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Abitur besser als Gesellenbrief? Handwerk beklagt Pläne der Kultusminister

Handwerk und Kultusminister streiten sich um die Frage: Ist der Geselle so viel wert wie der Abiturient? Die Kultusministerkonferenz hat jetzt mit ihrer Entscheidung eines besser gestellten Abiturs Empörung entfacht.

Duale Ausbildung in Deutschland
Auf die duale Ausbildung ist Deutschland zwar recht stolz. Dennoch gebührt ihr nicht der gleiche Rang wie das Abitur. -

Das Handwerk macht Front gegen die Kultusministerkonferenz. Für Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sind die jüngsten Entscheidungen der Kultusminister ein "Generalangriff auf die duale Berufsausbildung". Denn der Abiturient ist in den Augen der Minister mehr wert als ein Geselle nach dreijähriger Ausbildung.

Alle anderen Akteure, die an der Erarbeitung des so genannten „Deutschen Qualifikationsrahmens“ arbeiten, plädieren für eine gleichwertige Einstufung der dualen Berufsausbildung mit dem Abitur. Gesellen und Abiturienten sollen nach Ansicht von Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften auf Stufe vier (bei einer achtstufigen Skala) stehen. Die Kultusminister entschieden allerdings nun, das Abitur auf Stufe fünf zu heben.

Hintergrund des jüngsten Votums der Kultusminister ist die Absicht, jungen Leuten künftig europaweit einheitliche Bildungspässe auszustellen. Der in Deutschland gefundene Qualifikationsrahmen soll in einem zweiten Schritt Eingang in eine europäische Weiterentwicklung finden. Damit sollen die „Besonderheiten des deutschen Bildungssystems“ berücksichtigt werden, wie der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bernd Althusmann (CDU), sagte.

Handwerk ist sauer

Das Handwerk dagegen sieht in der Entscheidung eine Untergrabung der dualen Ausbildung. Wenn der Großteil der Ausbildungsberufe unterhalb der allgemeinen Hochschulreife eingeordnet werde, drohe der dualen Berufsausbildung ein „massiver Attraktivitätsverlust“, sagte Schwannecke. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sei das ein verheerendes Zeichen.

„Der Vorschlag der Deutschen Kultusministerkonferenz ist eine Kriegserklärung an das System der dualen Berufsausbildung“, ärgert sich auch Heinrich Traublinger, Präsident des Bayerischen Handwerkstages. Er sieht in den Plänen eine "Demontage der dualen Ausbildung". Und Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstages, kritisiert, dass innerhalb der dualen Ausbildung einige Berufe auf Stufe drei, andere auf Stufe vier gesetzt werden und spricht von "Berufen aus der zweiten Reihe".

Realschüler werden vergessen

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Lena Strothmann zeigte sich enttäuscht von den Plänen der Kultusminister: „Die Lösung der Kultusministerkonferenz stärkt zwar die Stellung des Abiturs in Europa, wird aber den engagierten Realschülern mit guten Noten, die eine anspruchsvolle hochtechnisierte oder kaufmännische Berufsausbildung erfolgreich mit dem Gesellenbrief abschließen, nicht gerecht.“ Dies sei in Anbetracht des Fachkräftemangels und der gewünschten Mobilität mithilfe eines europäischen Bildungspasses nicht zu verantworten.

Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, monierte: "In der öffentlichen Wahrnehmung würde sich ein Abiturient, der eine hoch anspruchsvolle, duale Berufsausbildung, etwa zum Pharmakant oder zum mathematisch-technischen Software-Entwickler anstrebt, nicht etwa weiterqualifizieren, sondern sich sogar um ein Niveau verschlechtern." Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält die Fahne für die jungen Azubis hoch: „Die Kultusminister werten die Leistung von 1,6 Millionen jungen Menschen ab, die eine duale Ausbildung machen", heißt es in einer Stellungnahme des DGB.

Dagegen sind sich Kultusminister und Wirtschaft bei der Einstufung der Meisterausbildung auf Niveau 6 einig geworden. Der Meister steht dann künftig neben dem hochschulischen Bachelor. "Dafür haben wir uns im Vorfeld konsequent und erfolgreich eingesetzt", sagte Vogel. Die Skala geht insgesamt von Stufe 1 (allgemeines Wissen ohne Hauptschulabschluss) bis hin zu Stufe acht (Promotion).

Bis zum Jahresende wollen die Bundesländer die Ausgestaltung des "Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen" (DQR) abschließen, der die Wertigkeit der verschiedenen Bildungsabschlüsse festlegen soll. Anfang Dezember soll es nach Informationen von Deutsche Handwerks Zeitung online noch mal ein Spitzentreffen mit Politik und Verbänden geben, um die Probleme zu lösen.

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