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Zwischen Tradition und Zukunft Handwerk erzählt: Damit persönliche Geschichten nicht vergessen werden

Ob Zimmerer, Schmied oder Klöpplerin – in sogenannten Erzählsalons haben sich in Sachsen und Thüringen Handwerker in kleinen Gruppen getroffen, um ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Was hinter der Idee steckt und wie die Teilnehmer die Treffen erlebt haben.

Das Handwerk ist eine jahrhundertalte Branche – entsprechend viele Werte, Traditionen und Geschichten stecken in ihm. Um die Erfahrungsschätze im Handwerk festzuhalten, initiierte das Berliner Unternehmen Rohnstock Biografien in Thüringen und Sachsen das Projekt "Handwerk erzählt – Zwischen Tradition und Zukunft." Dabei sind Handwerker aus den verschiedensten Gewerken in Erzählsalons zusammengekommen und berichteten von ihren Lebenswegen. Vor gut 20 Jahren hat Katrin Rohnstock, Inhaberin von Rohnstock Biografien, dieses Format entwickelt, bei dem sich Menschen in einer Runde zusammensetzen und unter der Moderation einer Salonnière über bestimmte Themen reden. "Das Veranstaltungsformat eignet sich sehr gut zum Erfahrungsaustausch", sagt Rohnstock.

Erzählsalons als Erfahrungsaustausch

Eine Gebäudereinigerin brachte sie auf die Idee, Erzählsalons auch für Handwerker in Thüringen und Sachsen zu organisieren. Gerade dort hätten viele Gewerbetreibende spannende Geschichten zu erzählen – etwa über den Arbeitsalltag in der DDR und die Herausforderungen nach dem Mauerfall. Zudem würden viele von ihnen durch den Strukturwandel und bürokratische Hürden vor Probleme gestellt. "Wir wollten die Tradition der Gewerke festhalten und die Vielfalt des Handwerks weitergeben", erklärt Rohnstock. Gleichzeitig sollten die Teilnehmenden auch die Möglichkeit haben, sich von interessierten Zuhörern, darunter Familienmitglieder, Politiker und Pressevertreter über ihre Sorgen und Zukunftswünsche auszutauschen. Im Idealfall führe der Erfahrungsaustauch auch dazu, dass Handwerker auf diesem Weg Ideen und Lösungen für Probleme finden, so Rohnstock.

Lebensgeschichten von mehr als 100 Handwerkern

Als Unterstützer für das Projekt "Handwerk erzählt" konnten die Organisatoren den Beauftragten der neuen Bundesländer gewinnen, da auch ihn der Strukturwandel und die damit einhergehenden Herausforderungen beschäftigen. Die Teilnehmer für die Erzählsalons an insgesamt 15 thüringischen und sächsischen Orten zu finden, gestaltete sich am Anfang dagegen komplizierter. Viele Handwerker hatten zuerst Bedenken. "Oft haben wir gehört: Wen interessiert schon meine Geschichte? Das will doch eh keiner hören", sagt Rohnstock. Doch in Zusammenarbeit mit Handwerkskammern und Kreishandwerkerschaften gelang es den regionalen Projektmanagerinnen von Rohnstock Biografien, rund 110 Handwerker aus den verschiedensten Gewerken für das Projekt zu begeistern. "Wir haben natürlich Bäcker oder Fleischer, aber auch Korbmacher oder Uhrmacher dabei", so Rohnstock. Ihnen sei es wichtig gewesen, dass eine große Bandbreite an Gewerken und Einzelkämpfern vertreten ist.

Handwerk erzählt: Damit persönliche Geschichten nicht vergessen werden

Klöpplerin Fischer: "Ich habe nicht lange überlegen müssen"

Eine von ihnen war Manuela Fischer, Klöpplerin aus Annaberg-Buchholz. Als sie über das Gründerzentrum angefragt wurde, habe sie nicht lange überlegen müssen. Natürlich habe sie zuerst Bedenken gehabt, fremden Menschen ihre Lebensgeschichte zu erzählen und wie die Resonanz darauf ausfällt. "Aber wenn ich von meiner Arbeit erzähle, dann ist meine Begeisterung größer, als die Bedenken", sagt die Handwerkerin. Als sie fünf Jahre alt war, besuchte sie zusammen mit einer Freundin einen Klöppelunterricht. Die vielen Frauen, das Klappern der Holzklöppel und die zahlreichen bunten Nadeln zogen sie damals gleich in den Bann. Als sie 1982 die Schule abschloss, erfuhr Fischer, dass der Beruf der Klöpplerin zum ersten Mal als Beruf ausgebildet wird. Kurzerhand bewarb sie sich. "Seitdem zieht sich das Klöppeln wie ein roter Faden durch mein Leben." Seit 21 Jahren bietet sie Klöppelunterricht für Kinder an der Klöppelschule "Barbara Uthmann" an und gibt Kurse für Urlauber, die das Handwerk kennenlernen wollen.

Mittlerweile wird der Beruf nicht mehr ausgebildet. Ein Grund, warum Fischer an den Erzählsalons teilgenommen hat. "Klöppeln ist nichts Alltägliches. Für viele ist es eine neue Erfahrung, von diesem Beruf zu erfahren", sagt Fischer. Deshalb hat sie für die beiden Erzählsalons, bei denen sie teilgenommen hat, auch eine Mappe mit Bildern zusammengestellt, um es den anderen Handwerkern in der Runde besser zeigen zu können. Ihr Fazit nach den Erzählsalons? "Es war sehr interessant, von anderen Menschen aus anderen Gewerken zu erfahren, wie ihr Weg war", so Fischer.

Geschichten in Broschüren und Büchern festgehalten

Dem schließt sich auch Zimmerermeister Stefan Winzer aus Schwarztal an. Seine Runde war im Vergleich zu Fischers Erzählsalons wesentlich kleiner. Er habe sich gewünscht, dass er noch mehr Geschichten aus anderen Berufssparten zu hören bekommt. "Das ist eine gute Geschichte. So kann viel bewahrt werden, dass sonst vielleicht in Vergessenheit geraten würde", sagt der Zimmerermeister. Denn etwas mehr als 100 dieser Erzählungen wurden von Autoren von Rohnstock Biografien in der Ich-Form aufgeschrieben, nah am individuellen Ton der Erzählenden. Ergänzt werden die Geschichten mit Fotos der Handwerker bei ihrer Arbeit. Die Geschichten erscheinen bis August 2020, ausgabenweise aufgeteilt in Erzähl-Orte bzw. Regionen, nach und nach in zehn gedruckten Broschüren. Außerdem sind sie online als Download verfügbar. 64 dieser Geschichten gelangen nach einer Juryentscheidung schlussendlich in zwei Bücher – 32 in die Anthologie "Handwerk erzählt in Sachsen" und 32 in "Handwerk erzählt in Thüringen".

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