Meinung -

Kommentar Irrtum, Herr Professor!

Eine neue Studie des ifo-Instituts kritisiert die duale Ausbildung. Doch Akademiker übertrumpfen beruflich Ausgebildete nicht.

„Wenn die Berufsausbildung zum Nachteil wird“ – mit diesem Titel wurde jüngst eine Studie des ifo-Instituts angekündigt. Da reibt man sich die Augen! Ist bei den Autoren nicht angekommen, dass das duale System der Berufsausbildung zum einen die Basis geringer Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland und zum anderen längst ein Exportschlager ist? Nur im eigenen Land meint man, daran herumkritisieren zu müssen. Der Befund der Autoren lautet, dass sich der Beschäftigungsvorteil der beruflichen Ausbildung im Alter von 44 Jahren in einen Beschäftigungsnachteil umdreht. Warum? Einerseits – so die Studie – scheint die berufsspezifische Ausbildung den Übergang von der Schul- in die Arbeitswelt zu erleichtern, andererseits aber gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer an eine sich ändernde Wirtschaft zu verringern. Bei Akademikern soll dies angeblich nicht der Fall sein.

Das Rezept von Ludger Wößmann, Autor der Studie: Die Zahl der Ausbildungsberufe soll gesenkt und die Ausbildung soll modularisiert werden. Hat eigentlich Professor Wößmann schon einmal verglichen, wie viele Ausbildungsberufe und wie viele Studiengänge es gibt? Insgesamt gibt es in Deutschland rund 330 Ausbildungsberufe, aber – man mag es kaum glauben – über 18.000 unterschiedliche Bachelor- und Masterstudiengänge. Wo, Herr Professor, ist denn da nun eine zu große Spezialisierung? Wenn jemand Kraftfahrzeugmechatroniker lernt, dann weiß man, was dahintersteckt und was der Lehrling können sollte. Aber weiß man, worauf jemand spezialisiert ist, wenn er für den Studiengang „Cruise Management“ eingetragen ist? Nun – des Rätsels Lösung – er sollte sich im Kreuzfahrt-Tourismus auskennen.

Was die Modularisierung der Ausbildung betrifft, so lautet die klare Position des Handwerks: Nein, denn wir brauchen eine Ausbildung in der Breite eines Berufes und nicht nur in Einzelbestandteilen. Sehr überheblich klingt die Behauptung, dass bei Beschäftigten mit dualer Ausbildung es an Flexibilität oder Bereitschaft zum lebenslangen Lernen fehlt. Im Handwerk ist längst angekommen, dass lebenslanges Lernen zum Erfolg im Berufsleben gehört. Zu bedenken wäre von den Herren Akademikern vielleicht noch, dass es im Handwerk im Unterschied zu deren Bereich etliche Berufe gibt, die körperlich sehr fordernd sind und von daher von älteren Arbeitnehmern nicht mehr so ohne Weiteres ausgeübt werden können. Wenn Herr Wößmann einen Kontrapunkt zu seinem Kollegen Julian Nida-Rümelin setzen wollte, der vom Akademisierungswahn spricht, so ist ihm dies misslungen.

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