dem Einsatz als Partikelfilter für Dieselfahrzeuge angepasst. Zudem sind die Rohstoffe vergleichsweise preiswert und lassen sich bei geringeren Temperaturen verarbeiten.

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