Meisterstücke -

Bauteile für den Motorsport Formel 1: Handwerksbetrieb mischt mit

Die Firma Formtech aus Niederbayern baut Sonderanfertigungen für die Formel 1. Seit diesem Jahr ist die Manufaktur selbst mit einem Rennteam in der Einstiegsserie in die Königsklasse unterwegs. Zwischenzeitlich war sogar ein eigenes Formel-1-Team im Gespräch.

Formtech F1
Franz Hilmer hat sich einen Traum erfüllt: ein eigenes Rennteam im Motorsport für Formtech. -

Monaco, Abu Dhabi, Singa­­pur – Jahr für Jahr reist der große Formel-1-Tross um die Welt und bietet den Zuschauern neben Motorsport eine große Show mit Champagner, schönen Frauen und wahnsinnig teurer Technik. Abseits der großen Bühne geht es weniger glamourös zu. Ob Fahrer, Ingenieure oder Mechaniker – im Hintergrund wird das ganze Jahr über trainiert, konzipiert und gebaut, um mit einem siegfähigen Auto zu starten.

Franz Hilmer
© Formtech

Seit über zehn Jahren ist auch die Firma Formtech aus dem beschaulichen Niederwinkling ein fester Bestandteil der Formel 1. Sie fertigt Sonderbauteile für die Rennboliden, ob aus Aluminium für die Radaufhängung oder aus Titan gefräste Elemente für das Fahrgestell. Stammkunde ist das Team Force India, aber auch andere Teams wie Toro Rosso und Sauber vertrauen auf die Technik aus Niederbayern. Dabei hatte Betriebsinhaber Franz Hilmer mit dem Motorsport ursprünglich gar nichts am Hut.

Schneller Aufstieg

Der gelernte Technische Zeichner absolvierte seine Lehre bei einem Kunststoffproduzenten in Niederwinkling. "Schon damals war ich immer auf der Überholspur und kümmerte mich auch noch an den Wochenenden in Sonderschichten um die Aufträge von meinem Chef", erinnert sich Hilmer. Schnell war ihm klar, dass er als eigener Chef mehr erreichen könnte und gründete 1993 die Firma Formtech mit zwei Geschäftspartnern. Ein kleiner Betrieb für Werkzeug- und Formenbau sollte es ursprünglich werden. Doch der schnelle Erfolg änderte Hilmers Pläne. Er expandierte und führte das Unternehmen allein weiter.

Inzwischen sind circa 50 Mitarbeiter für Formtech tätig. Die wesentlichen Säulen des Geschäfts sind die Fertigung von Werkzeugen für die Kunststoffbearbeitung und von Präzisionsbauteilen für Autohersteller wie BMW und Audi. Ein ebenso wichtiges Geschäftsfeld ist inzwischen aber auch die Materialbelieferung der Formel 1, die etwa ein Drittel des Umsatzes ausmacht, Tendenz steigend.

Dabei wurde die Serie für Hilmer erst Mitte der 90er-Jahre interessant, als der eingefleischte Motorrad-Fan 1995 das erste Mal live ein Formel-1-Rennen am Hungaroring in Ungarn besuchte. Von da an war er von der Formel 1 infiziert.

Formel 3 als Türöffner

Seine wachsende Begeisterung für die Königsklasse ging in den nächsten Jahren so weit, dass er gemeinsam mit einem Partner eine Agentur für Nachwuchsrennfahrer gründete, die es bis in die Formel 3 schafften. Dort lernte Hilmer auch einen Teambesitzer kennen, der später zum Chef des Formel-1-Rennstalls von Eddie Jordan wurde. Die Beziehung öffnete Hilmer und seiner Firma die Tür in die Königsklasse. Als Hilmer bei einem persönlichen Treffen Skizzen in die Hand gedrückt wurden mit der Frage, ob Formtech solche Teile für die Formel 1 bauen könnte, zögerte Hilmer nicht lange.

Formtech wurde zum festen Lieferanten von Jordan, dass inzwischen nach mehreren Übernahmen Force India Team heißt. "Daraus ist inzwischen fast eine familiäre Beziehung entstanden", sagt Hilmer.

Formtech
© Formtech

Die Formel 1 ist für Formtech aber auch eine extreme Herausforderung, weil die Präzisionteile jedes Jahr verbessert werden müssen, um nicht den Anschluss an andere Teams zu verlieren. Bereits im Oktober beginnen die Vorbereitungen für die nächste Saison, die erst Mitte März beginnt. In den Produktionsspitzen im Winter sind Sieben-Tage-Wochen keine Seltenheit für die Mitarbeiter von Formtech. Selbst die Fertigung kleiner Bauteile kann über 100 Stunden Arbeitsaufwand bedeuten. Jedes noch so kleine Detail muss mit Hilfe von  3-D-Mustern 100 Prozent genau gefertigt werden. "Wir sind eine Manufaktur und stellen nur Einzelteile her, Massenproduktion gibt es bei uns nicht", betont Hilmer.  Schon beim kleinsten Fehler muss der ganze Herstellungsprozess von neuem begonnen werden. Die Auslieferung eines fehlerhaften Bauteils könnte in der auf Perfektion getrimmten Rennserie schnell das Aus für Formtech bedeuten.

Pläne für eigenes Rennteam

Hilmers gewachsene Leidenschaft für die Formel 1 brachte ihn schließlich sogar auf die Idee, ein eigenes Team zu gründen. Als sich 2008 die Gelegenheit bot, den insolventen Rennstall Super Aguri inklusive der Produktionsanlagen in England zu kaufen, schlug der Unternehmer zu. Hilmer sicherte sich zudem die Rechte an dem Traditionsnamen "Brabham" unter dem 2010 ein eigenes Formel-1-Team an den Start gehen sollte. Doch nachdem sich abzeichnete, dass der Automobilweltverband FIA keine Lizenz erteilen würde, zog Hilmer die Bewerbung zurück. Ein eigenes Team war zunächst vom Tisch.

Anfang dieses Jahres bot sich dann für Hilmer erneut die Chance, mit Formtech im Motorsport mitzufahren. Er kaufte das Team eines ehemaligen Formel-1-Piloten in der GP-2-Serie auf, der zweithöchsten Liga im Formel-Sport und für viele Fahrer das Eingangstor in die Formel 1.

"Hilmer Motorsport" ist das erste deutsche Team, das in der Rennklasse mitfährt. Drei Millionen Euro pro Saison müssen für die Teilnahme mit zwei Rennautos, Fahrern und Ingenieuren aufgebracht werden. Finanziert wird das Ganze vor allem über Sponsoren und Startgelder, die die Fahrer selbst mitbringen. Eine Investition, die bereits Früchte trägt. Schon im dritten Saisonrennen in Barcelona konnte der erste Sieg eingefahren werden, inzwischen sind zwei weitere dazugekommen.

Zu Hause verankern

Damit das auch ein profitables Geschäft wird, will Hilmer sein Team für die nächste Saison noch professioneller aufstellen und an seinem Firmensitz verankern. "Wir planen hier in Niederwinkling den Neubau einer Halle, wo wir die Fahrzeuge dann warten und verbessern können." Die "Blackbox" soll durch ihr Design und mit speziellen LED-Effekten auch ein Aha-Erlebnis für internationale Gäste werden und ein Prestigeobjekt der Region. Langfristig will Hilmer die Firma Formtech über den Motorsport international noch bekannter machen.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten