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Genossenschaften im Handwerk Im Preiskampf mit den Großen mithalten

"Ein Gewinn für alle" lautet das Motto zum Internationalen Jahr der Genossenschaften, das die Vereinten Nationen für 2012 ausgerufen haben. "Ein Gewinn für alle" soll zeigen, wie stark Unternehmen aller Branchen profitieren können, wenn sie auf Gemeinschaft und mehr Mitspracherechte setzen. Auch im Handwerk entstehen immer mehr genossenschaftliche Zusammenschlüsse. Doch wie profitabel sind sie wirklich?

Kampf um die Stromnetze
Immer Bürger, Kommunen und kleine Betriebe nehmen die Energieversorgung selbst in die Hand. Sie wollen in Form von Genossenschaften die Stromnetze übernehmen und dezentral umbauen. -

Die Mitglieder einer Genossenschaft sind zugleich Eigentümer und Kunden ihres Gemeinschaftsunternehmens. Sie haben gemeinsame Ziele und legen dafür in Absprache die Rahmenbedingungen fest. Was nach einem alternativen Randwirtschaften klingt, bietet in Wirklichkeit jedoch gerade kleinen Betrieben eine Perspektive, um sich gegen Großkonzerne und Global Players zu behaupten.

Um die weltweite Bedeutung der Genossenschaften stärker in den Vordergrund zu stellen, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2012 zum "Internationalen Jahr der Genossenschaften" ausgerufen. Nach Angaben des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) gibt es weltweit 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder und über 100 Millionen Arbeitsplätze werden von Genossenschaften bereitgestellt. Neben den Genossenschaftsbanken sind in Deutschland vor allem Wohnungsgenossenschaften, Handelszusammenschlüsse und landwirtschaftliche Genossenschaften bekannt.

Klasse statt Masse

Zunehmende Bedeutung findet diese Form der Unternehmensorganisation, die meistens zu einem ganz bestimmten Zweck – sei es den Einkauf von Waren oder die Vermarktung von Waren – gegründet wird, auch bei Selbstständigen, im Bereich der Erneuerbaren Energien und im Handwerk. "Die Preisvorteile beim Einkauf sind enorm für jeden Einzelnen", sagt Adolf Aschenbrenner, der Vorstand des Autoteile-Einkaufsverbands Atev aus dem baden-württembergischen Waiblingen. Im Verbund könne jedes Mitglied auch mit den großen Unternehmen mithalten.

Bereits seit zwanzig Jahren arbeiten die heute 31 Mitglieder in der Genossenschaft zusammen und organisieren so gemeinsam den Einkauf von Ersatz- und Einbauteilen für Autowerkstätten. Die Mitglieder der Atev – meist kleine Handwerksbetriebe ohne große Lagerhallen können im Zusammenschluss so große Mengen einkaufen, dass alle von günstigeren Preisen profitieren. Gezahlt haben die einzelnen Mitglieder dafür einen einmalige Beteiligungssumme, über die sich die Genossenschaft finanziert und heute auch Dienstleistungen rund ums Marketing anbieten.

Einzel- und Anbauteile eines Autos
© Alexander Tarasov/Fotolia

Für Adolf Aschenbrenner zählt ganz klar die Klasse und nicht die Masse und so achtet er ganz genau darauf, mit welchen Großhändlern die Genossenschaft zusammenarbeitet. Wie die Kooperation zwischen den Mitgliedern genau abläuft und mit welchen Händlern die Genossenschaft zusammenarbeitet besprechen die Mitglieder bei den beiden jährlichen Versammlungen. Entschieden wird nach demokratischen Prinzipien. Jeder hat nur eine Stimme, egal wie groß der Mitgliedbetrieb ist oder wie hoch seine Umsätze sind. Die Mehrheit zählt, so dass auf einfachem Weg abgestimmt werden kann. "Das läuft eigentlich immer ganz problemlos und ohne endlose Diskussionen oder so", erzählt der Vorsitzende der Atev.

Insolvenzen sind selten

Um in Deutschland eine Genossenschaft zu gründen – einzig relevant ist hier die sogenannte eingetragene Genossenschaft (eG) – müssen sich mindestens drei Personen oder Betriebe zusammentun und sich gemeinsam in das Genossenschaftsregister eintragen lassen. Dieses wird vom regional zuständigen Amtsgericht verwaltet. Hat eine Genossenschaft mehr als zwanzig Mitglieder, so muss der Vorstand, den jede dieser Zusammenschlüsse benötigt, aus zwei Personen bestehen. Zusätzlich muss ein Aufsichtsrat mit mindestens drei Personen eingesetzt werden. Alle Mitglieder gemeinsam bilden die Generalversammlung, die bei einer sehr kleinen Genossenschaft den Aufsichtsrat ersetzen kann.

