Meisterstücke -

Meisterstücke Heuß zieht im Klaviaturenbau alle Register

Die Otto Heuss GmbH liefert Klaviaturen und Orgeltische in die ganze Welt. Die vierte Generation setzt auch auf Apps und ist damit technisch weiterhin ganz vorn dabei.

Martin Lack, Polyesterlack, Spieltisch
Kein Stäubchen auf der Ober­fläche: Schreinermeister Martin Lack poliert den Polyesterlack eines Spiel­tisches. -

Stefan Otto Heuß ist kein Mann der leisen Töne. Er liebt es, emotional zu sein, mit voller Kraft seine Unternehmen weiterzuentwickeln und nichts dem Zufall zu überlassen. Schon im Logo der Otto Heuss Orgelteile befinden sich die Worte "Tradition und Fortschritt". Die Orgel und das Klavier sind beides traditionsreiche Instrumente, über Jahrhunderte in der Gesellschaft verankert. Laut Heuß ist nichts so gut, dass es morgen nicht noch ein bisschen besser sein könnte. Das beflügelt und motiviert – sowohl die Mitarbeiter als auch die Familie.

Doppel-s ist im Ausland besser zu merken

Tradition und Innovation – das ist Verpflichtung und Auftrag zugleich. Anpassungsfähigkeit gehört zu einem erfolgreichen Unternehmen ebenfalls dazu. So wurde aus dem offiziellen Familiennamen Heuß auf der Firmenwebsite und auf Visitenkarten der Name "Heuss" – das ist im Ausland einfacher zu merken und zu schreiben als Heuß mit scharfem "ß". Privat spielt Stefan Heuß Klavier und Gitarre, beruflich baut er Orgelspieltische und Klaviaturen, und das in der dritten Generation.

Julian Philipp Otto, Tristan Felix Otto, Stefan Otto Heuß
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Heuß kennt die Königin der Ins­trumente aus dem Effeff. Er ist gelernter Orgelbaumeister. Ein Handwerker mit Leib und Seele. Einer, der sich in seine Arbeit hineinkniet. "Was ich mache, das mache ich mit Leidenschaft, sonst taugt es nichts", sagt der 51-Jährige. Heuß ist Geschäftsführer gleich zweier Firmen im beschaulichen hessischen Lich. Hier werden seit 1953 Orgelspieltische hergestellt. Orgeltische, die weltweit eine gewichtige Rolle in der Welt der Musik spielen.

Die erste Kellerwerkstatt war acht Quadratmeter groß

Acht Quadratmeter groß war die Kellerwerkstatt, in der Otto Heuß, der Großvater des jetzigen Geschäftsführers, die ersten Orgeltische in Handarbeit herstellte. Der Grundstein der "Otto Heuss Orgeltische GmbH" war gelegt. Später zog Otto Josef Heuß, der Vater des jetzigen Inhabers, alle Register in dem schon deutlich gewachsenen Unternehmen. Nun spielt in dritter Generation Stefan Otto Heuß die erste Geige. Längst nutzt der Betrieb mehr als 2.700 Quadratmeter Produktionsfläche in Lich.

Die 50 Mitarbeiter der Otto Heuss GmbH produzieren nicht nur Orgelspieltische, sondern auch mechanische, elektrische und elektronische Spielhilfen. Längst zählt dieses Unternehmen zu den wenigen Zulieferern in der Branche. Das Unternehmen spiegelt viele Berufe im Handwerk wider: Orgelbauer, Schreiner, Schlosser, Elektrotechniker und Programmierer sind im Einsatz. Alles wird von den Orgelbaumeistern geplant, überwacht und geleitet.

"Unsere Leute sind motiviert bis in die Haarspitzen." Stefan Otto Heuß

2004 gründete Stefan Heuß mit seinem langjährigen Betriebsleiter Gerhard Weil die "Oberhessische Klaviaturen GmbH", die OHK, um sich auf den chinesischen Markt einzustimmen. Spätestens bei Messebesuchen in Shanghai wurde Heuß bewusst, dass für chinesische Zungen "Oberhessische Klaviaturenbau" schlicht unaussprechlich ist. 2009 benannte er die OHK deshalb in "Otto Heuss Klaviaturen" um. Das bereits etablierte Kürzel OHK blieb, der Arbeitsauftrag auch: Gefertigt werden Orgel-, Flügel- und Pianoklaviaturen ebenso wie Klaviaturen für Cembalos und Spinette aus edlen Materialien wie Ebenholz, Grenadill oder Elfenbein.

