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Lebenswege: Claus-Peter Reisch Seenotretter: Helfer zu Wasser und zu Land

Claus-Peter Reisch ist für die einen ein Held, die anderen hassen den Seenotretter. Als Kapitän der "Mission Lifeline“ wurde er bekannt, als Handwerker hat er angefangen. Derzeit fährt er Essen auf Rädern aus.

Das Radio läuft im Hintergrund. Musik, Nachrichten. "Was da gerade in der Türkei und in Griechenland mit den Flüchtlingen passiert, beunruhigt mich sehr“, sagt Claus-Peter Reisch. Er steht in seiner großzügigen Wohnküche, denkt nach, bevor er spricht. Die Corona-Krise hat zwar die Flüchtlingskrise aus den Nachrichten verdrängt. Doch die Lage sei kritisch, warnt er: "Die sitzen da auf so engem Raum. Wenn sich dort einer mit Corona infiziert, ist die Katastrophe perfekt.“

Der 59-Jährige beugt sich über seinen Esstisch und schiebt mit dem Unterarm Spraydosen, Werkzeug und eine Oldtimer-Zeitschrift zur Seite. Als gelernter Kfz-Mechaniker hat sich der Landsberger seine Vorliebe für schöne Autos erhalten. "Ich richte gerade einen alten Jaguar her, deswegen sieht es hier so aus“, erklärt er und zeigt um sich. Auf dem Wohnzimmerteppich liegt eine lederne Auto-Rücksitzbank, die Küchenablage wird von einem in seine Einzelteile zerlegten Scheibenwischermotor belegt.

Vom Kfz-Handwerk aufs Mittelmeer

Dann setzt sich Reisch und beginnt zu erzählen: Nach seiner ersten Lehre in einer Münchner Kfz-Werkstatt ging er zurück an die Fachoberschule und jobbte nebenher am Bau. Mit 21 Jahren entschied er sich für eine zweite, kaufmännische Ausbildung im Sanitär- und Heizungsgroßhandel.

Einige Jahre arbeitete er dort als Angestellter, dann machte er sich 1993 als Industrievertreter selbstständig. "Ich war bei der Industrie nicht immer gut gelitten, weil ich nie Dinge verkauft habe, hinter denen ich nicht stehe. Ich kannte meine Produkte. Und wenn es Reklamationen gab, habe ich dafür gesorgt, dass meine Handwerkskunden zu ihrem Recht kamen.“
Mit kaufmännischer Ehrlichkeit und Überzeugungskraft baute Reisch seine Vertretungen erfolgreich aus, hielt technische Schulungen ab und verdiente gutes Geld damit; seine Gewinne legte er in Immobilien an, aus deren Mieteinnahmen er heute lebt. Die gesundheitliche Quittung für seine 60-Stunden-Wochen ohne Urlaub bekam er allerdings auch: Eine Netzhautablösung an einem Auge kostete ihn beinahe das Augenlicht. "2008 habe ich alle Vertretung­en verkauft.“

Italien droht mit 300.000 Euro Strafzahlung

Reischs Handy klingelt. "Das ist mein italienischer Anwalt“, sagt er und versucht vergeblich, den Anruf anzunehmen. "Irgendetwas passiert da gerade“, sagt er mit leiser Stimme. In Italien droht ihm eine Strafe von 300.000 Euro – ein Ergebnis seiner letzten Seenotrettungsmission mit dem Schiff "Eleonore“.

Schon mit 14 Jahren entdeckte ­Reisch das Segeln für sich. Am Starnberger See sammelte er erste Erfahrungen und machte seinen Segelschein. Aufs offene Meer kam er erst, nachdem er mit 17 Jahren per Moped von München nach Barcelona fuhr. Dort freundete er sich mit einem deutschen Ehepaar an, das ihn ein Jahr später zu einem Hochsee-Segeltörn mitnahm. "Da bekam ich die Nautik von der Pike auf mit.“

Im Lauf der Jahre machte Reisch alle deutschen Sportbootlizenzen und kaufte sich schließlich ein eigenes Segelboot. Als er 2015 auf einem Segeltörn von Sardinien nach Griechenland abgewrackte libysche Fischerboote im Hafen liegen sah, stieß das etwas in ihm an: Was würde er tun, wenn er auf ein solches Boot voll mit Flüchtlingen stieße? "Diese Boote sind in Seenot, sobald sie auf dem Wasser schwimmen, so schlecht ist ihr Zustand“, erklärt er. Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Er nahm Kontakt zu einer Hilfsorganisation auf – der Anfang seines Ehrenamts als Kapitän in der Seenotrettung.

