Deutschland -

30 Jahre deutsche Einheit Hilfe unter Handwerkskammern

Der Aufbau der Bildungszentren des Handwerks in den neuen Bundesländern gilt als Musterbeispiel für die deutsch-deutsche Solidarität nach der Wiedervereinigung. Ein Blick nach Südthüringen.

Mit knapp 85 Jahren hat sich Alois Streitenberger einen Herzenswunsch erfüllt. Im Sommer besuchte er das Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) Rohr-Kloster der Handwerkskammer Südthüringen, mit dem sich der Unterfranke immer noch verbunden fühlt. "Ich bin überglücklich, alles in einem so guten Zustand vorgefunden zu haben“, freut sich Streitenberger über die Begegnung mit jenem Ort, der eng mit seiner beruflichen Laufbahn verbunden ist.

Unerwarteter Geldsegen

Über Patenschaften sollten nach der deutschen Wiedervereinigung Handwerkskammern aus dem Westen ihre Kollegen im Osten dabei unterstützen, die Berufsbildung neu zu organisieren. Und so steuerte Alois Streitenberger als Geschäftsführer für Finanzen in der Handwerkskammer für Unterfranken von Würzburg aus den Aufbau des BTZ Rohr-Kloster im Thüringer Wald bei Meiningen. "Kurz vor Jahresende 1990 hatten wir plötzlich eine Million Mark auf dem Konto, ohne je einen entsprechenden Antrag gestellt zu haben. So etwas habe ich vorher nicht und auch später nie wieder erlebt“, erinnert sich Streitenberger an den unerwarteten Geldsegen.

Alois Streitenberger
Roland Weidner

"Das Geld wurde vom Thüringer Wirtschaftsministerium vor Jahresabschluss für das BTZ in Rohr überwiesen, aber wir waren nach dem Stand der Bauarbeiten darauf noch gar nicht vorbereitet“, ergänzt Andrea Schmitt, damals Streitenbergers Mitarbeiterin und heute Beauftragte für das Qualitätsmanagement im Bildungsbereich der Handwerkskammer für Unterfranken. In keinem anderen Gebiet der ehemaligen DDR konnte so schnell mit dem Bau eines neuen BTZ begonnen werden wie im beschaulichen Rohr.

"Das lag daran, dass bei uns die Eigentumsverhältnisse geklärt waren“, erklärt Roland Weidner, ab 1996 Vizepräsident der Handwerkskammer Südthüringen. Als ehemaliger Direktor des VEB Landtechnischer Anlagenbau hatte er mit dafür gesorgt, dass die Betriebsschule für Landtechnik in Rohr bis zur Währungsunion überlebt und dann zum symbolischen Preis von einer D-Mark an die Handwerkskammer Südthüringen übertragen wurde. "Die Schule hatte hohe Qualität und viel Potenzial, um in Zukunft eine hochwertige Ausbildung im Handwerk zu sichern“, sagt Weidner. Das knapp 13 Hektar große Gelände eines ehemaligen Benediktinerklosters bot zudem reichlich Platz für Neubauten.

Technologiezentrum enorm wichtig

So sind über mehrere Bauabschnitte im Verlauf der Jahre sieben Werkstattgebäude mit 30 Werkstätten für knapp 500 Ausbildungsplätze, Unterrichtsräume für 300 Schüler sowie ein Internat und eine Mensa entstanden. Mit seiner Gassimulationsanlage, in der die Wirkung von Bränden und Explosionen demonstriert werden kann, seiner schweißtechnischen Kursstätte oder dem Kompetenzzentrum Metall- und Fertigungstechnik wirkt das BTZ Rohr-Kloster heute weit über die Region hinaus. "Der Aufbau des Technologiezentrums war enorm wichtig, um die Handwerker nach der Wende mit der neuen Technik vertraut zu machen. Ohne diese Schulungen hätten viele Betriebe womöglich nicht überlebt“, betont Roland Weidner.

Als Alois Streitenberger und Andrea Schmitt zum ersten Mal nach Rohr kamen, war davon nichts zu ahnen. Die Straßen marode, die Im­mobilie heruntergekommen. "Ich war zuvor nie in der DDR gewesen. Mir kam es vor, als wäre die Zeit stehen geblieben“, blickt Andrea Schmitt zurück. Aber die Leute waren freundlich und voll Tatendrang, allen voran der erste BTZ-Leiter Fritz Wenig. "Er war ein begeisterter Förderer der Jugend. Ich habe selten einen Menschen erlebt, der mit so viel innerer Überzeugung sein Ziel verfolgt hat. Je länger wir zusammengearbeitet haben, umso mehr haben wir an einem Strang gezogen und desto besser haben wir uns verstanden“, sagt Alois Streitenberger, der im Sommer auch am Grab seines inzwischen verstorbenen Freundes war.

Ausbildung in 30 Berufen möglich

Bis zu seiner Pensionierung hat Streitenberger den Bau des BTZ Rohr-Kloster begleitet. Knapp 100 Millionen Mark sind unter seiner Verantwortung nach Rohr geflossen. So wurden die Grundlagen dafür ge­schaffen, dass heute im BTZ Rohr-Kloster Lehrlinge in 30 und Meister in 20 Handwerksberufen ausgebildet werden können. Rund 30.000 Azubis sowie 6.300 Meisterinnen und Meister haben in Rohr an der Werkbank gestanden und die Schulbank gedrückt, darunter auch die Lehrlinge von Roland Weidner, der nach einem Management-by-Out seinen ehemaligen Betrieb als Wegra Anlagenbau privatwirtschaftlich weiterführen konnte. "Wir haben in fünf Berufen über Bedarf ausgebildet – Fachkräfte für die ganze Region. Über viele Jahre hinweg hatten wir 25 Azubis im Betrieb. Auch unsere Meister wurden im BTZ geschult“, sagt Weidner, der das Unternehmen 2008 an seine Nachfolger übergeben hat, aber sich bis heute als Vorstandsvorsitzender der Mittelstandsvereinigung Südthüringen engagiert.

Klosterkirche im BTZ Rohr-Kloster

Seit zwei Jahren präsentiert sich das BTZ Rohr-Kloster als Bildungscampus. Für Geschäftsführer Alexander Ladwig spiegelt das neue Erscheinungsbild besser das breite Angebot des BTZ wider mit seinen 15 Geschäftsfeldern – vom polytechnischen Nachwuchszentrum bis hin zum Veranstaltungsmanagement. "In Zukunft möchten wir das Thema Nachhaltigkeit stärker in den Fokus rücken und uns eher technologie- als gewerkeorientiert aufstellen“, blickt Ladwig voraus.

Das Fundament für diese Vorhaben wurde vor drei Jahrzehnten gelegt. Alois Streitenberger freut sich, dass die vielen Stunden Aufbauarbeit, die die Mitarbeiter der Handwerkskammern in Unterfranken und Südthüringen unter seiner Regie damals geleistet haben, noch immer Früchte tragen. "Wenn ich das BTZ-Rohr-Kloster heute sehe, erfüllt mich das mit Stolz.“

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten