Bayerischer Handwerkstag -

Interview Handwerker brauchen Kredite

Dr. Jürgen Gros, Vorstand des Genossenschaftsverbandes Bayern, im DHZ-Interview.

Handwerker brauchen Kredite

DHZ: Herr Dr. Gros, Sie haben sich wiederholt gegen die von der EU-Kommission geplante Kapitalmarktunion ausgesprochen. Was bringt das Vorhaben einem kreditsuchenden Handwerker?
Jürgen Gros: Wahrscheinlich nichts. Zwar will die EU-Kommission mit der Kapitalmarktunion die Unternehmensfinanzierung erleichtern. Das klingt erst mal gut. Nur leider wird das Projekt den Bedürfnissen der meisten Firmen in Deutschland nicht gerecht. Denn Brüssel fokussiert sich darauf, Kapitalmarktinstrumente zu fördern, also zum Beispiel die Emission von Anleihen. Doch das bringt den vielen kleinen und mittleren Betriebe im Handwerk herzlich wenig. Weil die Kosten für solche Transaktionen hoch sind, weil sie kompliziert sind, weil sie viel Zeit in Anspruch nehmen. Und weil sich für Kredite, die sie bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken nachfragen, eine Anleihe nicht lohnt. Die Höhe des durchschnittlichen Firmenkredits liegt dort nämlich bei 130.000 Euro. Fakt ist doch, dass die Unternehmer nach wie vor lieber auf Kredite setzen. Die Kommission täte deshalb gut daran, das reibungslose Zusammenspiel von Mittelstand und seinen Hausbanken zu erhalten. Doch während die Kapitalmärkte gefördert werden sollen, wird die Kreditvergabe durch Regulierungsmaßnahmen perspektivisch eingeschränkt. Zum Beispiel, weil diverse Regulierungsprojekte darauf abzielen, Kredite mit mehr Eigenkapital zu hinterlegen und damit zu verteuern. Die Rahmenbedingungen für die Finanzierung des Mittelstands in Deutschland drohen sich also zu verschlechtern. Ihr Ziel, mit der Kapitalmarkt­union Wachstum und Beschäftigung zu schaffen, verfehlt die EU-Kommission damit.

DHZ: Warum wehren Sie sich denn so vehement gegen die vorgesehene Einlagensicherung innerhalb Europas?
Gros: Weil eine gemeinschaftliche Einlagensicherung in Europa eine gefährliche Idee ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Brüssel will, dass in Zukunft die deutschen Sparer und Banken mithaften, wenn anderswo in Europa eine Bank umkippt. Das ist insofern ein schlechtes Geschäft, weil die Bilanzrisiken bei den europäischen Banken erheblich auseinanderklaffen. So beträgt der Anteil ausfallgefährdeter Kredite in Zypern mehr als 45 Prozent, während es in Deutschland nur 2,5 Prozent sind. Damit wäre vorprogrammiert, dass bei einer EU-Einlagensicherung gesunde Banken früher oder später für Verluste von Zocker-Banken geradestehen müssen. Das wollen weder die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken noch ihre Kunden. Davon abgesehen: Die Kreditgenossenschaften unterhalten seit Jahrzehnten bewährte Sicherungseinrichtungen. Mir leuchtet nicht ein, warum wir ein auf Prävention und Sicherheit ausgerichtetes System gegen ein wackliges, zentralistisches System eintauschen sollen, das uns schnurstracks in eine Transferunion führt.

DHZ: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat die Kreditinstitute, die eine Regulierungspause auf europäischer Ebene fordern, mit Fröschen verglichen, „die sich gegen die Trockenlegung des Sumpfes wehren“. Was halten Sie denn davon?
Gros: Bei allem Respekt für Herrn Schäuble: Das Thema ist ernst und der Vergleich unpassend. Die zunehmenden bürokratischen Lasten und die Pläne für steigende Eigenkapitalanforderungen werden früher oder später negativ auf die Wirtschaft durchschlagen. Nämlich dann, wenn die Kreditvergabe der Banken weiter ausgebremst wird und Unternehmen ihre Investitionen nicht mehr finanzieren können. Diese Gefahr sollten Politik und Aufsicht ernst nehmen und sich sorgfältig mit den Folgen ­ihrer Entscheidungen auseinandersetzen. Erfreulicherweise registrieren wir derzeit aber ein Umdenken: Zumindest werten wir das so, wenn sich das Europäische Parlament und der Bundestag dafür aussprechen, Regulierungsmaßnahmen stärker auf ihre Qualität und Wirkungsweise zu überprüfen. Außerdem setzt sich nun auch das Ministerium von Herrn Schäuble dafür ein, die Regulierungsanforderungen für Regionalbanken zu reduzieren. Die dazu gestartete Initiative begrüßen wir ausdrücklich. Allerdings müssen den Worten auch Taten folgen. Wir brauchen prägnante und übersichtliche Regeln und kein bürokratisches Kleinklein.

DHZ: Vor Kurzem hat der deutsche Gesetzgeber die neue Wohnimmobilienkreditrichtlinie in Kraft gesetzt. Was ändert sich für den potenziellen Häuslebauer und sein Kreditinstitut?
Gros: Das Gesetz ist ein Musterbeispiel für fehlgeschlagene Regulierung. Es führt dazu, dass manche Verbraucher, die bis vor Kurzem noch kreditwürdig waren, keine Darlehen mehr bekommen dürfen. Warum? Weil seit Neuestem die Höhe des Einkommens und des frei verfügbaren Vermögens bei der Kreditwürdigkeitsprüfung ausschlaggebend sind. Anders als bisher dürfen die Banken nicht mehr hauptsächlich auf die Werthaltigkeit der grundpfandrechtlichen Sicherheit des finanzierten oder belasteten Grundstücks bzw. der Immobilie abstellen. Leiden werden darunter Immobilien­eigentümer, die über ein geringes Einkommen und kaum freies Vermögen verfügen. Zum Beispiel Senioren, die Haus oder Wohnung altersgerecht umbauen wollen. Das wird unweigerlich auch das Handwerk spüren. Schließlich führen weniger Kredite dazu, dass weniger gebaut und renoviert wird. Und das wirkt sich ganz schnell auf die Auftragslage des Maurers, des Bodenlegers, des Elektrikers oder des Malers aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gesetzgeber das beabsichtigt hat. Hier muss dringend nachgebessert werden. Wie man es richtig macht, haben übrigens die Österreicher gezeigt: Die haben nämlich schlichtweg ganz konsequent die Umsetzungsspielräume genutzt, die ihnen die europäische Richtlinie geboten hat. Warum bekommt das unser Gesetzgeber nicht hin?

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