Mittelfranken -

Erfolg im Sport Hoch hinaus und steil hinab

Simon Maurer ist tagsüber Schornsteinfeger und abends und am Wochenende Downhill-Jugendmeister.

Cornelia und Christian Maurer hören es noch heute: „TokTok, TokTok, TokTok“. Das Geräusch, wenn der dreijährige Simon mit seinem Kinderfahrrad über die selbstgebaute Holzrampe rumpelte. Den ganzen Tag. „TokTok, TokTok.“ Drei Fahrräder hat er geschrottet – Rahmen gebrochen – bis die Eltern endlich ein BMX fanden, dass seine Stunts aushielt. Aber dann stieg er auf Motocross um.

Kurz probierte er es auch beim Trial. „Aber da geht es mehr um Geschicklichkeit, weniger um Geschwindigkeit. Das war langweilig“, meint der heute 18-Jährige. Mit fünfzehn hat er dann seinen Traumsport gefunden: Simon fährt jetzt Downhill. Dabei kommt es darauf an, eine bergab führende Strecke mit dem Fahrrad in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Natürlich querfeldein – nicht auf asphaltierten Straßen. Und darin ist Simon wirklich gut. So gut, dass er seit 2018 Deutscher Jugendmeister ist – und bei der Weltmeisterschaft den 13. Platz – als bester Deutscher – erreichte.

International bergab

In Kroatien, Australien, Schottland fährt er jetzt für den Worldcup Fahrrad. Fast immer dabei? Der Papa. Schornsteinfegermeister Christian Maurer ist Simons Betreuer. Mama Cornelia managt das Schriftliche und versorgt zu Hause das Büro, wenn die beiden unterwegs sind. Denn im Sommer finden fast jedes Wochenende Rennen statt. Mittwochs ist Anreise, am Donnerstag absolviert Simon den „Track-Walk“. Er läuft die Rennstrecke ab und prägt sich alles ein. Am Freitag startet das Training. Bis zu acht Abfahrten, darunter zwei Zeitläufe, fährt er. Mehr ist nicht drin.

Denn der Sport ist nicht nur körperlich, sondern auch mental extrem anstrengend. Dafür kann der Schornsteinfeger-Azubi sich schon mal als Zweiradmechaniker betätigen und erste Einstellungen am aus vielen spezialisierten Einzelteilen zusammengebauten Fahrrad vornehmen. Am Samstag wird wieder trainiert. Simon nimmt dabei die Strecke über die Helmkamera auf und geht im Anschluss jede Wurzel, jeden Stein, jeden Absprung noch einmal durch. Schließt auf seinem auf einer Rolle stehenden Trainingsrad die Augen und passiert den vierten Baum links, den dritten Stein rechts und tritt vor der Riesenrampe noch einmal kräftig in die Pedale. Versucht, seine Linie, seinen Flow, zu finden. Dann legt er sich zum Schlafen hin. „Ich brauche diese Stunde vor dem Run. Wenn es losgeht, bin ich geistig und körperlich wieder frisch.“

Keine zweite Chance

Wie er das schafft angesichts des Drucks? Mentales Training, Atemtechniken und überhaupt: „Ich bin generell ein unaufgeregter Mensch. Wenn andere wie aufgescheuchte Hühner herumlaufen, bleibe ich ruhig.“ Das ist seine große Stärke. Denn: „Fahrradfahren können bei einem Worldcup-Rennen alle. Das i-Tüpfelchen zum Erfolg ist oft die mentale Verfassung“, weiß Simon.

Samstagnachmittags ist diese mentale Disziplin dann besonders wichtig, denn nun folgt die Qualifikation. „Man hat rund drei Minuten Zeit, um sein Bestes zu geben. Versagt man, ist zu langsam oder begeht einen Fahrfehler, heißt es ‚Ab nach Hause‘“, erzählt Simon. Am Sonntag trainiert der 18-Jährige noch kurz, da sich die Strecke durch die häufige Nutzung ständig wandelt. Dann geht‘s ans Eingemachte.

Fast jedes Sommerwochenende sind Vater und Sohn unterwegs. Geht es an exotischere Orte, macht die Familie mit dem 15-jährigen Bruder im Gepäck auch einen Urlaub draus. Wie in Australien. Aber natürlich geht das nicht immer. Oft zelten die beiden Maurers direkt im Zielbereich, um sich die nervigen Fahrten zwischen Hotel und Rennstrecke zu sparen. Protektoren, Helm, Knieschoner, Rolle, zwei Fahrräder – und natürlich jede Menge Ersatzteile haben sie im Gepäck. Bislang hatte Simon einen Sponsor.

Nach seinem Wechsel in den Erwachsenenbereich ist er nun wieder auf Suche. Denn die ganze Ausrüstung könnte er von seinem Lehrlingsgehalt nicht finanzieren. Christian Maurer nimmt außerdem immer noch Arbeit mit. „Wir haben Glück, dass die Downhill-Saison im Sommer ist, wenn wir weniger zu tun haben. Im Winter müssen wir es dann wieder reinarbeiten“, erklärt er. Auch für den Sohn, der bei ihm eine Lehre zum Schornsteinfeger macht, sind dann die Zeiten der Freistellungen vorbei und er muss wieder mehr ran. Schließlich steht bald die Zwischenprüfung an. In der Berufsschule haben sie aber Verständnis für den Ausnahmesportler – und haben sogar den Fitnessraum im Internat aufgestockt.

Keine Höhenangst

Von seinem Elan lassen sich übrigens mittlerweile auch die Mitschüler anstecken und trainieren gemeinsam mit dem deutschen Meister. Überhaupt bringt ihm sein Sport viel im Berufsleben: Konzentrationsfähigkeit, Disziplin, Nervenstärke, Strukturiertheit und Pünktlichkeit sind Eigenschaften, die einem auch im beruflichen Alltag weiterbringen. Und was nützt sein Beruf seinem Sport? „Nun“, lacht der Schornsteinfeger, „ich hatte niemals Höhenangst.“

Seit kurzem hat Simon einen Trainer, bisher hat er sich alles selbst beigebracht. Ab einem gewissen Niveau geht das nicht mehr. Bevor Marcus Klausmann, selbst Welt- und 15-facher deutscher Meister, aber zustimmte, Simon zu coachen, hat er gefragt: „Steht die Familie dahinter?“ Das tut sie. Trotzdem haben Cornelia und Christian Maurer klargemacht: „Simon muss auch eine Ausbildung machen oder auf die FOS gehen.“

Und was lag dann näher, als Schornsteinfeger zu werden? Wie der Großvater. Wie der Vater. „Ich bin schon als kleines Kind mit auf Tour gegangen und wollte auch nie etwas anderes machen“, stimmt Simon zu. „Schornsteinfeger – und Downhill-Weltmeister.“ Das wären so seine Ziele. Und dafür arbeitet er hart. Für das letzte Quäntchen Leistung. Wenn er wieder oben steht. Voll fokussiert und sich nach unten stürzt.

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