Meisterstücke -

Schiedmayer Celesta baut einzigartige Mechanik Für himmlische Klänge

Kaum ein Orchester weltweit verzichtet auf den Klang der Celesta. Die ursprüngliche Mechanik fertigt nur noch Schiedmayer in Stuttgart.

Markus Schid
Jedes Teil des Spielwerkes fertigt Klavierbauer Markus Schid von Hand an. Der Bau einer Celesta dauert drei Monate bei Schiedmayer Celesta in Stuttgart. -

Auf den ersten Blick scheint es ein Klavier zu sein. Doch bedient ein Pianist die Tasten, erklingen Töne wie bei einem Glockenspiel, nur viel weicher. Die Celesta, auf Deutsch die "Himmlische", füllte mit ihrem süßlichen Laut bei ihrer Erfindung 1886 eine klangliche Lücke in der Musik.

Tschaikowsky war einer der Ersten, der ihr im Nussknacker eine tragende Rolle zuschrieb. Seitdem verzichtet kaum ein Orchester weltweit auf ihren Einsatz. Auch im Film und in der Popmusik kommt die Celesta zum Einsatz. So verwendete sie Charlie Chaplin in Goldrausch und die Beatles in Real Love.

Den himmlischen Klang erzeugt eine Mechanik, die Harmoniumbauer Victor Mustel erfand: Filzhämmer schlagen Metallplatten über den Resonatoren an. Die Mechanik funktioniert andersherum als die Flügelmechanik eines Klaviers. Dabei werden die Klangplatten von unten angeschlagen.

Aufwendige Mechanik erzeugt Klangunterschied

Die Bauweise nach Mustel ist heute fast ausgestorben: Yamaha, der größte Instrumentenhersteller, baut in seine Celesten eine herkömmliche Flügelmechanik ein. "Durch die Flügelmechanik haben sie einen anderen Klang. Es kommen immer wieder Orchester, die damit nicht zufrieden sind und dann bei uns eine Celesta kaufen", sagt Elianne Schiedmayer. Sie führt den weltweit einzigen Handwerksbetrieb, der noch die spezielle Celesta-Mechanik nach Mustel baut.

Elianne Schiedmayer
© Geimer

Die Mechanik setzt in der Werkstatt von Schiedmayer in Wendlingen bei Stuttgart der Klavierbauer Markus Schid zusammen. Er fügt das Spielwerk ineinander, verbindet es mit der Tastatur und montiert die Resonatoren.

Bis auf die Tastatur besteht die Celesta nur aus Einzelteilen, die in Wendlingen entstehen. Die Schreiner bauen das Gehäuse aus Buche und Eiche. In vielen Einzelschritten erstellen die Mitarbeiter aus Birnenholz und Filz die Spielwerke.

Im Metallraum sorgt ein Orgelbauer für den richtigen Klang: Er fertigt die Klangplatten aus Stahl und Messing mit Legierung. Im ständigen Wechsel von erhitzen, abkühlen lassen, Höhen ausmessen arbeitet er eine Woche, bis das Stimmgerät den passenden Klang an jeder der 60 Platten anzeigt.

Zwei Monate Teamarbeit bis zur Spielprobe

Die Mitarbeiter arbeiten rund zwei Monate an einer Celesta, bis das Instrument zum ersten Mal gespielt werden kann. Diese Qualitätsprüfung bleibt Geschäftsführerin Elianne Schiedmayer vorbehalten. Die ausgebildete Pianistin entscheidet, ob die Celesta sich gut spielen lässt. Sie testet den Widerstand der Tasten, spürt den richtigen Abstand zwischen Filzhämmern und Klangplatten. Lässt sich eine Celesta nicht angenehm bedienen, justieren die Mitarbeiter sie nach.

Als Musikerin spricht Schiedmayer dieselbe Sprache wie ihre Kunden: "Bauen kann ich die Instrumente aber nicht." Damit ist sie die Erste in einer mehr als 275-jährigen Familiendynastie, die keine Klavierbauerin ist.

Um Klavier und Musikpädagogik zu studieren, kam Schiedmayer, aufgewachsen in Haiti, nach Berlin. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst am Aufbau einer Musikschule in Stuttgart mit. Dabei traf sie auf einen Musikliebhaber, der die Pianos genau kennt: Georg Schiedmayer. Als sie den damaligen Inhaber der Klaviermanufaktur heiratete, trat sie in eine Klavierbauer-Familie ein, die sich gerade neu im globalen Konkurrenzkampf ausrichtete.

Unter der Führung von Georg Schiedmayer wandelte sich das Großunternehmen wieder zu einem Handwerksbetrieb. Von 1735 bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Schiedmayers zu einer industriellen Klavierbauerfirma angewachsen. Sie produzierten Instrumente in großer Stückzahl. Auch die Celesta gehörte ab 1890 zum Repertoire.

Die Firma wuchs vor allem durch den weltweiten Export. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Werkhallen jedoch komplett zerstört. Den Neuanfang erschwerte auch der Wandel auf dem globalen Markt für Klavierbau: der Kostendruck stieg. Gleichzeitig neigte sich die Hochzeit der Celesta (etwa 1893 bis 1970) ihrem Ende zu. Immer mehr Manufakturen stellten ihre Produktion ein. Schiedmayer fand hier seine Nische: Er spezialisierte sich ab 1980 auf die Celesta mit dem Mechanismus von Mustel.

Heute produziert der Betrieb jährlich 26 Instrumente. Die meisten sind schon vor der Fertigstellung verkauft. Auch die Pflege alter Produkte von Schiedmayer macht einen Teil des Geschäftes aus – denn die Klaviere sind zum Teil auch noch nach 200 Jahren im Einsatz.

Als Georg Schiedmayer vor 20 Jahren starb, stand zum ersten Mal in der 275-jährigen Familiengeschichte kein Sohn bereit, der die Tradition der Klavierbauer fortführen wollte. So übernahm Elianne Schiedmayer die Geschäftsführung mit neuem Stil – sie vertraute die Fertigung ihren Mitarbeitern an und kümmerte sich selbst um die Qualitätsprüfung und die Kontaktpflege.

Auch in Zukunft soll ihr Unternehmen mit musikalischer Leidenschaft geführt werden: Erstmals in der Geschichte des Unternehmens will Schiedmayer in den nächsten Jahren an einen Geschäftsführer übergeben, der nicht aus der Familie kommt. Ihr Nachfolger soll wie sie Konzerte lieben und die Einstellung der Musiker zu den Instrumenten verstehen.

Doch auch wenn die Klavierbauertradition in der Familie Schiedmayer nicht mehr weiterlebt, ihre Instrumente werden noch hunderte Jahre zu hören sein. Kürzlich wurde Stück Nummer 127.455 fertig gestellt.

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