25 Jahre Mauerfall -

Erinnerungen an den Mauerfall Handwerker berichten: Das geschah nach der Wende

Der Mauerfall - für viele ein bedeutendes Datum. Für die einen ist es verbunden mit Aufbruch, für die anderen mit Freiheit - oder die Chance auf Selbstständigkeit. Die DHZ hat mit 13 Handwerkern über ihre ganz persönliche Wende gesprochen.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets 25 Jahre Mauerfall
Mauerfall Handwerkerporträts
Für viele Handwerker änderte sich mit dem Mauerfall das Leben. -

1. Bernd Blumrich, Fotografenmeister aus Kleinmachow bei Berlin: Seine Kamera war immer dabei

Handwerkerporträt Bernd Blumrich
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"Von unserem Wohnhaus bis zur Mauer waren es keine 300 Meter. Das Haus steht in Kleinmachnow, direkt an der Stadtgrenze zu Berlin. Den Mauerfall habe ich sozusagen hautnah mitbekommen. Ich war zum Zeitpunkt des Falls der Mauer 39 Jahre alt, Fotografenmeister mit eigenem Geschäft und sechs Mitarbeitern.

Die Kamera hatte ich immer dabei. Ich habe viel dokumentiert in dieser Zeit: Die Friedensdemonstrationen in Potsdam, die ersten Veranstaltungen des Neuen Forums noch im Oktober 1989. Und natürlich West-Berlin.

Gleich am 10. November 1989 bin ich mit meinen Mitarbeitern über den Grenzübergang Dreilinden zum Ku’damm gefahren. Es war unfassbar. Dazustehen, wo man nie glaubte hinzukommen. Das vergesse ich nie.

"Froh, durchgehalten zu haben"

Genauso wenig werde ich die Übernahme der Stasi-Zentrale durch die Bürgerbewegung oder den Abriss der Mauer vergessen. Unzählige Male bin ich hin und habe Fotos gemacht.

Doch mit dem Abbruch kam auch der Umbruch. Ich musste Mitarbeiter entlassen. Unsere Schwarz-Weiß-Karten, von denen wir zu DDR-Zeiten noch 250.000 Stück im Jahr verkauften, wurden im Jahr 1990 praktisch nicht mehr nachgefragt. Alle wollten die farbenfrohen Glückwunschkarten aus dem Westen.
Mir blieb noch das Studiogeschäft: Por­trätfotos, Hochzeiten und Firmenaufträge. Heute beschäftige ich wieder drei Mitarbeiter. Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe."

2. Geo Müller, Stempelmacher aus Nürnberg: Wurde mit den Worten empfangen "Sie schickt der Himmel"

Handwerkerporträt Geo Müller
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"An dem Abend, als die Mauer fiel, saß ich zu Hause vor dem Fernseher und habe gebannt die Nachrichten verfolgt. Als bekannt wurde, dass die Postleitzahlen bundesweit vonw vier auf fünf Ziffern umgestellt werden, bin ich auf die Post zugegangen und habe den Auftrag bekommen, die Stempel dafür herzustellen. Wir als Stempelmacher-Betrieb arbeiten schon seit Jahrzehnten eng mit der Post zusammen.

Als dann die erste Euphorie-Welle nach dem Mauerfall vorbei war, bin ich von Nürnberg ins sächsische Plauen gefahren, um mir selbst ein Bild zu machen. Dort habe ich erstmals meine ostdeutschen Kollegen kennengelernt, die ebenfalls Stempel herstellten.

"Der fachliche Austausch war sehr fruchtbar"

Von Vorbehalten gegenüber mir als 'Wessi' habe ich überhaupt nichts gespürt. Manche Kollegen dort sagten: 'Sie schickt der Himmel.' Und so konnte ich einige ostdeutsche Stempelmacher für meinen Betrieb gewinnen, da der Auftrag, die Stempel herzustellen, schon fix war. Fünf von meinen damaligen 40 Mitarbeitern kamen aus der ehemaligen DDR.

Ich kann mich noch gut an den fachlichen Austausch erinnern, der insgesamt sehr fruchtbar war. Die ostdeutschen Kollegen haben uns beispielsweise die ‚CNC-Technik‘ nähergebracht. Und auch wir konnten ihnen viel beibringen."

3. Siegfried Huhle, Metallbaumeister aus Wiesbaden: Weggegangen ohne loszulassen

Handwerkerporträt Siegfried Huhle
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"Wir sind 16 Tage vor dem Mauerbau aus der DDR geflüchtet. Ich war damals elf Jahre alt. Meine Eltern erzählten mir, dass wir in den Urlaub fahren würden. Mein Vater hatte zu der Zeit eine florierende Maschinenbaufirma in Großröhrsdorf. Das Unternehmen hätte weiter wachsen können, doch dem Regime war es zu kapitalistisch ausgerichtet. Mein Vater und der Betrieb standen unter ständiger Beobachtung.

"Der Mauerfall bleibt mir als sehr glückliches Ereignis in Erinnerung"

Die Ausreise fiel mir nicht leicht, weil ich meine Freunde zurücklassen musste. Zugleich freute ich mich über die neuen Freiheiten im Westen. Wir bezogen zuerst für einen Monat eine Wohnung in West-Berlin, bevor wir schließlich ins hessische Neuenhaßlau kamen. Über Bekannte bot sich meinem Vater die Chance, eine kleine Metallbaufirma zu kaufen.

In den Folgejahren wuchs die Firma stetig und beschäftigte schließlich über 100 Mitarbeiter. Mein Vater hatte zwischenzeitlich auch mit dem Gedanken gespielt, in den Osten zurückzukehren und die Maschinen mitzunehmen, doch ihn dann wieder verworfen. Unsere Familie hielt weiter Kontakt zu Freunden im Osten. Der Mauerfall bleibt mir als sehr glückliches Ereignis in Erinnerung."

4. Gerhard Martin, Maurermeister aus Karlsruhe: Eine Woche Zeit, um die DDR zu verlassen

Handwerkerporträt Gerhard Martin
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"Wir sind 16 Tage vor dem Mauerbau aus der DDR geflüchtet. Ich war damals elf Jahre alt. Meine Eltern erzählten mir, dass wir in den Urlaub fahren würden. Mein Vater hatte zu der Zeit eine florierende Maschinenbaufirma in Großröhrsdorf. Das Unternehmen hätte weiter wachsen können, doch dem Regime war es zu kapitalistisch ausgerichtet. Mein Vater und der Betrieb standen unter ständiger Beobachtung.

"Der Mauerfall bleibt mir als sehr glückliches Ereignis in Erinnerung"

Die Ausreise fiel mir nicht leicht, weil ich meine Freunde zurücklassen musste. Zugleich freute ich mich über die neuen Freiheiten im Westen. Wir bezogen zuerst für einen Monat eine Wohnung in West-Berlin, bevor wir schließlich ins hessische Neuenhaßlau kamen. Über Bekannte bot sich meinem Vater die Chance, eine kleine Metallbaufirma zu kaufen.

In den Folgejahren wuchs die Firma stetig und beschäftigte schließlich über 100 Mitarbeiter. Mein Vater hatte zwischenzeitlich auch mit dem Gedanken gespielt, in den Osten zurückzukehren und die Maschinen mitzunehmen, doch ihn dann wieder verworfen. Unsere Familie hielt weiter Kontakt zu Freunden im Osten. Der Mauerfall bleibt mir als sehr glückliches Ereignis in Erinnerung."

5. Tobias Neubert, Steinmetzmeister und Restaurator im Handwerk aus Halsbrücke: Goldene Jahre

Handwerkerporträt Tobias Neubert
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"Kurz vor dem Mauerfall bekam ich die Einberufung zur Armee. Am 14. November musste ich zu den Bausoldaten einrücken. Den Dienst an der Waffe hatte ich verweigert. Die Tage vorher machte ich Urlaub, um noch ein paar gemeinsame Tage mit der Familie zu verbringen. Als plötzlich die Grenze offen war, bin ich mit meiner Frau und unserer kleinen Tochter noch für einen Tag zu Bekannten nach Bayern gefahren.

"Ich habe schon 42 Lehrlinge ausgebildet"

Gelernt habe ich beim VEB Denkmalpflege in Dresden, im Herbst 1989 war ich bei der städtischen Denkmalpflege in Freiberg beschäftigt. Als ich im Mai 1990 die Armee verlassen konnte, ging ich zurück in meinen Betrieb, der aber nur noch abgewickelt wurde. Im Sommer konnte ich ein Praktikum in Bamberg absolvieren, ab November habe ich in Mainz noch meinen Restaurator im Handwerk gemacht.

1991 habe ich meinen Betrieb gegründet, der dann auch schnell gewachsen ist. Von zwei Angeboten bekam ich damals einen Auftrag. Wer als Handwerker im Osten in den 90er Jahren kein Geld verdient hat, um investieren zu können, hat irgendetwas falsch gemacht. Heute ist es ungleich schwerer, einen Auftrag zu generieren. Mein Betrieb hat jetzt 15 Angestellte und ich habe schon 42 Lehrlinge ausgebildet."

