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Tradierte Wertvorstellungen kann das Handwerk nutzen Heimat feiert Renaissance

Die Verbundenheit mit der Heimat gewinnt wieder an Ansehen. Für das Handwerk als "Wirtschaftsmacht von nebenan" klingt das nach einer guten Nachricht.

Direkt neben der A 96 steht ein Stück Heimat. Das neue Musterhaus der Firma Baufritz an der Autobahn auf halbem Weg von Lindau nach München soll jene Werte vermitteln, nach denen sich offenbar viele Menschen sehnen. Behaglichkeit, Rückzugsort vom hektischen Alltag, Entspannungsoase, Unabhängigkeit durch Selbstversorgung.

"Immer mehr unserer Kunden wünschen sich für ihr Heim Details, die sie von früher kennen. Mit unserem Musterhaus ,Heimat 4.0‘ wollen wir dieser Sehnsucht entsprechen und bewährte Wohntraditionen in die Zukunft transportieren", sagte Dagmar Fritz-Kramer, die Geschäftsführerin des Unternehmens in Erkheim, bei der Vorstellung des Musterhauses.

Heimatminister im Berliner Kabinett

Das Holzbauunternehmen aus dem Allgäu reagiert damit auf einen Trend in der Gesellschaft, der weit über eine Vergangenheitsduselei nach dem Motto "Früher war alles besser" hinausgeht. Sogar die Politik kann sich dem diffusen Gefühl vieler Deutschen von Entfremdung nicht ent­ziehen. So wurde im Berliner Kabinett sogar ein Heimatminister installiert. Horst Seehofer soll den Bürgern wieder das Gefühl vermitteln, dass ihr Leben einen Mittelpunkt hat in einer vernetzten Welt, in der sich alles immer schneller verändert. In der immer mehr Menschen fürchten, die Orientierung zu verlieren. In der die Sehnsucht nach Fixpunkten wächst – vertrauten Orten, bewährten Traditionen.

Ursprüngliche Wohnkonzepte neu interpretiert

Seinen Ruf als bodenständiger, verlässlicher Dienstleister "von nebenan", wie es in der Imagekampagne beworben wird, kann das Handwerk in dieser Gemengelage unterstreichen. Dass es dafür nicht ins Zeitalter der Zünfte zurückfallen muss, zeigt das Beispiel Baufritz. Im Haus "Heimat 4.0" funktioniert das WLAN, es lässt sich aber in der Reichweite auf die notwendige Leistung beschränken, während die Wände Funkwellen von außen abschirmen. Die Menschen möchten allzeit online sein, fürchten sich aber gleichzeitig vor Strahlung. Baufritz will in seinem Haus den Wunsch nach kabellosem Internet mit baubiologischen Aspekten für gesundes Wohnen vereinen.

Heimatbrot: Konzentrat oberfränkischer Genusskultur

Ähnlich wie die Holzbauer aus dem Allgäu interpretiert auch Bäcker- und Konditormeister Andreas Fickenscher aus Münchberg seinen Beruf. Verwurzelt in der Region, offen für Neues. Bei seiner Ausbildung zum Brotsommelier nutzte der Oberfranke Techniken wie Crowdsourcing oder Food-Pairing, um die Rezeptur für sein Heimatbrot zu entwickeln. 160 Personen haben bei einer Online-Umfrage Kräuter, Gewürze, Gemüse, Biere, Käsesorten und weitere Spezialitäten ausgewählt, die sie mit Fichtelgebirge und Frankenwald verbinden. Prof. Thomas Vilgis vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung und Sternekoch Alexander Herrmann haben die Zutaten so aufeinander abgestimmt, dass eine Brotzeit entsteht, die der Bäckermeister als "Konzentrat der oberfränkischen Genusskultur" bezeichnet.

Dass dabei gleich mehrere bedrohte Nutzpflanzen von der Liste der "Arche des Geschmacks" ausgewählt wurden, freut Fickenscher als stellvertretenden Vorsitzenden des Slow Food Conviviums Oberfranken besonders. So finden die Schwarzblaue Frankenwälder Kartoffel und Rauchbier ins Heimatbrot, andere wie der Bamberger Knoblauch oder Spitzwirsing verfeinern die Brotzeit als Aufstrich oder Beilage.

Heimatschreiner: Dekoriert mit German Design Award

Heimatschreiner Edwin Wohlschieß

Dem Gedanken der Nachhaltigkeit fühlt sich auch Edwin Wohlschieß verpflichtet, der als Heimatschreiner in Baienfurt nördlich von Ravensburg arbeitet. Den Namen Wohlschieß kennt man hier seit 1780. Diese lange Tradition der 1863 schließlich in die Handwerksrolle eingetragenen Schreinerei setzt Edwin Wohlschieß in sechster Generation fort. Für ihn gehört eine verantwortungsvolle Wertschöpfung zum unternehmerischen Selbstverständnis.

Das Holz für seine Möbel stammt von Landwirten und Waldbesitzern aus der Region, zertifiziert mit dem Siegel "Holz von hier". Der Zuschnitt erfolgt im Sägewerk vor Ort. Wohlschieß achtet auf kurze Transportwege, um die Umwelt zu schonen. "So können wir der Heimat, die uns seit Jahrhunderten ernährt, durch unsere Arbeit jeden Tag etwas zurückgeben", sagt der Heimatschreiner, der trotz seiner tradierten Wertvorstellungen Möbel von außergewöhnlicher gestalterischer Qualität fertigt. Im vergangenen Jahr wurde ein Esszimmertisch aus der Werkstatt von Edwin Wohlschieß mit dem hochkarätigen German Design Award ausgezeichnet. Für die Schiffsbodenoptik der Tischplatte verwendete der bodenständige Meister Ahorn, Birnbaum, Eiche, Esche, Nussbaum und Mooreiche.

Lange Zeit galt der Begriff Heimat als verstaubt, nun feiert die Heimat Renaissance. Spätestens seit vergangenem Oktober, als Katrin Göring-Eckart beim Bundesparteitag der Grünen das Wort in den Mund nahm, ist Heimat wieder hipp. Im Handwerk war sie das schon immer.

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