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Einsturzgefährdetes Wohnhaus Handwerker halten in der Not zusammen

Die Evakuierung eines einsturzgefährdeten Gebäudes in Augsburg bringt Handwerker in Existenznot. Doch in der Krise sind sie nicht allein. Ein Beispiel gelebter Solidarität

Es war ein Freitagabend im November, als gegen 22:30 Uhr die Bewohner eines Hauses mitten in der Augsburger Innenstadt aus ihren Betten geklingelt wurden. In einer Hauruck-Aktion brachten Mitarbeiter der Stadt und des Roten Kreuzes die 26 mehrheitlich älteren und pflegebedürftigen Bewohner zunächst in Hotels oder bei ihren Familien unter. Die Stadt Augsburg reagierte damit auf den Bericht eines Statikers, der das Gebäude nach einer Begehung als nicht mehr standsicher eingestuft hatte. Er hatte nicht nur Risse im Mauerwerk, sondern auch metergroße Hohlräume unter dem Fundament entdeckt. Das Gebäude ist Eigentum einer von der Stadt verwalteten Stiftung.

Hilfe unter Nachbarn

An jenem Freitagabend ahnte Friseurmeister Berndt Wagner, der einen Salon im selben Gebäude betreibt, noch nicht, was ihm und seinen 17 Mitarbeitern in den nächsten Wochen bevorsteht. Am folgenden Morgen bekam er einen Anruf von seiner Schwester, die im Internet von der Evakuierung gelesen hatte. Wagner traf die Nachricht wie ein Schlag: "Gerade an diesem Samstag fand der Presseball in Augsburg statt. Wir waren für den ganzen Tag ausgebucht."

Zunächst erleichtert stellte Wagner vor Ort fest, dass vor seinem Laden kein Absperrband oder ähnliches angebracht war, wie etwa bei dem benachbarten Schmuckgeschäft. Doch kaum hatte Wagner mit dem Frisieren des ersten Kunden begonnen, trat ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung in den Salon ein. "Er teilte mir mit, dass ich meinen Laden sofort zuschließen und verlassen muss. Das war erstmal ein Schock."

Dass der Friseurmeister an diesem Tag trotzdem nicht allen Kunden absagen musste, verdankt Wagner der Solidarität einer benachbarten Friseurin, die ihm kurzerhand drei Stühle in ihrem Laden für Wagners Kunden zur Verfügung stellte. In einem nicht weit entfernten Modegeschäft durfte Wagners Team zudem die Hochsteckfrisuren für den Presseball in Form bringen.

Umzug in die Innung

Noch am selben Abend telefonierte Berndt Wagner mit Kollegen aus der Friseur- und Kosmetik-Innung, um eine Übergangslösung zu finden. Obermeister Matteo Leggio bot Wagner kurzerhand Räume in der Innung selbst an. "Da ist uns erstmal ein Stein vom Herzen gefallen. Mit so viel Unterstützung hatten wir nicht gerechnet. Der Zusammenhalt unter den Friseuren hier in Augsburg ist einfach großartig", sagt Wagner.

Schon am folgenden Montagabend wurden die wichtigsten Geräte und Utensilien vom geschlossenen Laden in die Innung gebracht. "Die Räumung unseres Ladens war für uns schon ein Albtraum. Mit sowas rechnet ja keiner. Deshalb sind wir froh, dass es für uns bisher so glimpflich ausgegangen ist."

Härter traf es die benachbarte Goldschmiedemeisterin Renate Ammer. "Mein Bruder hat mich morgens angerufen, weil er in der Zeitung gelesen hat, dass unser Haus einsturzgefährdet ist. Ich konnte nur noch schnell die nötigsten Dinge aus meinem Laden holen."

Am selben Tag meldete sich Augsburgs Bürgermeisterin Eva Weber bei ihr. "Sie hat mir mitgeteilt, dass es einen Leerstand in der Innenstadt gibt, den ich vorübergehend nutzen könnte." Einrichtung und Werkstatt sind allerdings fest im alten Laden verbaut, so dass Ammer und ihre zwei Mitarbeiter kaum etwas in die neuen Räume mitnehmen konnten. Trotz voller Auftragsbücher durfte Ammer auf die Unterstützung ihrer Kollegen zählen. Eine Schreinerei fertigte ihr zum Beispiel in wenigen Tagen eine neue Verkaufstheke für das Geschäft. "Wir haben viel Hilfe von Kollegen und Freunden bekommen, sonst hätten wir den Umzug gar nicht so schnell realisieren können", sagt Ammer.

Zehn Tage ohne Umsatz

Dennoch vergingen zehn Tage bis zur Wiedereröffnung am neuen Standort. Neben den fehlenden Möbeln mussten auch der Internetanschluss, das Telefon und das Gerät für die Kartenzahlung neu eingerichtet werden. "Wir hatten in dieser Zeit einen kompletten Umsatzausfall. Das ist schon hart, dass so etwas gerade in der Vorweihnachtszeit passiert, die für uns das meiste Geschäft im Jahr bringt", sagt Ammer. Besonders schwer wiegt für sie, dass am neuen Standort momentan kein Werkstattbetrieb möglich ist. "Wir können zurzeit keine Sonderanfertigungen anbieten, die gerade bei unseren Stammkunden sehr gefragt sind", sagt Ammer.

Am meisten belastet die Goldschmiedemeisterin jedoch die Unsicherheit, wie es weitergeht. Dabei stehe auch die Existenz der ganzen Firma auf dem Spiel. Ammer hofft auch auf einen Ausgleich für die entstandenen Aufwendungen und entgangenen Umsätze. Auf Nachfrage der Deutschen Handwerks Zeitung teilte die Stadt Augsburg mit, dass "der Zeitpunkt des Rückumzugs noch nicht sicher ist." Der Statiker hoffe, bis Weihnachten ein vollständiges Sanierungskonzept erarbeitet zu haben und bis dahin eine Aussage dazu treffen zu können, bis wann die Nutzer wieder ins Gebäude können. Da kein Verschulden seitens des Vermieters "Jakobs-Stiftung" vorliege, wäre eine Schadenersatzpflicht gegenüber den Mietern im gesetzlichen Sinn nicht gegeben. Gleichwohl sei man äußerst bemüht, mögliche Schäden der Mieter schon im Grunde zu vermeiden, so die Stadt weiter.

In der Schwebe

Auch Friseurmeister Berndt Wagner beklagt die große Unsicherheit. "Es ist eben eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten", sagt Wagner, der niemandem der Beteiligten einen Vorwurf machen will.

Seinen Familienbetrieb in vierter Generation hat es zwar nicht so hart getroffen wie seine Handwerkskollegin, dennoch muss Wagner Umsatzausfälle von etwa 15 Prozent durch den Standortwechsel verkraften. "Wir haben in der Innung zwar alles was wir benötigen, aber es ist eben eine schulische Einrichtung ohne die Atmosphäre wie in unserem Salon." In diesen hatte Wagner erst in den vergangenen Jahren kräftig investiert und mit aufwendigen Wandmalereien und alten Möbeln wie einem 180 Jahre alten Lüster dekoriert.

Die beiden Unternehmer warten nun wie alle anderen Betroffenen sehnsüchtig auf eine Nachricht der Stadt. Eine baldige Rückkehr in ihre Geschäfte wäre für sie das schönste Weihnachtsgeschenk.

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