Nach einer einmalig getätigten Einlage ins Geschäftsvermögen, die jedes Mitglied zum Zeitpunkt des Einstiegs leistet, ist es üblich, dass die Genossenschaft eine jährliche Dividende auszahlt, die sie über die Anlage des gemeinsamen Vermögens erzielt hat. Alle Mitglieder haften nur mit ihrer Einlage für die Genossenschaft und nicht mit ihrem Betriebs- oder Privatvermögen. "Die Insolvenzquote bei den Genossenschaften liegt seit vielen Jahren bei unter 0,1 Prozent. Damit ist die eG die mit Abstand insolvenzsicherste Rechtsform in Deutschland", erklärt Eckhard Ott, Vorstandsvorsitzender des DGRV, die Erfolge der Genossenschaften im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung.

Der Genossenschaftsfachmann berichtet, dass es im Handwerk in Deutschland mittlerweile rund 200 verschiedene derartige Zusammenschlüsse gibt. Vor allem im Bereich der erneuerbare Energien steigt die Nachfrage. So nehmen immer mehr Kommunen, kleine Unternehmen und Bürger ihre Energieversorgung selbst in die Hand und gründen kleine Genossenschaften, um sich gemeinsam Anlagen zur Energieerzeugung zu kaufen und diese zu betreiben.

Ob Solarparks, Blockheizkraftwerke oder Biogasanlagen – gemeinsam ist den Besitzern, dass die unabhängig von den Großkonzernen sein wollen und dass sie sich zusammentun, weil sie einzeln die Kosten und den Betrieb nicht organisieren können. Doch im Zusammenschluss profitiert jeder. Das Handwerk sogar doppelt, wenn es so Energie unabhängig nutzen kann und gleichzeitig über die Nachfrage am Bau solcher Anlagen noch neue Aufträge bekommt.

Beispiele für derartige Zusammenschlüsse gibt es mittlerweile viele, so beispielsweise im oberpfälzischen Grafenwöhr, wo sich Bürger und Stadtwerke zusammengeschlossen haben, um bis zum Jahr 2030 komplett auf erneuerbare Energien umzusteigen. Aber auch die baden-württembergische Energiegenossenschaft Weissacher Tal, die Oldenburger Energiegenossenschaft eG (Olegeno) und die Genossenschaft BürgerEnergie Berlin eG – um nur ein paar Beispiele zu nennen – möchten die Energieversorgung über den Weg der Genossenschaft umkrempeln.

Qualitätsoffensive im Malerhandwerk

Auf einem anderen Gebiet arbeitet die handwerkliche Genossenschaft "farbrat Wertegemeinschaft e.G." aus Stuttgart zusammen. 18 Malerbetriebe aus dem ganzen Bundesgebiet haben sich hierfür zusammengetan und wollen die Genossenschaft als Qualitätsmarke positionieren. Auch wenn die Mitgliedsbetriebe vom Größenverhältnis sehr unterschiedlich sind – der kleinste ist ein Einmannbetrieb und der größte hat 90 Mitarbeiter – haben sie sich alle den gleichen Werte- und Qualitätskriterien verschrieben: der Farbenlehre von Johann Wolfgang von Goethe, dem "Farbrat".

"Man muss Farbe immer im Zusammenhang mit Licht sehen, wir legen großen Wert auf die Gestaltung und die Kombination der Farben", erklärt Joachim Baur, aus dem Aufsichtsrat der Genossenschaft den Qualitätsanspruch von "farbrat". Für ihn liegen die Vorteile des Zusammenschlusses, den es so schon seit 1999 gibt, klar auf der Hand: "Die Genossenschaft ist für uns optimal. Da wir schon lange zusammen an neuen Techniken arbeiten, können wir das über den Zusammenschluss auch betriebswirtschaftlich rentabel umsetzen." Geändert habe sich seit dem Zusammenschluss in der Genossenschaft vor allem, dass der bürokratische Aufwand, der vorher durch die Zusammenarbeit bei der Entwicklung neuer Techniken bestand, nun ein "geordneter Aufwand" sei, sagt Baur.

Gemeinsam organisieren sie das Marketing für alle Mitglieder, Schulungen und die Vermarktung von Produkten und Lizenzen der Mitglieder. Angefangen hat alles mit der gemeinsamen Entwicklung neuer Verputztechniken aus Kalk. Mehrere Handwerksbetriebe haben dazu ihre technisches und gestalterisches Know-how ausgetauscht und dann begonnen eigene Innovationen unter gemeinsamem Namen zu entwickeln. Heute gibt es einen kompletten gemeinsamen Markenauftritt, ein gemeinsames Logo und jedes Jahr wird eine "Wand des Jahres" gekürt, die dann per Wanderausstellung durch Deutschland tourt.

Farbkreis
© sashpictures/Fotolia

Ein gemeinsamer Weg

Gemeinsam wollen die Genossenschaften also einen Weg finden, um mehr zu erreichen, als es einer alleine schaffen kann – ob finanziell, als Alternative zu Vorhandenem oder um Risiken zu vermeiden. Wie Experten die Vor- und Nachteile der Genossenschaften einschätzen und welche Kosten eine Mitgliedschaft wirklich nach sich zieht, lesen Sie im DHZ-Interview mit Eckhard Ott.

Informationen zu Genossenschaften im Handwerk bekommen Sie auch in der "Gründerfibel", die der DGRV gemeinsam mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) veröffentlicht hat.

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