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Betriebsfest bei Walter Fenster in Kassel Innehalten im Werkstattalltag

Die Firma Walter Fenster lässt sich ihr jährliches Betriebsfest einiges kosten. Das steigert vielleicht nicht gleich den Umsatz, schafft aber andere Werte. Vor allem, wenn ein prominenter Benediktinerpater auftritt.

"Schön, dass Ihr da seid", "Hallo, kommt rein", "Danke für die Einladung". Bei der Firma Walter Fenster in Kassel herrscht reges Kommen. Es ist "Werkstattfest". Zum sechsten Mal haben die Chefs Frank und Gerd Walter Geschäftspartner, Freunde und die Kasseler High Society eingeladen, ein Betriebsfest zu feiern. Trotz Novemberwetter, Jahresendstimmung und Montagabend sind die meisten dieser Einladung auch gefolgt.

Mehr als 600 Besucher haben sich angemeldet. Bei solch einem Ansturm wollen die Walters auf Nummer sicher gehen. Am Eingang liegen vorsichtshalber Zettel, mit der Bitte, wegen der Schweinegrippe doch auf Händeschütteln und Wangenküsschen zu verzichten. Doch bevor die Zettel irgendjemand sieht, sind Hände und Wangen schon geschüttelt und geküsst. Die beiden Brüder versuchen gar nicht erst, ihre Gäste von einer herzlichen Umarmung abzuhalten. Kleine Kärtchen mit Sinnsprüchen liegen aus als Hinweis auf den Ehrengast.

Lange nach der Form gesucht

Pater Anselm Grün, wirtschaftlicher Leiter (Cellerar) der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg und Verfasser zahlreicher Bücher zur inneren Erbauung, soll einen Vortrag halten. Zum Thema "Führen und geführt werden". Noch bevor der Cellerar (wirtschaftlicher Leiter) der Benediktinerabtei Münsterschwarzach in der Nähe von Würzburg eintrifft, herrscht gespannte Aufmerksamkeit.

Die Walters haben lange probiert, bis sie die richtige Form für ein geselliges Miteinander gefunden hatten. Am Beginn stand der übliche "Tag der offenen Tür". "Doch außer Würstchen haben wir nichts verkauft", erinnert sich Frank Walter. Der zweite Versuch, eine Technikausstellung, wusste auch nicht zu begeistern. Schließlich kam ein Zulieferer aus Bayern, der ihnen einen selbst erprobten Stammtisch mit befreundeten Architekten empfahl. Gute Idee, fanden die Walters, doch die Gästeliste wurde schnell so lang, dass es nahelag, daraus ein Fest zu machen.

Heute ist es ein Dank an all die, mit denen die Walters Tag für Tag zusammenarbeiten: die Hausmeister, Architekten und Hausverwalter. Und natürlich die Kunden. Frank Walter: "Das sind all die, die wir bewirten wollen." Bei dem Netzwerk, das die Walters, angefangen mit Großvater Hans, der das Unternehmen 1937 gegründet hat, und Vater Georg Walter, der es bis 1994 geführt hat, geknüpft haben, ist es ganz natürlich, dass die Werkstatt voll wird. Lokalpolitik, Bundestagsabgeordnete, Kammerspitzen, Golfclub, freiwillige Feuerwehr, Blaskapelle alle sind gekommen.

Selbst der KSV Hessen Kassel ist fast mit der gesamten ersten Fußballmannschaft vertreten. Gerd Walter war schließlich selbst lange Jahre aktiv. Kunden und Lieferaten sind selbstverständlich auch da. Frank Walters Schwiegervater, selbst Besitzer eines Kfz-Handwerksbetriebs, bemerkt an diesem Abend zu Recht, dass so ein Fest besser sei als jede Anzeige. Mehr Werbung gehe nicht.

Eine Kolumnistin der "Hessisch-Niedersächsischen Allgemeine" wartet auf Pater Anselm, um zumindest noch ein Bild für ihre Gesellschaftskolumne mitzunehmen. Sie hofft, dass der Pater pünktlich kommt und nicht zwischen Würzburg und Kassel auf der A 7 im Stau stecken bleibt. Doch der Stau bleibt aus. Im schwarzen Habit und Anorak entsteigt der Pater seinem VW Golf und lässt lächelnd und in aller Seelenruhe eine Schar Fotografen ihre Bilder machen.

Ein HR-Reporter hält ihm sein Mikrofon unter die Nase. Den professionellen Umgang mit den Medien gewöhnt, beantwortet er überlegt und sachlich die Fragen vor der Fernsehkamera. Er nimmt Stellung zur Finanzkrise und ihren Ursachen. Auch die Sehnsucht der Menschen nach Ruhe und weniger Druck und Hektik kommt zur Sprache.

