Stuttgart -

Podiumsdiskussion mit Kultusminister Andreas Stoch "Handwerksberufe müssen wieder sexy sein!"

"Was nun, Herr Minister?" Neue Veranstaltungsreihe startet mit Andreas Stoch. Der Kultusminister diskutiert live und vor Publikum mit vier Handwerkern über das Thema "Berufsausbildung oder Akademikerschwemme".

"Handwerksberufe müssen wieder sexy sein!"
Diskussionspartner (v.l.n.r.): Die Handwerksunternehmer Frank Westermann, Jörg Huttenlocher, Claudia Nothwang und Eckhard Knöll diskutierten mit Moderator Peter Heilbrunner und Kultusminister Andreas... -

"Was nun, Herr Minister?“ Unter diesem Motto hat die Handwerkskammer Region Stuttgart eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, um den direkten Dialog zwischen Politik und Handwerk herzustellen. Der erste Vertreter aus der Politik, der sich Mitte März beim Themenabend "Berufsausbildung oder Akademikerschwemme" der Diskussion mit vier Handwerksunternehmern stellte, war der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch (SPD).

Stärken der Schüler erkennen

"Wir wollen, dass unsere Betriebe zu Wort kommen, und nicht nur die Rede eines Politikers hören", begrüßte Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer, die 140 Zuschauer im Forum der Kammer, die in den folgenden neunzig Minuten Zeuge einer erfrischenden Podiumsdiskussion wurden. Moderator Peter Heilbrunner, Leiter der SWR-Redaktion Wirtschaft und Umwelt, erlebte vier engagierte Handwerksvertreter und einen gut gelaunten Kultusminister, der sich unter anderem für eine intensivere Berufsorientierung in Sekundarstufe 1 und eine überfachliche Kompetenzanalyse aussprach, um die Schülerinnen und Schüler stärker für das Handwerk zu sensibilisieren und deren individuelle Stärken früh zu erkennen.

"Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig die Jugendlichen über Handwerk wissen", klagte Claudia Nothwang, Geschäftsführerin von Elektro Nothwang in Owen/Teck. Viele Jugendliche würden trotz überfüllter Hörsäle ein Studium beginnen, weil sie über die guten Weiterqualifizierungsmöglichkeiten im Handwerk gar nicht informiert seien. Hier sei mehr Werbung für die duale Ausbildung gefragt, forderte Schreinermeister Frank Westermann aus Denkendorf, was vor allem in der Hand der Lehrkräfte läge. "Wenn sich ein Lehrer in Sachen Berufsorientierung engagiert, dann flutscht das auch", bestätigte Nothwang. Leider sei dem aber nicht immer so.

Schüler und Lehrer gefordert

Die Schuld allein bei den Lehrkräften zu suchen, sei aber zu einfach, ergänzte der selbstständige Tübinger Holzblasinstrumentenbauer Jörg Huttenlocher, der auch als Berufsschullehrer tätig ist und die Lehrpläne bestens kennt. Wegen der hohen organisatorischen Belastungen und des unnötigen Verwaltungsaufwands bliebe vielen Lehrern kaum eine freie Minute. "Hier muss endlich mal richtig ausgemistet werden." Das schaffe Platz für neue Akzente bei den Bildungsplänen und somit für mehr Berufsorientierung.

Ein weiteres Problem sei der mangelnde Handwerksbezug der Unterrichtsfächer, mahnte Bauingenieur Eckhard Knöll von der Bauunternehmung Rybinski in Esslingen. "Die Jugendlichen halten bei uns in der Ausbildung oft zum ersten Mal einen Hammer in der Hand." Handwerkliche Fähigkeiten würden in der Schule kaum noch abgefragt.
Die Anregung, in den Schulen externe Ausbildungsbeauftragte zu installieren, stieß auf positive Resonanz. "Das nehme ich gerne als Anregung mit, auch wenn es sich nicht an jeder Schule realisieren lassen wird", so Kultusminister Stoch. Die Berater müssten von den Lehrern auch uneingeschränkt akzeptiert werden.

Stoch erläuterte die Chancen der Gemeinschaftsschulen für das Handwerk und sah den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung als wenig problematisch: "Viele Eltern halten sich an die Empfehlung. Wir müssen uns eher fragen, wie wir Kinder individuell fördern können." Das bestmögliche pädagogische Konzept sei wichtiger als das Festhalten an Schularten.

Gefragt seien aber auch die Schüler selbst, ergänzte Huttenlocher. Man müsse diesen klarmachen, dass sie ihre Zukunft selbst in der Hand hätten und sich nicht nur auf Eltern und Schule verlassen könnten. "Erfolg ist mit Arbeit, Lernen und Anstrengung verbunden – dieses Verständnis ist bei Schülern oft nicht da."

Handwerk muss sexy sein

Wie man Handwerksberufe für Jugendliche wieder attraktiver machen könne, ist für den Minister klar: "Wir haben uns zu lange auf der Azubi-Schwemme ausgeruht und einfach die mit den besten Noten eingestellt. Nun ist das Problem da", bilanzierte Stoch. Und brachte das derzeitige Dilemma griffig auf den Punkt: "Handwerksberufe müssen wieder sexy sein. Wir müssen Neugier wecken und den Jugendlichen klarmachen, dass handwerkliche Arbeit etwas ist, vor dem man Respekt hat."

Stoch nannte den bei Schülern meist positiv besetzten Beruf des Kfz-Mechatronikers als Beispiel und nahm neben den Eltern, die ihren Kindern diese Werte vorleben müssten, auch die Medien in die Pflicht. Attraktiv seien schließlich auch die guten Weiterqualifizierungsmöglichkeiten und die Aussicht, mit einem Handwerksberuf gutes Geld verdienen und später eine Familie gründen zu können.

Für das neue Veranstaltungsformat der Handwerkskammer fand der Minister abschließend lobende Worte: "Eine so lebhafte Gesprächsrunde ist doch viel informativer als eine Rede von der Kanzel." Fortsetzung folgt.

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