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Im Klammergriff der Verordnungen Oberflächentechnik leidet unter strengen Umweltauflagen

Der Galvano- und Oberflächentechnik geht es eigentlich gut, doch die Betriebsinhaber kämpfen mit zunehmend strengeren Auflagen.

Rainer Stark ist Geschäftsführer eines Metallveredelungsunternehmens. Chrom-Müller aus dem schwäbischen Oberndorf beschichtet Bauteile für den Maschinenbau, die Automotivebranche sowie für die Elektro- und Medizintechnik und viele weitere Branchen in der Metall verarbeitenden Industrie. In seinem Unternehmen arbeiten 100 Mitarbeiter in fünf Werkhallen auf 4.500 Quadratmeter Fläche.

Normalerweise hätte der Galvaniseurmeister also gut ausgefüllte Arbeitstage, wenn er sich allein um seine Mitarbeiter, Kunden und Aufträge kümmerte. Doch zwei volle Arbeitstage in der Woche – und das sind nicht etwa nur Acht-Stunden-Arbeitnehmertage – widmet sich Stark der Umsetzung von Verordnungen, wie etwa das europäische Regelwerk "Reach", Umweltauflagen der Behörden sowie weiteren Auditierungen und Zertifizierungen zur Absicherung anderer Standards. "Und dann ist ja noch kein Geld verdient", gibt Stark ganz nüchtern zu bedenken. Doch der Markt und der Gesetzgeber fordern die konsequente Pflege und Einhaltung dieser Unmenge an Vorschriften, mit der gerade die Oberflächentechnik über die Maßen zu kämpfen hat.

Verwendung von Chemikalien wird verboten oder eingeschränkt

Die Galvano- und Oberflächentechnik sei an sich eine gesunde Branche, sagt der Zentralverband Oberflächentechnik (ZVO) – allein Chrom-Müller veredelt pro Jahr bis zu 78 Millionen Bauteile. Doch die Betriebe kämpften fortwährend mit der Anpassung an strengere Umweltauflagen. So genannte Lists sowie Gesetze und Verordnungen, die chemische Substanzen und den Umgang mit ihnen regeln, nehmen zu. Meist werde die Verwendung eingeschränkt oder die Anwendung verboten.

Mit der Chemikalienverordnung Reach zum Beispiel erlaubt die EU-Kommission die Verwendung einiger Substanzen nur für eine bestimmte Dauer. Was danach passiert, ist ungewiss. Derzeit seien allein unter Reach etwa 20 Substanzen gelistet, die die Galvanotechnik direkt beträfen, und die Auflistung nehme ständig zu. Die permanente Überwachung dieser Stofflisten sei im Tagesgeschäft nicht zu bewältigen, so Stark.

Zudem ist all das so komplex und kompliziert verfasst, dass sich auch große Betriebe wie Chrom-Müller äußerst schwertun, diese Vorschriften fortlaufend umzusetzen und auf einem aktuellen Stand zu halten. Erschwerend kommt hinzu, dass die schon in Deutsch unverständlichen Texte in der im EU-Einzugsbereich geltenden Amtssprache Englisch verfasst sind. Gerade für kleine Betriebe sei eine Übersetzung kaum zu leisten.

"Die Branche wird mittelfristig an den Rand gedrängt." Firmenchef Rainer Stark

Die Unklarheit zum Beispiel, ob Substanzen weiterhin verwendet werden dürfen und damit die Frage, ob Aufträge angenommen werden können, wirkten sich nicht nur auf das Geschäftsergebnis aus, sondern verunsicherten auch die Kunden in erheblichem Maße. Zusätzlich schlägt sich der Aufwand in der Preisgestaltung nieder. Und am Ende springen die Kunden ab, weil die Nutzung der Gefahrenstoffe nicht geklärt ist oder Produkte auf einmal zu teuer werden. Bei den Abnehmerbranchen sei schon jetzt ein Trend zur Verlagerung nach außerhalb von Europa zu erkennen.

