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Aus- und Weiterbildung Im Gymnasium auf dem Weg zum Meister

2019 machen in Erfurt die ersten Schüler ihr Handwerkerabitur. Das Interesse an dem Angebot ist beachtlich.

Ein Aprilscherz war Ausgangspunkt für eine neue Schulrichtung in Erfurt. Als im April 2016 eine Meldung durch die Medien ging, künftig solle nicht nur Mathematik und Physik, sondern auch Handwerk am Gymnasium gelehrt werden, nahm der damalige Rektor der Walter-Gropius-Schule, Hartmut Friebel, den Gedanken auf: Warum eigentlich nicht, dachte er, kontaktierte die Handwerkskammer Erfurt – und bis zum Herbst hatten er, die Lehrerin für Betriebswirtschaft Annett Krüger sowie ein Team der Handwerkskammer Erfurt ein tragfähiges und mit dem Kultusministerium abgestimmtes Konzept für ein Handwerkergymnasium aus dem Boden gestampft.

Alle Optionen offenhalten

Schon im ersten Jahrgang meldeten sich mehr als 30 Schüler für eine der drei Fachrichtungen Gestaltungs- und Medientechnik, Bautechnik oder Metalltechnik. Unter ihnen Helene Ponick: "Für die Schule hatte ich mich schon vorher entschieden. Als ich dann von der Möglichkeit erfuhr, dass ich ohne Mehraufwand das Handwerkergymnasium besuchen kann, wollte ich mir diese Option offenhalten", begründet die heute 18-Jährige, warum sie sich für den Zweig entschied.

Zusätzliche Stunden in Betriebswirtschaft und Pädagogik, zwei Praktika in Handwerksbetrieben sowie Werkstatttage unterscheiden das drei Jahre dauernde Handwerkergymnasium vom klassischen beruflichen Gymnasium. "Wir haben die Inhalte des beruflichen Gymnasiums nur ergänzt und in die Wahlfachstunden integriert", erklärt Annett Krüger den schlanken Stundenplan. Zwar bleibe damit der Unterricht weiterhin theorielastig, gibt die Projektverantwortliche für das Handwerkergymnasium zu. Aber die Schüler hätten keine höhere zeitliche Belastung – und trotzdem hinterher die kompletten Inhalte der Meisterprüfung Teil III und IV in der Tasche. Das sei ein deutlicher Zeit- und Kostenvorteil. Die Betriebe, bei denen die Schüler bisher Praktika gemacht haben, geben durchwegs positive Rückmeldungen, beobachtet Thomas Malcherek, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt. Einziger Kritikpunkt sei die kurze Dauer: "Einige Betriebe hätten die jungen Menschen gerne länger als eine Woche bei sich im Betrieb", so Malcherek.

Sicht aufs Handwerk geändert

Wer sich im Handwerkergymnasium einschreiben will, braucht einen guten Realschul- oder vergleichbaren Abschluss der zehnten Klasse. Handwerkliche Vorkenntnisse sind nicht nötig und die wenigsten Schüler kommen bisher aus Handwerkerfamilien. Aber die Wahrnehmung der Schüler für das Handwerk ändere sich, beobachtet Annett Krüger: "Früher hätten unsere Abiturienten das Handwerk nicht für sich in Betracht gezogen. Jetzt tun sie es." Auch Helene Ponick denkt über eine Ausbildung nach: "Ich kann mir schon vorstellen, den Gesellen und den Meister gleich anzuhängen. Es ist einfach toll, dass ich die Voraussetzungen dafür schon habe und mir die Kosten für den Meisterkurs sparen kann", sagt die Schülerin.

Das Interesse an dem Schulmodell ist geweckt, nicht nur an der Walter-Gropius-Schule. Für den Fachbereich Elektrotechnik bietet neuerdings auch die Andreas-Gordon-Schule in Erfurt ein Handwerkergymnasium; in Brandenburg läuft das Projekt unter dem Namen "Berufliches Gymnasium plus Handwerk". Die Schulen profitieren von dem Modell: "Tatsächlich hat sich die Bewerberzahl erhöht", freut sich Karsten Pohlemann, Rektor der Andreas-Gordon-Schule. In den Jahren zuvor hätten sich immer weniger Schüler für die technischen Zweige der beruflichen Gymnasien interessiert.

Schüler bringen sich ein

Auch die Handwerkskammer ist zufrieden: Ziel sei es, junge Menschen für eine Laufbahn im Handwerk zu motivieren und dem sich verschärfenden Fachkräftemangel entgegenzutreten. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Handwerkskammer sei hervorragend und auch die Schüler nähmen nicht nur das Beratungsangebot der Kammer an, sondern brächten sich auch selbst ein, zum Beispiel in der Nachwuchswerbung auf Ausbildungsmessen oder beim Boys’- & Girls’-Day. Selbst den bisher einzigen Schulabbruch eines Schülers aus dem Pilotjahrgang kann die Handwerkskammer als Erfolg verbuchen: Er hat sich nach seinem Praktikum in einem Autohaus entschieden, gleich eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker zu beginnen

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