Mit "Mission Lifeline“ auf allen Nachrichtenkanälen

Spätestens mit der "Mission Lifeline“ 2018 erschien sein Gesicht dann in allen Nachrichten: Er und seine Crew hatten 234 Flüchtlinge aus seeuntüchtigen Booten gerettet und sich geweigert, sie der libyischen Küstenwache zu übergeben. "Die Libyer hatten kaum Schwimmwesten dabei, außerdem ist Libyen kein sicheres Land. Damit hätte ich gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen“, vertritt Reisch seine Position.

Sieben Tage lang musste er mit seinem überfülltem Schiff auf dem Meer ausharren, bis sich genügend Staaten bereit erklärt hatten, die Geretteten aufzunehmen. Erst dann erlaubte ihm Malta, anzulegen. Reisch wurde sofort verhaftet, mit dem Vorwurf, sein Schiff sei nicht ordnungsgemäß registriert gewesen. Zwölf Gerichtstermine und eineinhalb Jahre später sprach ihn das maltesische Gericht im Berufungsverfahren frei.

Die jetzige Auseinandersetzung mit Italien hat einen neuen Grund. Mit dem Schiff "Eleonore“ hatte ­Reisch 104 Menschen gerettet, "in buchstäblich letzter Sekunde. Sie waren am Sinken!“, erinnert er sich. Wie schon die "Lifeline“ durfte auch die "Eleonore“ keinen Hafen anlaufen. Sieben Tage und Nächte lang drängten sich die 104 Geretteten auf 46 Quadratmetern Deckfläche, ernährten sich von auf einem Zwei­plattenherd gekochtem Couscous und versuchten, sich zum Schlafen auszustrecken.
Als das Schiff in einen Gewittersturm geriet, der alle Geretteten durchnässt und unterkühlt zurückließ, erklärte Reisch den Notstand. Er kündigte dem Hafen von Pozzallo auf Sizilien seine Ankunft an. "Eine halbe Stunde später kam eine Mail mit dem Verbot der Einfuhr und mit der Strafandrohung. Aber das hat mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr interessiert.“

Beruflicher Werdegang als Vorbereitung für Seenotrettung

Reisch schweigt einen Augenblick und sagt dann: "Man darf sich nicht bange machen lassen.“ Es sei eine seiner Stärken, die Nerven zu behalten. Er denke seinen Plan durch und dann arbeite er ihn ab. Sein beruflicher Werdegang habe ihm dabei immer geholfen. Das handwerkliche Grundwissen bei technischen Problemen, die es auf diesen Schiffen zuhauf gebe; die Organisations- und Kommunikationsstärke aus seinen Unternehmerzeiten; selbst seine abenteuerlichen Reisen als junger Mann haben ihn geschult. "1988 bin ich mit dem Motorrad vier Monate lang von Tunis bis Ruanda gefahren. Schon damals sah ich Dinge, von denen ich heute weiß: Das sind Fluchtursachen“, berichtet er. Der afrikanische Markt werde mit Billigprodukten aus der westlichen Welt überschwemmt. Einheimische Erzeuger könnten damit nicht konkurrieren. Nicht nur Kriege und Klimawandel seien schuld an den hohen Flüchtlingszahlen. Wem die Existenzgrundlage entzogen werde, dem bleibe irgendwann nichts anderes als die Flucht.

Reisch betrachtet sich nicht als linksradikal, politische Agitation hält er für falsch. Mit seiner Wut auf manche Politiker hält er trotzdem nicht hinterm Berg: "So lange wir immer nur an den Symptomen statt an den Ursachen operieren, bleibt uns das Problem!“ Er steht vom Tisch auf, geht in den Keller und kommt mit einer Tafel Schokolade zurück. Fairafric steht darauf: "Dieses Projekt lässt die komplette Wertschöpfung der Schokolade in Afrika“, erklärt er. Anbau der Kakaobohnen, Produktion der Schokolade, selbst die Verpackung werde vor Ort in Ghana gefertigt. Reisch unterstützt dieses Unternehmen, genauso wie das Bellevue di Monaco, ein Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete und Einheimische im Zentrum Münchens. Er hat ein Buch über seine Erlebnisse auf dem Mittelmeer geschrieben, hält Vorträge, wirbt um Spenden und spendet selber.

Ehrenamtliches Engagement in der Corona-Krise

Für ihn ist zivilgesellschaftliches Engagement zur Lebensaufgabe geworden und er hofft, dass es ihm viele nachmachen. "Dafür brauche ich nicht zur Seenotrettung zu gehen. Das kann ich auch hier vor Ort“, sagt er und macht sich fertig. Denn in der Corona-Krise fährt er ehrenamtlich Essen auf Rädern aus.

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