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Werbekampagne Handwerk verärgert über Lidl

Ende März sorgte Bäckermeister Stefan Richter mit einer "Bewerbung" bei der Discounterkette Lidl für Aufsehen. Nun ist auch die propagierte Fleisch-Qualität ins Visier der Kritiker gekommen.

Mit der aktuellen Marketing-Kampagne "Woran man gute Qualität erkennt" wage Lidl im Bereich Fleisch den schwierigen Spagat zwischen Ramschpreisen und Tierwohl, so der Präsident des Bayerischen Handwerkstages und Landesinnungsmeister des Fleischerverbandes Bayern, Georg Schlagbauer.

Beides sei in Wirklichkeit nicht miteinander vereinbar. Zudem inszeniere sich Lidl als "grün-faires Umwelt-Unternehmen", merkt der Verein Slowfood Deutschland an, der sich für einen bewussten und genussvollen Umgang mit Essen und regionalen Produkten einsetzt. Er kritisiert die Lidl-Kampagne deutlich: Es seien "Attacken gegen gutes Handwerk", die hier gefahren werden. Eine "Vernebelung des Qualitätsbegriffs" sei nicht hinnehmbar.

Gefühle statt Produktbild

Es sei zumindest fragwürdig, wie viel hinter der von Lidl propagierten Fairness im Hinblick auf die erzeugenden Betriebe bei einem Preis von 5,99 Euro pro Kilo Putenbrust steckt. Der Fleischerverband Bayern bezweifelt ebenfalls, dass es denn möglich sei, bei einem solchen Preis den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.

In der Kampagne stellt Lidl die Qualitätsfrage für alle möglichen Lebensmittel: Fleisch, Kaffee, Schokolade, Obst, Gemüse, Brot und Wein. Gute Qualität erkenne man am Geschmack und dem Preis: "Lidl lohnt sich, vor allem wegen der guten Preise. Das weiß inzwischen jeder", heißt es auf der Webseite. Bemerkenswert ist, dass in einem dazugehörigen Fernsehspot kein einziges Produkt zu sehen ist, sondern nur über emotionale Bilder ein Lebensgefühl zu verkaufen versucht wird.

Frontalangriff aufs Handwerk

Zwar sei es Lidls gutes Recht, Werbung für sein Sortiment zu machen, so Slowfood. Dass dabei jedoch das Metzger- und Bäckerhandwerk attackiert und der Qualitätsbegriff in "höchst eigenwilliger Interpretation" missbraucht werde, sei inakzeptabel. Die Frage "Woran erkennt man eigentlich gutes Fleisch?" werde mit einem "Hieb gegen die letzten Metzgerei-Fachgeschäfte" beantwortet.

Lidl fehle es an Kompetenz für das Lebensmittel Fleisch, meint Handwerkstags-Präsident Schlagbauer. Es sei zudem nicht nachzuvollziehen, dass Lidl mit seiner auf die Kosten von Mensch, Tier und Umwelt gehenden aggressiven Preispolitik nun die Begriffe "Fairness und Nachhaltigkeit" für sich beansprucht. Laut der Kette erkenne man gutes Fleisch an einem niedrigen Preis. Insgesamt lasse sich die aktuelle Werbung jedenfalls darauf reduzieren, so der gelernte Metzgermeister.

Bäckermeister wehrt sich

Auch gutes Brot und gute Backwaren erkenne man offensichtlich an einer industriellen Fertigung und einem niedrigen Preis, meint Bäckermeister Stefan Richter aus Kubschütz bei Bautzen. Wenn das der Fall ist, braucht er einen neuen Job, sagt er. Ende März hatte er mit einer satirischen "Bewerbung" auf die seines Erachtens nach irreführende Lidl-Kampagne aufmerksam gemacht (wir berichteten).  Seine Aktion zog weite Kreise, denn auf Facebook bekam sie 10.000 "Likes". 6.000-mal wurde die fiktive Bewerbung geteilt. Auch Richter argumentiert, dass sich Lidl mit der Qualitäts-Kampagne gegen das Handwerk richtet: "Sie suggeriert, dass Handwerksbetriebe nicht in der Lage seien, so gute Qualität zu produzieren."

„Die neue Kampagne von Lidl ist eine Diskriminierung guter, ehrlicher und sauberer Handwerksbetriebe, die tatsächlich Qualität liefern. Sie streut den Kunden Sand in die Augen“, so Slowfood-Vorsitzende Ursula Hudson. Statt dem Handwerk weiter zu schaden, solle die Kette lieber die aktuelle Marketing-Offensive einstellen und seine Sortiments- und Preispolitik von unabhängigen Sachverständigen prüfen lassen.

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