Mittelfranken -

EuroSkills 2018 „Jò napot – Guten Tag erstmal“

Ein wichtiger Gruß, den Alexander Schmidt bald brauchen wird, ist „Jò napot“. Das heißt „Guten Tag“ auf Ungarisch. Denn der 22-Jährige aus Großharbach wird von 26. bis 28. September das deutsche Nationalteam der Stuckateure bei den europäischen Meisterschaften der Berufe vertreten.

Auch Josef Gruber wird dabei sein. Er ist einer von drei Stuckateurmeistern, die Alexander Schmidt auf seinen Wettkampf vorbereiten und mit ihm nach Ungarn reisen. Während der Tage in Budapest aber kann Gruber ihm nicht helfen – nur 15 Minuten vor und nach dem Wettkampf am jeweiligen Tag darf er mit ihm sprechen.

Denn der Ausbildungsmeister der Handwerkskammer für Mittelfranken trainiert nicht nur die Mitglieder des deutschen Nationalteams der Stuckateure, sondern ist bei den Meisterschaften auch als „Experte“, sprich: Jurymitglied, dabei.

Die Besten der Besten

DHZ: Was muss ich tun, um bei den EuroSkills mitmachen zu dürfen?
Josef Gruber: Das ist von Beruf zu Beruf ein wenig verschieden. Erst einmal brauche ich eine abgeschlossene Ausbildung im einschlägigen Beruf. Außerdem darf ich nicht älter als 25 Jahre, bei den WorldSkills 22, sein. Bei den Stuckateuren haben wir ein eigenes Nationalteam. Um die Aufnahme in diesen zehnköpfigen Kader zu schaffen, muss man entweder Bundessieger im „Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks (PLW – Profis leisten was)“ werden oder meine Kollegen Frank Schweizer (Baden-Württemberg), Dieter Stempel (Nordrhein-Westfalen) und mich im Ausscheidungswettkampf überzeugen. Auf der bautec in Berlin findet dann die Entscheidung innerhalb des Teams statt, wer auf die Meisterschaft fahren darf.
Alexander Schmidt: Ich war 2016 zweiter Bundessieger der Stuckateure und bin über den Contest in die Mannschaft gekommen. Bei den WorldSkills durfte ich als Ersatzteilnehmer auf der Bank dabei sein und freue mich jetzt, dass ich in Budapest selbst antreten darf.
Gruber: Die Entscheidung, wen wir schicken, ist für uns drei Meister nicht leicht. Schließlich haben wir ja bereits die zehn Besten Deutschlands vor uns. Ausschlaggebend ist also nicht nur die handwerkliche Qualität, sondern auch, wie jemand mit Stress umgeht, ob er schwer abzulenken ist oder ob es ihn aus der Bahn wirft, wenn etwas nicht so läuft wie geplant.

Vorbereitung läuft

DHZ: Herr Schmidt, wie geht es jetzt für Sie weiter, wie bereiten Sie sich auf die Europameisterschaften vor?
Schmidt: Ich bin bereits seit Mai in meinem Betrieb freigestellt, damit ich jeden Tag trainieren kann. Zwischen 7.30 und 17 Uhr übe ich immer wieder die diesjährige Aufgabe oder die Projekte der Vorjahre.

„Jò napot – Guten Tag erstmal“

DHZ: Geht das so einfach? Ein halbes Jahr nicht arbeiten bedeutet ja auch, ein halbes Jahr kein Gehalt zu beziehen?
Schmidt: Ich bin im Familienbetrieb, daher konnte ich das sozusagen auf dem „kurzen Dienstweg“ erledigen. Mein Vater sieht auch den Werbeeffekt, wenn der Sohn im Nationalteam ist und an Welt- und Europameisterschaften teilnimmt.
Gruber: Es gibt auch Stipendien, wie beispielsweise die Begabtenförderung. Die fangen zwar nicht alles ab, aber bieten eine finanzielle Unterstützung.

