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TV-Kritik: "Maybrit Illner" zur Grundrente Handwerkschefin: "Grundrente nicht ohne Bedürftigkeitsprüfung"

Die große Koalition hat sich im Dickicht der Rentenpolitik verfangen, inzwischen wird schon über das Ende der Groko spekuliert. Nur folgerichtig, das Maybrit Illner sich unter diesen Umständen des aktuellen Zankapfels namens Grundrente annahm. Neben den Chefs der Jugendorganisationen von SPD und Union war auch das Handwerk in Person der Geschäftsführerin eines Maler- und Stuckateurbetriebs aus der Pfalz vertreten. Claudia Sturm, die zudem im Vorstand des Verbands "Die Familienunternehmer" sitzt, brachte einige provokante Aspekte in die Sendung ein.

So mancher Bürger dieses Landes zweifelt dieser Tage noch mehr an der großen Koalition als er dies in den vergangenen Monaten vielleicht ohnehin schon getan hat. Wird sich die Zweckgemeinschaft aus SPD und Union, die seit Langem unter Beschuss steht, sowohl durch interne als auch oppositionelle Kräfte, nun tatsächlich an der Grundrente verheben?

Diesem Vorhaben, das eigentlich seit Anfang 2018 im Koalitionsvertrag steht, aber durch die SPD-Forderung nach einem Entfallen der Bedürftigkeitsprüfung nun einen ganz neuen politischen Drive bekommen hat? Wer bei Maybrit Illner am Donnerstagabend zuschaute, konnte eher den Eindruck gewinnen, dass es am kommenden Sonntag, wenn der Koalitionsausschuss zu dem Thema tagt, doch zu einem Kompromiss kommen könnte.

Der Zoff-Faktor zur Grundrente: niedrig

Denn die beiden Chefs der Jugendorganisationen von SPD und Union, Kevin Kühnert (SPD) und Tilman Kuban (CDU), die ganz offensichtlich eingeladen waren, um den politischen Streit zwischen den Koalitionspartnern ins Studio zu tragen, verhielten sich recht zurückhaltend. An einer Stelle wurde es einmal lauter, als "Tilman" und "Kevin" dann auch ins von ihnen privat gepflegte Du übergingen, aber auch da ging es um die immer gleiche Leier, die den ganzen Abend durchzog: Während Kühnert für eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung warb, war eben jene Prüfung für Kuban essenziell, um das Prinzip des deutschen Sozialstaats - keine Leistung ohne Bedürftigkeit - zu erhalten und das Sozialsystem dauerhaft bezahlbar zu gestalten.

"Das Rentensystem nicht überladen", nannte es Kuban. "Lebensleistung bemisst sich nicht danach, was andere in der Familie besitzen", postulierte Kühnert. Diese beiden Positionen standen sich während der 60 Minuten Sendezeit fast schon penetrant häufig gegenüber.

Die Gäste-Auswahl zur Grundrenten-Diskussion: durchsichtig

Das lag auch daran, dass die beiden weiteren Gäste, die am Tisch im Studio Platz nahmen, ebenfalls anhand der beiden großen Positionen des Abends ausgewählt worden waren. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK und Andreas Peichl, Professor und Leiter des ifo-Zentrums für Makroökonomik sowie wissenschaftlicher Beirat im Bundesfinanzministerium, gingen miteinander aber noch sanfter um als Kuban und Kühnert. Während Bentele auf die Probleme ihrer Mitglieder verwies, die im Alter oft nicht genug zum Leben hätten, nannte Peichl eine Grundrente ohne Prüfung ein "Gießkannenprinzip".

Die Position des Handwerks zur Grundrente: provokant

Gut, dass wenigstens Claudia Sturm das Publikum aus der sich mitunter einstellenden Lethargie riss. Als das Thema Renteneintrittsalter aufgerufen wurde, kam die Geschäftsführerin des Maler- und Stuckateurbetriebs C&U Sturm GmbH im pfälzischen Harthausen, die zuvor im Publikum gesessen hatte, in einem Einzelinterview an die Reihe. Sie erzählte von Mitarbeitern, die auch jenseits der 65 Jahre noch arbeiten wollten und nicht zu Hause rumsitzen, und formulierte angesichts des Nachwuchs- und Fachkräftemangels im Handwerk einen der wenigen provokanten Sätze, die von dieser Talkshow hängen blieben: "Wir bauen auf die Rente mit 68 oder 70." Zum Thema Grundrente vertrat Sturm ähnlich wie Kuban und Peichl die Ansicht, dass diese nicht ohne Bedürftigkeitsprüfung gewährt werden solle.

"Wenn jemand aber nicht länger arbeiten kann, soll er natürlich Geld bekommen", plädierte sie für den Sozialstaat als Helfer für die Schwachen und betonte: "Dafür ist auch die Gesellschaft verantwortlich." Fernab der parteipolitischen Mätzchen war damit ein praxisnahes Ausrufezeichen gesetzt. Das wusste aber auch Christa Vieten unterzubringen, die schon vor Sturm ebenfalls einzeln interviewt worden war. Sie bekommt nach 45 Arbeitsjahren 678 Euro gesetzliche Rente, mit einer Betriebsrente knapp 1000 Euro, geht zur Tafel und hat nach eigener Aussage das große Glück, eine noch recht niedrige Miete zu zahlen.

Mit ihrer Kernaussage zur Grundrente verkörperte sie sozusagen den Kompromiss, der sich auch für die Groko am Wochenende als tragbar herausstellen könnte: "Einkommen überprüfen bei der Grundrente ja, aber nicht die Vermögen." Vom Tisch erhielten die beiden Damen dann auch kaum Widerspruch.

Das Fazit zur Grundrenten-Diskussion: In der Sache mittelhart, in der Sprache locker

Überhaupt ging es in den 60 Minuten ohnehin sehr zivilisiert zu, die Sendung erreichte zu keiner Zeit das krawallige Niveau so manch anderen Talkshow. Das war irgendwie wohltuend, aber die Kontrahenten argumentierten auch in der Sache nicht so hart, dass wirklich ein Erkenntnisgewinn drin gewesen wäre. Als Kuban an einer Stelle von der "Hubertus-Heil-Konfetti-Kanone" sprach, mit der die Segnungen der Grundrente an die Menschen verteilt werden sollten, wurde darüber mehr gelacht als sich empört. Und die Moderatorin bot ihrerseits sprachlich Fragwürdiges, als sie etwa davon sprach, beim Kindergeld sei eine Bedürftigkeitsprüfung "piepegal" gewesen, oder Schuld an der Rentenmisere seien letztlich "grottenniedrige Löhne".

Einzig indes die Auftritte von Claudia Sturm und Christa Vieten sorgten für frischen Wind, obwohl auch bei den beiden schnell klar war, dass sich ihre Ansichten zur Grundrente abseits der Fragen der Bedürftigkeitsprüfung nicht grundsätzlich unterschieden, und beide letztlich sinnigerweise für eine Rente plädierten, die zum Leben reicht.

Genau jener Augenblick, als dies klar wurde, hielt dann vielleicht auch den größten Erkenntnisgewinn des Abends parat. Denn als plötzlich sogar die Chefin eines mittelständischen Betriebs und die Rentnerin an der Armutsgrenze kompromissfähig erschienen, da konnte sich der Groko-geplagte Zuschauer auf der Couch zu Hause durchaus mit einiger Berechtigung fragen, warum das dann bei der Groko in Berlin am Sonntag nicht auch der Fall sein sollte – um schließlich, zumindest für den Moment, beruhigt ins Bett zu steigen.

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