Meinung -

Leitartikel Handwerk bietet Integration

Die Flüchtlingsströme stellen Deutschland und die europäische Staatengemeinschaft vor historische Herausforderungen. Für den Erfolg sind politische Weichenstellungen unumgänglich.

Wenn in etwa zwei Jahrzehnten die Historiker auf das Jahr 2015 zurückblicken, dann wird dieses vielleicht als Zeitenwende, zumindest als eine Art Zäsur, dargestellt werden. Die Flüchtlingsströme unserer Tage zeigen, wie eng die Welt in Zeiten des Internets zusammengewachsen ist und dass sich Menschen durch nichts aufhalten lassen, wenn sie für sich und ihre Angehörigen bessere Lebensperspektiven suchen. Sie machen aber auch offenbar, wie machtlos ein Staat allein dem gegenüber steht.

Zur Lösung derartiger Entwicklungen ist die Staatengemeinschaft insgesamt gefordert, zumindest aber größere Einheiten – wie beispielsweise Europa. Dort allerdings ist diese Einsicht noch nicht allzu weit verbreitet. Man hält gerne die Hand auf, um an Fördertöpfe zu kommen. Die Bereitschaft aber, sich an der Lösung von Zukunftsaufgaben zu beteiligen, ist deutlich weniger ausgeprägt.

Deutschland selbst sieht nur beschränkte Möglichkeiten. Nach Zustimmung von Bundesrat und Bundestag sind ab November zwar die Voraussetzungen geschaffen, Asylverfahren zu beschleunigen, die Zahl sicherer Herkunftsstaaten auszuweiten, abgelehnte Asylbewerber leichter rückzuführen, Länder und Kommunen mehr zu unterstützen, mehr Sprachkurse für Menschen mit Blei-beperspektive anzubieten und für eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt zu sorgen. Zu mehr als einem Kurieren am Symptom wird das aber nicht ausreichen. Bis jetzt fehlt noch eine klare Ansage, dass ohne Begrenzung beziehungsweise Steuerung der Zuwanderung die Integration kaum gelingen kann und die Akzeptanz und die Solidarität der Bevölkerung überfordert zu werden drohen.

Drei zentrale Ansatzpunkte

Die beiden zuletzt genannten der aktuell beschlossenen Maßnahmen sind auch im Sinne des Handwerks. Denn dieser Wirtschaftsbereich kann und will seinen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in Arbeit und vor allem in Ausbildung leisten. Um diese Bemühungen zum Erfolg zu führen, sind insbesondere drei Ansatzpunkte wichtig, die die Politik leisten muss: Zum einen sind beschleunigte Asylverfahren notwendig. Denn eine schnelle Entscheidung über Asylanträge aus Ländern mit einer niedrigen Bleibeperspektive schafft Spielraum für die Bearbeitung von Asylanträgen mit hoher Bleibeperspektive und fördert die Integration durch eine frühe Planungssicherheit.

Zum anderen bedarf es einer frühzeitigen Feststellung der Qualifikation bereits während des Erstaufnahmeverfahrens, um darauf aufbauend dann die weiteren Maßnahmen planen zu können. Schließlich müssen die ­Unternehmen bei der Integration unterstützt werden. Dazu gehören insbesondere spezielle Beratungs- und Begleitangebote. Zudem müssen bedarfsgerechte und berufsbegleitende Sprach­angebote geschaffen werden, um die sprachlichen Fähigkeiten der Migranten auch während der Lehre weiter zu verbessern. Nur dann werden Berufsausbildungen erfolgreich enden können.

Eines darf allerdings nicht passieren, dass man nämlich bewährte Prinzipien wie unser duales System der Berufsausbildung über Bord wirft. Nur eine solide Berufsausbildung in der ganzen Breite eines Berufsbilds gewährleistet auf lange Sicht eine sichere Beschäftigung und damit auch die Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können. Dazu gibt es in der Spannbreite von zwei- bis dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufen genügend Möglichkeiten.

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