6. Jens Röhner, Schuhmachermeister aus Glauchau: Protest im Parker

Handwerkerporträt Jens Röhner
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"Im Herbst 89 galt ich als potenzieller Staatsfeind. Ich hatte lange Haare, trug Parka, hörte Rolling Stones und ging montags auf die Straße. Aber ich hatte immer Angst vor Repressalien, dass ich vielleicht nicht mehr heimkommen würde nach den Montagsdemos.

Viele trugen zu der Zeit als Zeichen ihres Protests Römersandalen. Da habe ich mich hingesetzt und untersucht, wie man die im handwerklichen Kleinbetrieb wirtschaftlich herstellen kann. Leder war schwer zu bekommen, also kaufte ich Reste aus Rüstungsbetrieben. Damit brachte ich unsere Sandalen zur Produktionsreife.

"Als die Mauer fiel, sah ich meine Chance"

Bis heute gibt es diese Römerschuhe von der Familie Röhner. Jetzt macht sie mein jüngerer Sohn Eike, die vierte Schuhmachergeneration in unserer Familie!
Als die Mauer fiel, ich war 29, war ich sehr glücklich – und sah meine Chance. Rings um uns herum machten Schuhfabriken zu. Da kramte ich meine Ersparnisse zusammen und kaufte Maschinen auf, um mich selbstständig zu machen."

7. Holger Baumann, Parkettlegermeister aus Solms: Endlich selbstständig

Handwerkerporträt Holger Baumann
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"Am 9. November 1989 war ich für die Nationale Volksarmee (NVA) in Berlin stationiert. An dem Tag hatte ich allerdings Urlaub und war auf dem Weg nach Hause in den Harz. Zwei Tage später wurden auch bei uns in Rothesütte die Grenzen geöffnet und wir konnten rüber nach Niedersachsen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Etwas, was ich nie wieder erlebt habe.

"Ohne die Wende hätte ich keinen eigenen Betrieb"

Meinen Dienst bei der NVA konnte ich vorzeitig abbrechen. Es gab ja nichts mehr zu tun. Ich bin dann in meinen Beruf als Polsterer zurückgekehrt. Nach anderthalb Jahren hatte ich dann aber keine Arbeit mehr. Auf eine Annonce bin ich nach Gießen gegangen und habe verschiedene Arbeiten, unter anderem als Verkäufer und Bodenleger, verrichtet. Da ich mich beruflich komplett neu ausrichten wollte, habe ich 1993 mein Abitur nachgemacht. Danach habe ich dann doch wieder als Bodenleger gearbeitet.

2002 habe ich ein Gewerbe angemeldet und meinen Meister als Parkettleger gemacht. Seitdem bin ich selbstständig. Es ist zwar nicht immer einfach, aber ich habe es nie bereut. Mir ist es wichtig, mein Fachwissen auszubauen, deswegen habe ich mich als Restaurator und als Sachverständiger weitergebildet. Mein Vater ist auch Handwerker, aber ein eigener Betrieb war ihm in der DDR nicht vergönnt. Ohne die Wende hätte ich heute auch keinen."

8. Karl Bernt, Metallbaumeister aus Thum: Faire Partner

Handwerkerporträt Karl Bernt
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"Ich hatte mich schon 1987 selbstständig gemacht, als Bauschlosserei und Rationalisierungsmittelbau. Da hatte man die wenigsten Beschränkungen. Ich habe zum Beispiel aus alten Hinterachsen des 311er Wartburgs Anhänger gebaut, aber auch Schneidtische und Aufzüge für Dachdecker oder Brandschutztüren. Aufträge gab es reichlich.

Als die Mauer fiel, waren plötzlich alle Kunden weg. Durch Zufall sah der Vertreter eines Herstellers von Aluminiumprofilen, der in der Nähe übernachtet hatte, mein Firmenschild. Wir sind ins Gespräch und auch schnell ins Geschäft gekommen.

"Die größte Herausforderung wird die Übergabe des Unternehmens"

Mein Sohn André und ich wurden bei der Firma Brökelmann im Sauerland angelernt, die Firma unterstützte uns auch mit Krediten zu sehr fairen Konditionen. Wir haben unseren Standort in die Stadtmitte verlegt und bekamen beim Neubau der Grundschule in Thum unseren ersten großen Auftrag.

Wir haben zwei Umschüler ausgebildet, die unsere ersten Gesellen wurden. Das Unternehmen war zwischenzeitlich bis auf zwölf Mitarbeiter angewachsen, heute sind es acht, unter ihnen zwei der drei Lehrlinge, die wir ausgebildet haben. Größte Herausforderung in naher Zukunft wird die Übergabe des Unternehmens. Aber mein Sohn André steht schon in den Startlöchern."

9. Paul Baier, Schlossermeister aus Renchen-Ulm: "Am Ende hatte ich einen zweiten Betrieb"

Handwerkerportät Paul Baier
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"Ich hatte mich nach der Wende bereit­erklärt, Unternehmer aus dem Osten beim Aufbau ihrer Betriebe mit Kenntnissen in der Geschäftsführung zu unterstützen. Mein eigener Metallbaubetrieb bestand damals knapp 20 Jahre. Am Ende hatte ich einen zweiten Betrieb.

Aber von vorne: 1991 rief mich der Geschäftsführer eines Metallbaubetriebs aus Dresden an. Trotz großer Anstrengungen stand der Betrieb praktisch vor dem Ende. Ich habe denen einen Businessplan erstellt und das Angebot gemacht, die Belieferung zu übernehmen. Mein Vorschlag war, dort nach und nach eine eigene Produktion aufzubauen.

"Ich bin froh, dass ich es gemacht habe"

Nach der Neugründung leisteten wir Nachhilfe bei der Kundenakquise. Unsere Bemühungen zeigten Wirkung. Im Vorort Röhrsdorf kaufte ich einen Bauernhof und baute die Produktion aus. Trotz der guten Entwicklung sprang mein Partner im Osten 1994 ab. Für meinen Sohn und mich stand schnell fest, dass wir den Betrieb übernehmen würden.

Das Unternehmen hat mittlerweile 28 Mitarbeiter, die wir zu 60 Prozent selbst ausgebildet haben. Die beiden Betriebe sind zu einer großen Familie geworden und befruchten sich gegenseitig mit technischen Ideen. Wenn ich heute sehe, wie erfolgreich sich das Unternehmen entwickelt hat, bin ich froh, dass ich es gemacht habe. "

10. Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, Geschäftsführerin des Dresdner Backhauses: Ab in den Osten

Handwerkerporträt Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller
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"Nur für ein paar Monate wollte ich ursprünglich nach Dresden gehen. Daraus sind jetzt 21 Jahre geworden. Dresden ist die Heimat meines Vaters. Seine Familie hatte bei der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg alles verloren. Er geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft in Deggendorf. Nach seiner Freilassung baute er in München 1950 eine neue Konditorei auf, wo er unter anderem Dresdner Stollen verkaufte.

"Nach dem Mauerfall fingen wir sofort mit den Verhandlungen an"

Seine alte Heimat hat er nie vergessen, aber er konnte nicht zurückkehren. Der Dresdner Stollen galt als ein Stück Kulturgut. Wer das wie mein Vater ,entführte‘, konnte sich nicht in die DDR wagen. Leider hat er die Wende nicht erlebt. Aber für meine Mutter und mich war klar, dass wir zu den Familienwurzeln zurückgehen mussten, sobald es möglich war.

Als die Mauer fiel, fingen wir sofort mit Verhandlungen an. 1991 öffneten wir unser erstes Café in Dresden und daraus entwickelte sich mein eigenes Unternehmen, das Dresdner Backhaus.

Für mich ist Dresden nicht meine Heimat, aber ich lebe unwahrscheinlich gern hier. Ich habe hier meinen Mann kennengelernt und meine Familie gegründet. Dass ich mittlerweile richtig angekommen bin, merke ich aber vor allem daran, dass mir meine Freunde inzwischen auch von der Zeit vor 1989 erzählen.“

11. Helmut Glöckner, Kfz-Mechanikermeister aus Dresden: Autos für den Osten

Handwerkerporträt Helmut Glöckner
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"Das war eine spannende Geschichte: 1989, kurz nach dem Mauerfall, flog ich mit einer Delegation unter dem baden-württembergischen Wirtschaftsminister Hermann Schaufler nach Dresden. Ein Bekannter hatte mich dazu eingeladen.

Da hatte ich schon ganz klar im Hinterkopf, dass ich Autos, die in der DDR ja Mangelware waren, von meiner schwäbischen Heimat nahe Aalen in den Osten bringen wollte. In Dresden fand ich in einem Maschinenbauhandel einen Partner, bei dem ich im Februar 1990 dann eine Sonderschau aufzog – die erste dieser Art in der ehemaligen DDR!

"Für mich liegt die Zukunft im Osten"

Damals gab es noch Grenzkontrollen und Ostmark. Ich hatte zwar eine Sondergenehmigung für die Autotransporte, aber schwierig war es trotzdem. Auf die erste Sonderschau folgten weitere und ich mietete mich bei dem Maschinenbauhandel dauerhaft ein.

