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"Appelle können Sie vergessen!" "hart aber fair" über Schwarzarbeit und die neue Arbeitswelt

Siemens streicht trotz Milliardengewinnen Tausende gutbezahlte Stellen, während Paketboten 13-Stunden-Dienste unterhalb des Mindestlohns verrichten und Haushaltshilfen sich schwarz abrackern, um Gutverdiener zu entlasten. Frank Plasberg versuchte all diese Aspekte der modernen Arbeitswelt in einer Sendung unter einen Hut zu bringen. Das war kurzweilig - und hielt die eine oder andere Einsicht bereit.

Es dauerte fast bis zum Ende dieser Ausgabe von "hart aber fair", ehe Michael Hüther die wichtigste Erkenntnis des Abends in vier Worte packte: "Appelle können Sie vergessen!", rief der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, als es darum ging, wie die sogenannten haushaltsnahen Dienstleistungen aus der Schwarzarbeit herausgeholt werden könnten. Immerhin sind in Deutschland rund 350.000 Haushaltshilfen offiziell gemeldet, geschätzt drei Millionen hingegen nicht. Gegen die grassierende Schwarzarbeit helfe eben nur eine robuste wirtschaftliche Entwicklung, so Hüther, und flankierende steuerliche Maßnahmen. Alles jedoch, was es derzeit gebe, seien Haushaltsschecks und das steuerliche Absetzen von Handwerkerleistungen. Dies war schon ein Denkanstoß, wie man ihn in Talkshows nicht immer erhält, und auch zuvor hatte die Diskussion die eine oder andere interessante Wendung bereitgehalten.

Da war es in der Debatte um die Massenentlassungen bei Siemens nicht nur bei einseitigem Konzern-Bashing geblieben, obwohl sich die Baden-Württembergische SPD-Vorsitzende Leni Breymaier alle Mühe gab, das Gespräch genau dorthin zu lenken. Doch Hüther und der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy schafften es, der Debatte auch neue Aspekte abzugewinnen.

Bild einer düsteren neuen Arbeitswelt

So wurde der Zwiespalt zwischen der Verantwortung von Unternehmen, die künftige Entwicklung frühzeitig abzuschätzen und notfalls auch rechtzeitig zu handeln, und der standortpolitischen Verantwortung für Deutschland erneut von Hüther thematisiert. "Es gibt schon standortpolitische Möglichkeiten", sagte er in Bezug auf die Siemens-Werkschließung in Görlitz. Wie Hüther erinnerte auch Tichy an die Verantwortung der Unternehmen und forderte mehr Engagement des Siemens-Vorstands für die Mitarbeiter. "Da muss man sich auch mal den Hintern aufreißen", formulierte er es plakativ. Seiner grenzwertig formulierten These, große Konzerne seien eben "vaterlandslose Gesellen", verschaffte er mit dem Verweis auf kleinere Unternehmer, also den Mittelstand, Nachdruck. Diese seien dem Standort verbunden, an dem sie groß geworden sind und für den sie auch kämpfen. Einig war sich die Runde, ganz dem Motto des Abends verpflichtet, indes darin, dass auch hier Appelle an den Vorstand eher sinnlos und der Jobabbau beschlossen sei.

Tichys Lob des Mittelstands folgten Einblicke in einen düsteren Teil der neuen Arbeitswelt: Paketboten buckeln 13 Stunden am Tag für fünf Euro die Stunde, um Verbrauchern und Firmen all die Waren zuzustellen, die sie online bestellen. Florian Gerster, früher Chef der Bundesagentur für Arbeit, heute Vorsitzender des Bundesverbands Paket und Expresslogistik, geriet zeitweise in die Defensive, vor allem, als er mit Recherchen des Journalisten Dieter Könnes konfrontiert wurde, der die teils unwürdigen Arbeitsbedingungen in der Branche in einem Film thematisiert hat. 1000 Euro im Monat verdiene ein Paketbote als Subunternehmer bei Hermes zuweilen - das sei an der Armutsgrenze, so Könnes. Gerster sprach von Einzelfällen und versuchte, den Schwarzen Peter den Verbrauchern zuzuschieben, die mit ihrer Bequemlichkeit dafür sorgten, dass so viele Pakete geliefert würden. Zudem werde Konkurrent DHL bevorzugt. Doch wie vorgehen gegen die Machenschaften, fragte Plasberg. Bernhard Edmunds, Professor für Christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie, brachte eine Haftung der Unternehmen für ihre Subunternehmer ins Gespräch - ähnlich wie unlängst für die Fleischbranche beschlossen, wenn Mindestlöhne unterlaufen und Sozialversicherungsbeiträge nicht bezahlt würden. Das klang erneut nach einem bedenkenswerten Vorschlag, und auch hier: Keine Appelle, handeln.

Zurück zum alten Postmonopol? 

Schade, dass Edmunds gemeinsam mit Breymaier auch für den kuriosesten Augenblick der Sendung sorgte. Beide wünschten sich nämlich angesichts der Situation in der Zustellbranche allen Ernstes das alte Postmonopol zurück. "Es gibt Sachen, die müssen gemacht werden - Krankenhäuser, Energieversorger, Paketzustellung - sonst läuft der ganze Laden nicht. Und die Frage ist, warum da privates Geld verdient werden muss", rief Breymaier. Da konnte selbst der hochseriöse Ökonom Hüther nicht mehr an sich halten. "Bäcker brauchen wir auch zwingend", warf er grinsend ein, ohne allerdings ein staatliches Backmonopol und die Einheitsbrezel zu fordern. Das war aber auch der einzige alberne Punkt einer Sendung, die einiges an Erkenntnisgewinn bereithielt.

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