Rainer Stark, Galvano- und Oberflächentechnik

Finanziell schlagen die Umsetzungen mithilfe von Gutachtern und Sachverständigen mit entsprechenden Tagessätzen zu Buche. Jedes Antragsverfahren kostet weitere Gebühren. Kommen Auditierungen und Zertifizierungen für ISO-Normen in Sachen Umwelt und Qualität hinzu, werden gerade kleine Betriebe finanziell endgültig überfordert.
All das mag für sich genommen seinen Sinn ergeben. Und Rainer Stark will keineswegs missverstanden werden. Er sei ganz und gar nicht gegen Umweltschutz und die Erhaltung von Standards, sagt der Galvaniseur. Doch diese unzähligen Vorschriften und ihre Umsetzung haben für die Branche gravierende Folgen.

Hier fordert Stark mehr Augenmaß innerhalb der EU. Die Umwelt profitiere nicht, wenn Firmen zum Zuge kämen, die sich nicht an Verordnungen halten müssten. Letztlich sei es doch besser, die Veredelung finde bei den Unternehmen statt, die sowieso hohe Standards setzen, wie es in Deutschland der Fall ist. "Die Branche wird so mittelfristig und völlig unbegründet an den Rand gedrängt", befürchtet Stark.

Galvanotechnik ist Schlüsseltechnologie

Auch der ZVO stuft diese Entwicklung als gefährlich ein. Die Galvanotechnik sei schließlich eine Schlüsseltechnologie. In einem Pkw etwa sind etwa 3.000 beschichtete Teile verbaut. Auch das Fliegen sei ohne Galvanotechnik nicht möglich. In einem Airbus befänden sich zwei Millionen beschichtete Teile. Andere Verfahren könnten die guten Eigenschaften der Galvanik wie etwa Korrosionsschutz, Abschirmung oder perfekte Optik nicht ersetzen.

Stark will sich als Präsident des Bundesinnungsverbandes mithilfe der Organisation auch auf EU-Ebene für Veränderungen in der Verordnungspraxis einsetzen. Er bedauert, dass sich bei kleineren Betrieben eine Art fatalistische Haltung eingeschlichen habe. Viele Firmenchefs hätten die Brisanz der Situation noch nicht erkannt. Dabei könne man im Verband Ressourcen und Fachkompetenz gezielt nutzen. Als einzelnes Unternehmen sei man dazu nicht in der Lage. Stark schätzt die Zahl der Oberflächenbeschichter in Deutschland auf rund 2.000. Der Verband vertrete immerhin zirka 600 dieser Betriebe.

Glücklicherweise habe der Organisationsgrad in letzter Zeit zugenommen. Und mit seinem Engagement hat der Firmenchef nicht nur kleine Betriebe im Blick. Auch größere Unternehmen müssten sich vor Rückschlägen in Acht nehmen. Ob all diese Fragen früher nicht etwas einfacher zu entscheiden waren? Stark lacht bei der Frage und denkt einen Augenblick nach. Seit 1989 sei er nun in diesem Geschäft tätig. Aber so schlimm wie heute war es wohl noch nie.

Galvano- und Oberflächentechnik

Nach den Daten des Statistischen Bundesamts gibt für die Veredelung von zugekauften Erzeugnissen und fremden Erzeugnissen im Lohnauftrag (Lohnveredelung) derzeit in Deutschland rund 800 Betriebe. Mit insgesamt 50.000 Beschäftigten wurde 2015 ein Umsatz von ca. 7,5 Milliarden Euro erzielt. Die Industriekreditbank errechnet für die gesamte Oberflächentechnik einen Umsatz von rund 17,5 Milliarden Euro. Damit sei Deutschland das führende Land für Oberflächentechnik in der Europäischen Union. Wichtigste Kundengruppe ist die Automobilindustrie, die circa 40 Prozent der gesamten Leistungen in Anspruch nimmt. Weitere wichtige Abnehmer sind der Maschinenbau, die Bauindustrie, die Medizintechnik, die Luft- und Raumfahrttechnik, die Elektrotechnik, die Verpackungsindustrie sowie die Kommunikations- und Verkehrsindus­trie.Quelle: ZVO

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