Plädoyer für Menschenliebe

Die ersten Gäste stärken sich derweil bei Bratwurst und Kartoffelsuppe. Neben den Bierzeltgarnituren haben die Walters auch ein paar Stuhlreihen vor einer kleinen Bühne aufgebaut. Schnell sichern sich die Gäste einen Sitzplatz für den Vortrag. Zur Einstimmung spielt und singt ein Duo ein paar aktuelle Popsongs, unter anderem "Liebe ist alles" von Rosenstolz. Man könnte es als Vorwegnahme von Grüns Botschaft verstehen.

Als der Pater endlich die Bühne betritt, herrscht plötzlich Stille in der Werkhalle, eine gottesdienstähnliche Ruhe. Alle sind aufmerksam und hören gespannt, was Grün zu sagen hat. Die Worte des Benediktiners haben wenig von einer Predigt. Sein Vortrag ist angenehm unaufgeregt und klar. Der Pater spricht über das Führen und was ein Firmenchef dafür braucht. Vor allem Werte, sagt er. Er nennt all jene Eigenschaften, die das Handwerk gerne für sich reklamiert: Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, gute Arbeit.

Doch Grün geht tiefer. Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maßhalten gehören für ihn ebenfalls dazu. Tugenden, die heute oft fehlten. Die Zuhörer werden bei diesen Worten an Manager großer Unternehmen und Banken gedacht haben, die in den vergangenen Monaten in den Schlagzeilen standen. Doch Grün klagt niemanden an, sagt nur, wie es besser geht. Alles in allem ist Grüns Rede ein Plädoyer für die Liebe zu den Mitarbeitern, zum Unternehmen und zu den Produkten, in der sich ein Führungsprinzip manifestiert. Eine Liebe, die Energie spende, denn eine Arbeit, bei der man die Menschen mag, werde nicht so schnell zu viel. Ein warmer, langer Applaus verrät, dass Grün den Nerv seiner Zuhörer getroffen hat. Demütig mit gesenktem Kopf und vor dem Schoß verschränkten Händen wartet er den Beifall ab, bis er die Bühne verlässt.

Euphorische Reaktionen auf das Fest

Frank Walter geht zwischen Menschengrüppchen hin und her und nimmt Komplimente entgegen. Das Fest wird ausdrücklich gelobt. Für einen Handwerksbetrieb sei so etwas doch außergewöhnlich, heißt es. Eifrig wird über die Worte des Paters diskutiert. Anderthalb Jahre hat es gedauert, ihn für einen Vortrag nach Kassel zu holen. Frank Walter hatte Grün vor zwei Jahren bei einem Seminar im Bildungshaus Würzburg gehört. Schon kurz darauf startete er eine Anfrage für einen Vortrag auf dem Werkstattfest.

Die Zusage kam relativ schnell. Allerdings exakt für den 16. November 2009. "Auch wenn Montag ein ungewöhnlicher Tag für ein Betriebsfest ist, habe ich gleich zugesagt", so Walter. Insgesamt haben Walters runde 30.000 Euro in ihr Werkstattfest investiert, wobei der Vortrag am wenigsten gekostet hat. "Natürlich ist das viel Geld", gibt Walter zu, "doch die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind uns sehr wichtig."

Walter weiß auch, dass sich nicht jeder Betrieb ein solches Fest leisten kann. Jedes Unternehmen müsse seinen eigenen Weg finden, sich darzustellen und am Image zu arbeiten. Das zahle sich auch nicht gleich zählbar in barer Münze aus. Für Bruder Gerd sind solche Aktionen eher wie der Bau an einem Fundament. Drei Aspekte zählten bei einem solchen Fest: der Dank an die Kunden, die Darstellung des Unternehmens "Wir wollen zeigen, was wir denken und fühlen" und die Gäste als Multiplikatoren, die einen guten Eindruck mit nach Hause nehmen. Und der war wahrlich gut.

9 Uhr morgens am Tag danach. Die Walter-Brüder und ihre Mitarbeiter frühstücken und lassen den gestrigen Abend Revue passieren. Das Resümee ist positiv. Frank Walter berichtet, wie euphorisch die Reaktionen ausgefallen sind. Eine Vielzahl von Danksagungen per E-Mail, am Telefon oder persönlich hätten sie erhalten. Pater Anselm habe ausgesprochen, was viele denken. Frank Walter: "Typisch Handwerk, oder? Hier menschelt es noch."

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