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Trend zum Selbermachen Heimwerker brauchen Handwerker

Selbst gemacht heißt noch lange nicht gut gemacht: Warum sich Heimwerker chronisch überschätzen und Arbeitsteilung mit professionellen Handwerkern eine sinnvolle Angelegenheit ist.

Bin ich unfähig? Zwischen zwei selbst verlegten Bodendielen klafft eine fingerbreite Fuge, in der sich der Dreck sammelt. Die eigenhändig gesägte Schranktür hat sich verzogen und klemmt. Und was die innovative Kabelführung zu meiner neuen Außensteckdose angeht, bin ich mir auch nicht mehr sicher.

"Es gibt immer was zu tun", wirbt der Baumarkt. Stimmt ja auch. Als Nächstes muss ich reparieren, was ich zuvor selber mehr schlecht als recht zusammengezimmert, gesägt, gehobelt oder verlegt habe. Ich bin ja gerne Heimwerker. Aber ich habe mich überschätzt.

Vielleicht habe ich mich ja auch einfach nur überreden lassen. Seit Jahren wiederholen Baumärkte schließlich das Do-it-yourself-Mantra, wonach alles ganz einfach sei. Bauherren preisen ohne Unterlass die Vorteile der Muskelhypothek. Immerhin lassen die Deutschen alljährlich erstaunliche 18 Milliarden Euro an den Kassen der Baumärkte – für Dämmplatten, Fliesenschneider, Spachtelmasse, Kreissägen, Bauholz und dergleichen. Übrigens sind das fünf Milliarden Euro mehr, als sie für Körperpflege ausgeben. Jeder hat halt seine Vorlieben.

Selbermachen ist so lange lustig, bis man wieder mal zum Arzt muss, weil man sich gehauen, gesägt, geschnitten hat. Der Statistik zufolge ist Heimwerken etwa so gefährlich wie der Straßenverkehr, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin rechnet mit jährlich konstant 300.000 verletzten Selbermachern. Manche Dinge lernt man nur auf die schmerzhafte Tour. Tischler, Fliesenleger, Elektriker, Dachdecker & Co sind nicht grundlos Ausbildungsberufe.

Gewaltiger Maschinenpark

Ob Selbermachen Geld spart, ist auch nicht so einfach zu sagen. Ich habe jedenfalls nach und nach in einen gewaltigen Maschinenpark investiert, zu dem auch selten genutzte Schätzchen wie eine Schattenfugenfräse gehören. Und wahrscheinlich bin ich nicht der einzige komplett ausgestattete Heimwerker. Ob’s was bringt? Dass sich Do-it-yourself-Fans konsequent selbst betrügen, hat der bekannte amerikanische Psychologe und Verhaltensökonom Dan Ariely jedenfalls schon vor Jahren herausgefunden. Investieren wir nämlich Arbeit, Zeit, Schweiß (und manchmal auch Blut) in Selbstgemachtes, überschätzen wir zwangsläufig dessen Qualität.

Den Beweis lieferte ein Experiment mit Origami, der japanischen Kunst des Papierfaltens. Dazu bat Ariely zufällig ausgewählte Menschen, nach einer festen Anleitung einen Frosch aus Papier zu falten. Anschließend sollten sie sagen, wie viel Geld sie für einen ihrer Frösche ausgeben würden. Durchschnittliche Antwort: 23 Cent. Als Ariely daraufhin ahnungslosen Passanten die Frösche zeigte und sie ebenfalls fragte, wollten die allenfalls fünf Cent bezahlen. Die Bastler hatten also den Wert ihrer eigenen Arbeit viel zu hoch angesetzt.

Die Gegenprobe brachte den endgültigen Beweis. Wieder ließ Ariely Frösche falten, diesmal allerdings von Origami-Profis. Wieder fragte er unbeteiligte Passanten, was sie zu zahlen bereit wären – und diesmal waren es durchschnittlich 27 Cent. Mehr als das Fünffache der Summe, die für die Faltfrösche der Laien ausgegeben worden wäre. Offenbar konnte jedermann den Unterschied in der Qualität erkennen. Mit Ausnahme der Laienarbeiter selbst.

Berüchtigter "Ikea-Effekt"

Die Überschätzung des eigenen Tuns ist in der Verhaltensökonomie als "Ikea-Effekt" bekannt. Auf diesem basiert nicht nur der Erfolg des schwedischen Möbelhauses, das Kunden die Regale selbst montieren lässt und dadurch auch noch glücklich macht. Auch die komplette Baumarktbranche lebt von diesem psychologischen Trick. Wer berauscht ist von der eigenen Leistung, blickt eben großzügig über Mängel hinweg, für die er einem Profi sofort die Rechnung gekürzt hätte.

Ich bin ja auch stolz auf meinen selbst verlegten Dielenboden. Allerdings nervt mich die Staubfuge schon länger. Vielleicht sollte ich da noch mal rangehen. Es gibt halt immer was zu tun.

Der Text basiert auf dem Buch "Nimm 2, zahl 3 – die Kunst des klugen Kaufens" von Marcus Rohwetter und Thomas Ramge. In 49 Beispielen beschreiben die beiden Wirtschaftsjournalisten, warum wir bei alltäglichen Konsumentscheidungen immer wieder in psychologische Fallen tappen oder für dumm verkauft werden – und wie wir uns dagegen wehren können. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 13 Euro.

Marcus Rohwetter ist Wirtschaftsredakteur und Kolumnist bei der "Zeit". Er wurde für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik.

Thomas Ramge ist Technologie-Korrespondent für das Hamburger Wirtschaftsmagazin "Brand eins". Zuvor war er Redakteur beim SWR, politischer Korrespondent bei Deutsche Welle TV und Chefredakteur des Berater-Magazins "think:act".

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