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Fachkräftesicherung Handwerk fordert duales Abitur

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks fordert in Deutschland ein "Abitur Plus", das hochqualifizierte Jugendliche ansprechen soll. Ein Konzept ist in Planung.

Ohne die Möglichkeit, Matura und Lehre gleichzeitig zu machen, hätte der Auszubildende Lorenz Fiala aus Salzburg, so wie viele seiner Mitschüler, keine Ausbildung begonnen. Um wieder mehr in die duale Berufsausbildung zu holen, können Jugendliche in Österreich seit 2008 neben der Lehre zugleich ihr Abitur machen.

Gleiches fordert der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nun für Deutschland. "Wir kämpfen auch um Hochqualifizierte und müssen ihnen neue Karriereperspektiven eröffnen", sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer, der sich mit einer ZDH-Delegation in Salzburg über die Möglichkeiten informierte. "Das österreichische System hat für uns Modellcharakter."

Abitur Plus an Berufsschulen und Bildungszentren

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland rund 20.000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt geblieben. Etwa 200.000 Betriebe müssen in den kommenden Jahren an Nachfolger übergeben werden. Das sind zwei große Herausforderungen, die das Handwerk zu bewältigen hat. "Das 'Abitur Plus'", erläutert Wollseifer, "wäre mehr als das Abitur. Es würde Leute mit Eigeninitiative und damit die Qualifiziertesten ins Handwerk locken". Es geht also insbesondere um jene, die sich ansonsten für ein Studium entscheiden würden.

Der Handwerkspräsident will dafür jedoch nicht die Gymnasien reformieren. Das "Abitur Plus", wie er es nennt, soll nach jetzigem Stand eher an Berufsschulen oder in den Bildungszentren der Handwerkskammern angesiedelt werden.

Lehrlinge bleiben Betrieben erhalten

In Österreich nehmen die Jugendlichen das Angebot gut an. Derzeit machen etwa 10.000 Auszubildende gleichzeitig ihre Matura. Der Unterricht dafür findet in Abendkursen oder jeweils freitags statt. Zusätzlich besuchen die Lehrlinge die reguläre Berufsschule. Dafür nehmen sie in Kauf, dass die Ausbildung etwas länger dauert – in der Regel etwa vier bis fünf Jahre. Die Erfahrung zeigt, dass 50 bis 60 Prozent der Auszubildenden anschließend in ihren Lehrbetrieben verbleiben.

"Diese Zahl wird die Betriebe in Deutschland überzeugen", ist sich Wollseifer sicher. Das Argument entfalle damit, dass Abiturienten dem Handwerk wieder verloren gehen. Zudem wachse das Bewusstsein dafür, dass man den Jugendlichen mehr Möglichkeiten bieten muss.

Konzept noch in diesem Jahr

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke ist überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um den Vorstoß in Deutschland zu wagen: "Die Politik hat erkannt, dass wir der Akademisierung etwas entgegensetzen müssen." Im Mai wird der ZDH daher ein Konzept zum "Abitur Plus" ausarbeiten.

Lehrling Fiala und seine Mitschüler sind von dem österreichischen Modell überzeugt und selbstbewusst: Sie haben neben dem Abitur gleich auch eine Berufsausbildung in der Tasche.

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