Mittelfranken -

Konjunktur Handwerk unter Hochdruck

Des einen Freud, des andern Leid: Während bei dem einen oder anderen angesichts der – gefühlt – tausendsten Baustelle auf dem zehn Kilometer langen Weg in die Arbeit oder wochenlanger Wartezeiten für die eigentlich kleine Badezimmerreparatur Frust aufkommt, freut sich das mittelfränkische Handwerk.

Denn unverändert profitieren vor allem die Bau- und Ausbaubetriebe von dem Allzeithoch. 97 Prozent bezeichnen ihre Situation als gut oder befriedigend. Das ergab die Konjunkturumfrage der Handwerkskammer für Mittelfranken. Kaum schlechter sieht es bei den Betrieben des gewerblichen Bedarfs (94,7 Prozent) oder dem Kfz-Gewerbe (97,7 Prozent) aus. „Der Diesel-Skandal wirkt sich bislang noch nicht negativ aus“, bekräftigt auch Prof. Dr. Elmar Forster, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Mittelfranken.

„Das liegt wohl vor allem an der hohen Zahl der Neuzulassungen und daran, dass die mit Hilfe der Abwrackprämie angeschafften Pkw langsam ins Reparatur-/Kundendienstalter kommen“, vermutet er. Auch internationale Kapriolen wie die im besten Fall unvorhersehbare US-Außenpolitik – immerhin sind die amerikanischen Töchter für die Global Player der deutschen Automobilindustrie auch das Sprungbrett auf den asiatischen Markt – oder der Brexit konnten dem positiven Trend im mittelfränkischen Handwerk bislang nichts anhaben.

Kampf ums Image

Hat das Handwerk angesichts des ganz normalen Alltagsstresses dann überhaupt noch die Chance, den Betrieb langfristig gut aufzustellen? Kammer-Präsident Thomas Pirner wägt ab: „Tatsächlich ist es so, dass Investitionen, Innovationen oder langfristige Personalgeschichten wie beispielsweise notwendige Weiterbildungen angesichts des operativen Geschäfts nach hinten geschoben werden.“

Das könnte sich spätestens dann rächen, wenn man einen Nachfolger braucht: „Von unseren gut 22.000 Betrieben werden mehr als 2.300 von Handwerkern geführt, die 60 Jahre oder älter sind und über eine Unternehmensübergabe nachdenken“, führt Prof. Forster aus. Doch auch hier schlägt der Fachkräftemangel zu: „Die Betriebe könnten deutlich mehr Aufträge ausführen, wenn sie das Personal hätten“, erklären Pirner und Forster unisono. Doch der Wettbewerb um Auszubildende und Fachkräfte ist hart: „Es ist auch ein Kampf ums Image“, so Thomas Pirner.

Und wenn die Industrie mit hohen Prämien, satten Gehältern und zahlreichen Extras winkt, kann ein kleiner Handwerksbetrieb oft nicht mithalten. Eine Hoffnung aber gibt es: „Das Geld ist für Schüler wichtig, aber nicht das Wichtigste“, weiß Prof. Forster. „Arbeitsklima, sympathische Kollegen und ein befriedigender Job zählen ebenso viel.“ Mit attraktiven Arbeitszeitmodellen oder einem Dienstwagen zur mit guter Note bestandenen Gesellenprüfung kann der Chef darüber hinaus locken.

Kreative Nachwuchssuche gefragt

Was sich Präsident und Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer angesichts der bayerischen Vollbeschäftigung trotzdem noch wünschen würden? „Dass Asylbewerber, deren Anträge abgewiesen wurden und die aufgrund der Umstände nicht in ihr Heimatland abgeschoben werden können, eine Ausbildung machen dürfen. Dieser Personenkreis umfasst in Bayern derzeit rund 16.000 Personen, worunter zahlreiche Jugendliche sind, die bereit wären, eine Lehre anzutreten.

„Wir könnten deutlich mehr Personen aus diesem Bereich ausbilden als die rund 300 Flüchtlinge, die bereits im mittelfränkischen Handwerk eine Lehre absolvieren“, fordert Prof. Dr. Forster. „Für die Betriebe wäre es eine Hilfe und die Rückkehrer hätten für die Dauer ihres Aufenthalts in Deutschland etwas zu tun und könnten sich mit dem Gesellenbrief dann in ihrer Heimat eine neue Existenz aufbauen“, argumentiert er. Damit könnte man dem unter Druck stehenden Handwerk unter die Arme greifen.

„Mittlerweile erreichen wir die Belastungsgrenze“, erklärt Thomas Pirner. „Eine kleine Delle in der Konjunktur würde tatsächlich eher dazu führen, dass – um im Kfz-Jargon zu sprechen – der Drehzahlmesser zwar von acht- auf siebentausend sinkt, aber trotzdem noch im roten Bereich bliebe.“ Prof. Forster gibt aber gerne zu: „Das ist Jammern auf hohem Niveau. Zusammenfassend kann man sagen: Wir befinden uns mitten in einem weiteren Erfolgsjahr und eine dunkle Wolke ist nicht in Sicht.“

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