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IAA Nutzfahrzeuge 2018 in Hannover Immer mehr Transporter bekommen Elektroantrieb

Lobeshymen auf den Elektroantrieb, Schweigen über den Diesel: Auf der IAA blickt die Autobranche mit Visionen in die Zukunft und liefert Angebot für aktuelle Transportaufgaben.

Mit viel Schwung stürmte Thomas Sedran zur Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Hannover auf die Bühne von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Der neue Vorstandschef radelte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt mit einem Cargo E-Bike vor – eine symbolische Geste, die das Flair der Messe gut widerspiegelte.

Reduktion der Abgase durch Elektromobilität war das tonangebende Thema, viele Messestände schmückten sich mit schicken Lastenrädern. Aussteller, die wie Fiat keinen Elektroantrieb vorzuweisen hatten, verzichteten auf Pressekonferenzen. Über den Dieselmotor schweigt die Branche am liebsten. Zwar betonte VW-Chef Sedran, dass der Diesel auch in Zukunft ein wichtiges Rückgrat auf der Langstrecke bleibe, um im nächsten Atemzug eine Studie vorzustellen, die dem E-Crafter zu mehr Reichweite verhelfen soll. Beim VW Crafter Hymotion versorgt eine Brennstoffzelle den 3,5-Tonner mit Energie, genug Kraft für 500 km ohne Tankstopp. Das technische Konzept sei bereits seriennah.

Brennstoffzelle als Zukunftsthema

Für Sedran ist die Brennstoffzelle ein Zukunftsthema, zumal das Tankstellennetz in den nächsten zwei Jahren auf 100 Stationen wachsen soll und das Tanken selbst nicht mehr viel länger dauert als bei konventionellem Kraftstoff. Außerdem sei der Hymotion wesentlich leichter als der E-Crafter, was gerade bei Nutzfahrzeugen wegen der höheren Zuladung besonders wichtig sei.

Neuheiten auf der IAA Nutzfahrzeuge 2018

Dass die Elektromobilität im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge angekommen ist, verkörpert kein Unternehmen so sehr wie Streetscooter. Pro Tag rollen bei der Post-Tochter inzwischen 40 Fahrzeuge vom Band, verkündete Geschäftsführer Achim Kampker und verwies auf die stetig gewachsene Modellvielfalt. Zur IAA waren die E-Transporter aus Aachen gleich an 25 verschiedenen Ständen vertreten, darunter Kühlfahrzeuge bei Cargo Bulls, Dreiseiten-Kipper bei E-Vade, das Bäckermobil BV1 bei TBZ Fahrzeugbau oder Kastenwagen mit Regalsystem bei Bott.

Streetscooter Work XL bald für Gewerbekunden

Das größte Modell von Streetscooter, der Work XL, basiert auf dem Fahrgestell des Ford Transit. Doch während Ford die Weltpremiere des neuen Transit im hintersten Winkel seines Messestandes regelrecht versteckt hielt, rückte Streetscooter den Work XL in den Mittelpunkt. 1000 Exemplare des Transporters mit einer Batteriekapazität von 76 kWh, einem Ladevolumen von bis zu 20 m3 und einer Nutzlast von bis zu 1150 kg will die Post bis Ende des Jahres in Betrieb nehmen. Danach soll er wie die anderen Modelle auch an Gewerbetreibende verkauft werden. Interessierte Kunden könnten sich schon jetzt als Tester bewerben.

Getestet wird freilich am meisten von den Herstellern selbst. Komplette urbane Infrastrukturen werden nachgebaut, um das autonome Fahren von den Rechnern in die Realität zu übertragen. Streetscooter betreibt in der Nähe von Aachen ein solches Testgelände, Daimler hat kürzlich sein größtes Prüf- und Technologiezentrum auf einem ehemaligen Militärareal in Immendingen eröffnet, keine Autostunde von der Konzernzentrale in Stuttgart entfernt. Hier tüfteln die Ingenieure an der Mobilität von morgen.

Mercedes und Renault: Visionen von Urbanetic bis EZ-Pro

Eine Ahnung davon konnten die IAA-Besucher in der Halle von Mercedes-Benz bekommen. Mit dem Konzeptfahrzeug „Vision Urbanetic“ zeigten die Schwaben ihre Ideen zukünftigen Personen- und Gütertransports. Chef-Designer Gordon Wagener freut sich über den großen Gestaltungsspielraum, den autonome People-Mover oder Cargo-Systeme bieten. Ausgehend vom Third-Place-Gedanken verortet er den dritten Platz in einer mobilen Zukunftsgesellschaft nach Wohnung und Arbeitsplatz im Automobil.

Mit dem Urbanetic präsentierte Mercedes einen ganz neuen Ansatz künftiger Stadtmobilität, denn die visionäre Studie hebt die Trennung von Personen- und Gütertransport auf. Basis ist ein vollelektrisches Fahrgestell als selbstfahrende Plattform, an die unterschiedliche Wechselaufbauten angekoppelt werden. Im People-Mover finden bis zu zwölf Personen Platz. Die Transportkabine nimmt bis zu zehn Europlatten auf.

Wann aus der Vision Urbanetic Realität wird, steht noch in den Sternen. Aber mit BASF hat Mercedes schon einen Partner gefunden, auf dessen Betriebsgelände in Ludwigshafen ein On-Demand Ridesharing-System getestet und weiterentwickelt werden soll. Dabei kommt der Mitfahrdienst ViaVan zum Einsatz, für den Daimler mit dem amerikanischen Start-up Via kooperiert.

App ViaVan organisiert Mitfahrgelegenheiten

Der von Via entwickelte Algorithmus ermöglicht über eine App, Fahrten zusammenzufassen, damit Passagiere mit ähnlichem oder gleichem Reiseziel ohne langwierige Umwege und Verzögerungen gemeinsam befördert werden können. ViaVan wird bereits in Amsterdam, London und Berlin getestet, um die Innenstädte vom zunehmenden Verkehr zu entlasten.

Renault nennt seine Vision von einem vernetzten, voll automatisierten und elektrischen Transportsystem EZ-Pro. Optisch erinnert die Studie stärker noch als der Urbanetic an Science Fiction. EZ-Pro besteht aus sogenannten Robo Pods, die auf der gleichen Plattform basieren. Hinter dem autonom fahrenden, aber bemannten Leader Pod (Nutzlast: 1 t) schließt sich ein Konvoi unbemannter Follower Pods (Nutzlast: 2 t) an, die auf den letzten Metern bei Bedarf eigenständig zum Zielort fahren können.

Renault sieht EZ-Pro als seinen Beitrag zum Smart-City-Konzept, mit dem Metropolen die innerstädtischen Verkehrsströme in zukunftsfähige Bahnen lenken wollen. Ein EZ-Pro Konvoi kann in jedem Follower Pod Güter für unterschiedliche Auftraggeber, Endkunden und Lieferorte mit sich führen. Soll besonders wertvolle und empfindliche Ware zum Kunden gebracht werden, oder müssen vor Ort spezielle Transportformalitäten erledigt werden, tritt der bemannte Leader Pot in Aktion.

Die kühnen Visionen von Daimler und Renault blicken in eine Zukunft, die noch in weiter Ferne zu liegen scheint. Aber sie sind die Vorboten einer sich extrem wandelnden Mobilität. Nur das Tempo des Umbruchs lässt sich gegenwärtig noch schwer einschätzen.

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