Über die Jahre fuhren wir hunderte von LKWs mit Autos nach Dresden. Anfangs pendelte ich noch zwischen Schwaben und Dresden. Doch irgendwann musste ich mich entscheiden zwischen meinem Heimatbetrieb und dem neuen Standort. 1998 zog ich endgültig nach Dresden, wo wir mittlerweile drei Betriebe haben. Für mich liegt die Zukunft im
Osten."

12. Michael Heidrich, Metallbaumeister aus Nürnberg: Lebendige Partnerschaft

Handwerkerporträt Michael Heidrich
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"Unsere Firma für Tor- und Türtechnik sitzt in Nürnberg. Als damals die Grenze zwischen dem Osten und dem Westen öffnete, sahen darin viele Firmen eine Chance, im Osten das große Geschäft zu machen. Viele scheiterten kläglich. Wir verfolgten einen ganz anderen Ansatz. Wir wollten den Menschen im Osten helfen, selbst erfolgreiche Betriebe aufzubauen und neue Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen anstatt sie wegzunehmen.

In der ersten Zeit kurz nach dem Mauerfall haben wir unseren Nürnberger Bestandskunden, die in den Osten expandierten, unterstützt. Wir bemühten uns jedoch nie selbst um Aufträge außerhalb unseres Hausgebiets. Mein Vater nahm sich als ­damaliger Obermeister unserer Innung die Zeit, eine lebendige Partnerschaft zwischen der Innung Nürnberg und der Innung Gera aufzubauen.

"Einige Mitarbeiter aus dem Osten sind bis heute für uns tätig"

Wir luden Handwerksmeister aus dem Osten in unseren Betrieb ein, damit sich diese einen direkten Einblick in moderne Arbeits- und Montagetechniken im Westen verschaffen konnten. Die Handwerksmeister fuhren auch mit unseren Leuten auf Montage, um zu sehen, wie wir diverse moderne Torarten installierten. Das neue Wissen konnten Sie in ihren Betrieben im Osten anwenden und so Vorreiter sein.

Wir haben auch erlebt, dass neue Mitarbeiter aus dem Osten zu uns kamen, weil sie hier das "gelobte Land" sahen, wo einem Wohlstand und ­Erfolg nur so zufallen. Manchen von ihnen fehlte es an der richtigen Arbeitseinstellung – das ging dann im Team nicht lange gut. Andere wiederum waren sehr motiviert und sind bis heute gerne für uns ­tätig."

13. Konrad Uhlig, Tischlermeister aus Limbach-Oberfrohna: Demonstrationen organisiert

Handwerkerporträt Konrad Uhlig
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"Unsere Tischlerei war Ende der 80er Jahre sicher einer der größten privaten Betriebe im Tischlerhandwerk im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt. Wir haben hauptsächlich Möbel für den Export gebaut. Obwohl der Staat mit unseren Produkten Devisen eingenommen hat, wurden wir ständig gegängelt.

Im Herbst 1989 zog eines Tages eine Gruppe nach dem Gottesdienst schweigend mit Kerzen durch die Stadt. Die Leute waren noch sehr ängstlich. Ich habe damals viele zum Mitmachen animiert.

"Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchstimmung"

Von unserer Werkstatt aus haben wir richtige Demonstrationen organisiert. Wir haben Fahrzeuge bereitgestellt, Redner-Pulte gebaut, uns um die Beschallung gekümmert, Transparente gebaut. Der Aufwand war enorm, denn es kamen von Woche zu Woche mehr Menschen zu den Demos. Gleichzeitig stieg das Selbstbewusstsein.

Der Johannisplatz in Limbach-Oberfrohna war bald so voll, dass die Leute bis in die Nebenstraßen standen. Einmal sind wir zur Villa Wunsch gezogen, damals Gästehaus der SED-Bezirksleitung. Aus Furcht vor Übergriffen hatten wir überall Schilder mit der Aufschrift ,Keine Gewalt!‘ aufgestellt. Schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Menschen waren bei dieser Demo dabei. Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchstimmung.

Nach der Wende ging es im Betrieb zunächst ziemlich chaotisch zu. Keiner wusste, wie es weitergehen sollte, aber irgendwie ging es eben doch weiter. Es gab Höhen und Tiefen. Heute blickt unser Betrieb auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurück. Seit meinem Ausscheiden führt meine Frau Susanne die Geschäfte. Mein Sohn Axel, der bei der Organisation der Demos damals auch sehr aktiv war, ist technischer Leiter."

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