Klaviatur, Tastatur
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Frisch Ausgebildete fangen bei Heuss fast bei null an

"Otto Heuss Klaviaturen" entwickelte als Belagsmaterial für Untertasten, das Larenim. Heute ist dieses auf den hochwertigen Konzertflügeln in aller Welt zu finden. Aktuell werden 2.400 Klaviaturen im Jahr produziert. Beide Firmenzweige liefern in den heimischen Markt, der Großteil geht ins übrige Europa, in die USA, nach Kanada und in den asiatischen Raum.
Für frisch ausgebildete Orgelbauer ist der Start im Unternehmen nicht einfach. "Sie fangen hier noch einmal fast bei null an, weil wir so spezialisiert sind", sagt der Chef. Sie brauchen Spezialkenntnisse, die es zu erlernen gilt. Sie müssen in der Lage sein, in Kooperation mit anderen Orgelbauunternehmen ein Gemeinschaftsprojekt zu stemmen, eine verlängerte Werkbank zu bilden. Sowohl bei kleinen Instrumenten wie in der Sankt-Paulus-Kirche in Lich als auch in den großen Konzertsälen der Welt.

Ist Not am Mann, steht der Chef an der Kreissäge

Der Lack glänzt tiefschwarz. Kein Stäubchen darf sich auf der Oberfläche niederlassen. Und erst recht kein Kratzer. Schreinermeister Martin Lack poliert den spiegelnden Spieltisch mit Hingabe. Fast sein ganzes Berufsleben lang ist er schon bei Heuß angestellt und darauf ist er sichtlich stolz. "Unsere Leute sind motiviert bis in die Haarspitzen", sagt Heuß. Jeder verantworte seinen Bereich in eigener Zuständigkeit. Ist Not am Mann, durch Krankheit oder Urlaub, dann steht Stefan Otto Heuß auch mal an der Kreissäge. Als Chef gibt er zwar den Ton an, springt aber auch dort ein, wo er gebraucht wird.

Tastaturen, Klaviatur, Arkaden
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Ehefrau Maybritt Heuß führt die Buchhaltung und ist in der Geschäftsführung vertreten. Der 25 Jahre alte Sohn Julian Philipp managt die Bereiche Elektrik und Elek­tronik, sein 21 Jahre alter Bruder Tristan Felix ist Orgelspieltischkonstrukteur und Maschinenprogrammierer. Beide können auf dem Klavier in die Tasten greifen und sind gelernte Orgelbauer. Tristan wird demnächst zum Vater und zum Bruder in die Geschäftsführung einsteigen. Stefan Heuß ist glücklich, dass die vierte Generation am Start ist. Die Jungs wurden seit frühen Kindertagen angehalten, das Klavierspiel zu erlernen. Erst mussten sie. "Später wollten sie. Die Musik liegt der Familie im Blut", meint der Vater.

Neue Spieltisch mit Touchscreensteuerung

Seine Jungs haben durch ihre Ausbildung zum Orgelbauer bereits weitere junge Orgelbauer in die Firma gelotst. Der "Senior" will den Jungen im Stammbetrieb mehr und mehr freie Hand lassen und so Innovationen ermöglichen. Julian Philipp lernte bei der Orgelbaufirma Klais in Bonn, Tristan bei der Licher Orgel­baufirma Förster und Nicolaus. Sohn Julian hat bereits neue Saiten aufgezogen, einen Spieltisch mit Touchscreensteuerung entwickelt und weiter experimentiert.

Heute reicht ein Smartphone, um die Spielhilfen der Orgel ein- und auszuschalten. Organisten können den Orgelklang ganz einfach und nach Belieben am Smartphone zusammenstellen und abspeichern. Per App kann alles übers Handy angesteuert werden. Das ist laut Julian Heuß eine Neuerung, die nicht nur junge Musiker schätzen, sondern auch Organisten, die der Tradition verpflichtet sind. Da wird dem Chef so schnell nicht bange vor der Zukunft.

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