Konjunktur -

Pro und Contra Höhere Löhne: Arbeitgeber dämpfen Erwartungen

Internationale Krisenherde und die Unsicherheit wegen der Ukraine-Krise trüben die Aussichten für die deutsche Wirtschaft. Die Arbeitgeberverbände warnen deshalb vor überzogenen Lohnforderungen. Was dafür und was dagegen spricht.

Die deutsche Wirtschaft hat etwas an Schwung verloren. Die Konjunkturerwartungen führender Finanzexperten verschlechterten sich im August deutlich. Vor allem wegen der internationalen Krisenherde und der Wirtschaftssanktionen gegen Russland brach der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Konjunkturindikator im August so stark ein wie seit über zwei Jahren nicht mehr.

Auch die Wirtschaftsleistung Deutschlands dürfte sich nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums im zweiten Quartal abgeschwächt haben. Die mit Spannung erwarteten Daten zur Wirtschaftsentwicklung stellt das Statistische Bundesamt am Donnerstag vor.

Die Arbeitgeber nehmen diese Einschätzungen nun zum Anlass, vor überzogenen Lohnforderungen zu warnen und so dürfte die Eintrübung auch an den anstehenden Lohnrunden nicht spurlos vorbeigehen.

Gerechtfertigte oder überzogene Forderungen?

"Die Wolken am Horizont könnten zu größeren Unsicherheiten in den Unternehmen führen", sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer am Dienstag in Berlin. Der Chef der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) kritisierte in diesem Zusammenhang die von Bundesbank und Europäischer Zentralbank (EZB) angestoßene Debatte zur Tarifpolitik.

Vertreter der EZB hatten erklärt, dass angesichts einer niedrigen Inflation und guten Arbeitsmarktlage stärkere Einkommenszuwächse angemessen seien. Auch aus der Bundesbank kamen ähnliche Stimmen. Bundesbank-Chefvolkswirt Jens Ulbrich sagte, dass die Tarifparteien über Jahre "sehr verantwortungsbewusst Lohnzurückhaltung" geübt hätten – nun gebe es neuen Spielraum.

Zudem hatten mehrere Wirtschaftsforscher sowie der Arbeitnehmerflügel der CDU auf höhere Tarifabschlüsse gedrängt. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, sprach sich für spürbare Anhebungen aus. Der Direktor des Instituts IMK, Gustav Horn, wies darauf hin: "Das kommt der Konjunktur mit einer kräftigen Binnennachfrage zugute."

Die Arbeitgeberverbände dagegen warnten vor überzogenen Forderungen. Die anstehenden Lohnverhandlungen dürften ihrer Ansicht nach wegen des schwächelndes Wirtschaftswachstums teils sehr schwierig werden und sollten mit großer Vorsicht angegangen werden, forderte Kramer weiter. Er plädierte für weiterhin flexible und differenzierte Tariflösungen je nach Region, Branche und Leistungskraft der Unternehmen. dpa/dhz

Jetzt die Löhne erhöhen? – Pro & Contra

Wirtschaftsexperten fordern ein Gehaltsplus. Die Arbeitgeber sind dagegen. Was dafür und was dagegen spricht erklären Reinhard Bispinck vom  Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans-Böckler-Stiftung und Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Pro-Standpunkt von Reinhard Bispinck: 

Reinhard Bispinck
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"Der Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank plädiert für höhere Löhne. Recht hat er, denn die Lohnentwicklung ist in den vergangenen 15 Jahren zu schwach ausgefallen. Die Bruttoverdienste der Arbeitnehmer befinden sich heute real, das heißt nach Abzug der Preissteigerung, auf dem Niveau des Jahres 2000. Die Geringverdiener mussten sogar Realeinkommensverluste hinnehmen. Die Bruttolöhne und -gehälter konnten also von der gestiegenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit überhaupt nicht profitieren.

Das war nicht nur für Arbeitnehmer ein Problem, das hat auch die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande geschwächt, gerade auch im Handwerk. Denn stagnierende oder gar sinkende private Nachfrage bedeutet immer auch weniger Aufträge in diesem Sektor.

Die Tariflöhne haben sich deutlich besser entwickelt, seit dem Jahr 2000 sind sie real um 10 Prozent gestiegen. Aber Tarifverträge gelten nur noch für knapp 60 Prozent der Beschäftigten. In diesem Jahr steigen die Tariflöhne im Schnitt um gut drei Prozent, real nehmen sie um zwei Prozent zu. Diese erfreuliche Entwicklung ist ein dringend notwendiger Beitrag zu Stabilisierung der Konjunktur hierzulande und auch in den europäischen Nachbarländern. Eine kräftige Steigerung der Reallöhne in den kommenden Jahren beugt der Deflation vor und mindert daher die entsprechenden Sorgen der Bundesbank."

Contra-Standpunkt von Michael Hüther: 

"Aktuell mehren sich die Stimmen, es sei an der Zeit Löhne und Gehälter deutlich zu erhöhen. Dabei erregte die Bundesbank Aufsehen, doch die Äußerungen ihres Chefvolkswirts wurden fehlgedeutet. Er empfahl den Tarifparteien als Orientierungsmarke lediglich das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent plus den mittelfristigen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs – also einen Lohnerhöhungsspielraum von rund drei Prozent. Das ist die übliche Formel, um eine prozyklische Lohnpolitik zu verhindern.

Michael Hüther
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Die gilt auch bei den derzeit niedrigeren Inflationsraten. In Deutschland besteht dennoch keine Deflationsgefahr, die Inflationsrate lag seit 2013 bei durchschnittlich 1,3 Prozent und im aktuellen Jahr bisher bei 0,9 Prozent. Die langfristigen Inflationserwartungen liegen aber weiterhin stabil bei der Zielinflation der Europäischen Zentralbank. Adhoc-Empfehlungen sind deshalb nicht gerechtfertigt.

Zudem können zu hohe Lohnforderungen auch die Unterbeschäftigung in unserem Land zementieren. Aktuell gibt es immer noch 2,8 Millionen Arbeitslose, darunter 800.000 Empfänger von Arbeitslosengeld I, denen starke Lohnerhöhungen den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt massiv erschweren würden. Deshalb gibt es weiter gute Gründe für eine beschäftigungsorientierte Lohnpolitik, nämlich zusätzliche Arbeitsplätze."

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