DHZ: Wissen Sie jetzt schon, was im September in Budapest abgefragt werden wird?
Schmidt: Fast. Ich muss eine freistehende Trockenbaukonstruktion, bestehend aus einer freitragenden Decke und den Wänden A, B, C und D mit verschiedenen Öffnungen und Durchdringungen, machen. Ich muss eine Stucksäule anfertigen und am Übergang zwischen Wand A und D einbauen. Auf der Putzfläche der Wand B soll eine ungarische Flagge aufgebracht werden und an der Wandfläche C ist ein Freestyle-Modul geplant.
Gruber: Wie das aussehen wird, verraten wir aber noch nicht, um die Überraschung nicht zu ver­derben.
Schmidt: Eine Überraschung kann es auch für mich geben. Denn 30 Prozent der Aufgabe werden am ersten Wettkampftag noch einmal geändert.
Gruber: So soll sichergestellt werden, dass die Herausforderung nicht nur stupide Wiederholung ist, sondern dass die Teilnehmer auch spontan ihre Handwerkskunst beherrschen.

Schummeln geht nicht

DHZ: Und Sie müssen es dann bewerten, Herr Gruber? Kommt man nicht in Versuchung, dem eigenen Kandidaten ein paar Tipps zuzuraunen?
Gruber: Nein, das geht gar nicht. Fairness ist schließlich das oberste Gebot. Wenn ich das täte und mich sähe jemand, gäbe es übrigens auch Strafpunkte und bei besonders gravierenden Verstößen könnte Alex von den EuroSkills ausgeschlossen werden. Den Teilnehmer meines eigenen Landes darf ich auch nicht bewerten. Da bin ich ohnehin außen vor.

DHZ: Viele Menschen sind froh, wenn Sie aus der Arbeit rauskommen und mal was anderes machen dürfen. Sie beide verbringen Ihre Freizeit auch mit Ihrem Handwerk, verzichten auf Feierabende und Wochenenden. Warum nehmen Sie das auf sich?
Gruber: Unser Beruf hat immer noch einen schlechten Ruf. Dagegen will ich etwas tun. Denn ich liebe es, Stuckateur zu sein. Zu meiner Tätigkeit gehören auch viele Pflichten im Büro. Das ist für mich wie im Gefängnis sitzen. Nur auf den Bildschirm starren. Lieber bin ich in der Werkstatt oder auf der Baustelle, rede mit Menschen, packe an, schaffe etwas. Da hört man auch mal was anderes als nur die Lüftung vom Laptop. Außerdem macht es mir Spaß, mein Wissen an die jungen Leute weiterzugeben. Die sind ohnehin viel besser als ihr Ruf.
Schmidt: Auch ich bin von meinem Beruf begeistert. Er ist extrem abwechslungsreich und am Abend sehe ich, was ich geschaffen habe. Daher verputze ich auch so gerne. Gebt mir große Flächen und ich lebe mich aus. (Lacht): Außerdem wird dann das Fitness-Studio gleich mitgeliefert. Und ich komme auch unter Leute. Auf der Baustelle hat man immer mit dem Auftraggeber oder Kollegen zu tun.

DHZ: Sind Sie schon aufgeregt?
Schmidt: Wenn ich das Gefühl habe, mich gut vorbereitet und alles mir Mögliche getan zu haben, kann ich mit der Aufregung umgehen. Angst habe ich nur vor Dingen, auf die ich keinen Einfluss habe, wie beispielsweise Materialqualität.
Gruber: Eine Woche vor dem Wettkampf kommt zusätzlich ein Mentalcoach, der Alex verschiedene Techniken zeigen wird, wie man mit so einer Ausnahmesituation umgeht. Beispielsweise versuchen die beiden verschiedene Atemtechniken.

DHZ: Und was sagt Ihre Freundin dazu, dass Sie sie jetzt gar nicht mehr sieht?
Schmidt: Amelie hat gesagt: Das ist dein Traum. Den ziehst du jetzt durch!

Weitere Informationen zu den EuroSkills finden Sie unter hwk-mittelfranken unter Ausbildung, Auszubildende, Wettbewerbe

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