Meinung -

Leitartikel Handwerk im Wandel

Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Handwerks hat in den vergangenen 30 Jahren abgenommen. Dafür gibt es politische und wirtschaftliche Gründe. Klar ist aber: Die Politik muss sich mehr um den Mittelstand kümmern.

Als ich vor über drei Jahrzehnten zur Handwerksorganisation kam, glänzte das Handwerk mit folgenden Kennzahlen: rund 40 Prozent aller Lehrlinge, etwa 20 Prozent aller Beschäftigten und 16 Prozent Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Heute schauen diese Werte leider anders aus: 28 Prozent aller Lehrlinge, 13 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und neun Prozent der Umsätze in unserer Wirtschaft.

Auch wenn die eine oder andere Kennzahl mit der vor gut 30 Jahren inhaltlich nicht mehr vergleichbar ist, so ist doch eines klar: Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Handwerks hat spürbar abgenommen. Warum? Dafür gibt es wirtschaftliche und politische Ursachen. Zu den wirtschaftlichen gehört, dass sich der Export über viele Jahre äußerst dynamisch entwickelt und das Wachstum in Deutschland getragen hat, während die Binnenwirtschaft eher vor sich hin dümpelte. Erst in jüngster Vergangenheit hat sich dies wieder etwas gedreht. Da aber das Handwerk am Export deutlich weniger beteiligt ist als die Industrie, blieb dies nicht ohne Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Wirtschaftsbereichs.

Verdrängungswettbewerb in Lebensmittelgewerken

Obwohl derzeit viel in das so genannte Betongold investiert wird, blieben die Bauinvestitionen, insbesondere im privaten Wohnungsbau und im öffentlichen Bau, doch deutlich hinter dem Bedarf zurück. Angesichts der Bedeutung des Bau- und Ausbaugewerbes für das gesamte Handwerk hat auch dies sich entsprechend bemerkbar gemacht. In anderen Bereichen sind für handwerkliche Produkte und Dienstleistungen teilweise Marktsättigungen erkennbar.

In etlichen Branchen ist ein erheblicher Verdrängungswettbewerb erkennbar, insbesondere im Handel. Die Lebensmittelhandwerke sind davon besonders betroffen. Ihre Marktanteile sind ständig bedroht. Zudem sind gerade sie von erheblichen Konzentrationsprozessen und Filialisierung betroffen.

Einführung der zulassungsfreien Gewerke war verhängnisvoller Schritt

Mit Industrie 4.0 und Digitalisierung wird das Leben für das Handwerk nicht einfacher; denn ein Stichwort dabei ist Losgröße 1; d.h., die Industrie kann künftig auch in den Bereich eindringen, wo das Handwerk bisher seine Stärke hatte, nämlich die Einzelfertigung.

Zu den politischen Ursachen gehört insbesondere die Novelle der Handwerksordnung zum Jahre 2004. Mit der Reduzierung der meisterpflichtigen Gewerke und der Einführung der B1-Gewerke (zulassungsfreie Handwerke) wurde ein verhängnisvoller Schritt getan. Zwar sind die Gründungen in diesem Bereich massiv angestiegen, aber es wurden weder nachhaltige Betriebe geschaffen noch Arbeits- und Ausbildungsplätze in nennenswerter Anzahl.

Solider Mittelstand für Stabilität Voraussetzung

Eine weitere Folge: Wir haben immer mehr Soloselbständige im Handwerk, also Betriebe ohne Beschäftigte. 42 Prozent aller Handwerksbetriebe fallen mittlerweile hierunter. Das führt – wie das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen feststellt – dazu, dass im Handwerk sowohl die Kleinst- als auch die Großunternehmen an Gewicht gewonnen haben, während die mittleren Größenklassen an Bedeutung verlieren.

Dies ist nicht nur wirtschafts-, sondern auch gesellschaftspolitisch verhängnisvoll. Ein solider Mittelstand ist für beider Stabilität zwingende Voraussetzung. Darauf muss die Politik reagieren und es gerade für diese Zielgruppe wieder lohnend machen, Unternehmer zu sein und Unternehmer zu werden.

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