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Interview mit Sirko Galz: Handgemacht, hochwertig und nachhaltig So arbeitet ein Handweber im Jahr 2019

Während in Großstädten die Textildiscounter aus dem Boden schießen, wagt ein Unternehmer im beschaulichen Burglengenfeld den Gegenentwurf. Handweber Sirko Galz hat dort vor sechs Jahren eine kleine Textilmanufaktur gegründet.

Seine Mission: Nach alter Webtradition Stoffe herstellen. Handgemacht, hochwertig und nachhaltig. Der Ort für die kleine Weberei könnte passender nicht sein. In einem kopfsteingepflasterten, mittelalterlichen Gässchen neben der Kirche fügt sich der Betrieb wie selbstverständlich in die alten Gemäuer ein. Betritt man die öffentlich zugängliche Werkstatt durch einen breiten Torbogen, eröffnet sich eine Welt, die es sonst kaum noch gibt. Drei alte, hölzerne Webstühle dominieren den Raum. In den Regalen: Stoffballen, Werkzeug und Garne in allen Farben. Man sieht, hier wird gearbeitet.

"Hätte ich das gewusst, hätte ich nicht studiert"

Inhaber Sirko Galz wirkt auf Anhieb nicht wie jemand, dem altes Handwerk am Herzen liegt. Mit seinem jugendlich-modernen Auftreten und der offenen, fröhlichen Art würde man ihn beruflich eher in die "­Irgendwas-mit-Medien-Schublade" stecken. Ursprünglich hat bei dem 41-Jährigen auch nichts darauf hingedeutet, dass er einmal im fernen Bayern eine Handweberei eröffnen wird. Der gebürtige Brandenburger studierte nach dem Abitur Naturschutz- und Landschaftsplanung und arbeitete acht Jahre lang in dieser Branche. Mittlerweile sagt er: "Hätte ich schon früher gewusst, wie viel Spaß mir das Handwerk macht, hätte ich gar nicht erst studiert." Befragt man ihn zu seinem jetzigen Beruf, erschließt sich schnell die Leidenschaft, die die Weberei für ihn bedeutet. Er sei schon als Kind fasziniert gewesen von Stoffen, deren Haptik und dem Entstehungsprozess. Vermutlich trägt seine Großmutter daran Mitschuld, sie war gelernte Weberin. "Die Leidenschaft hat also eine Generation übersprungen", erzählt Galz. Vor allem das Experimentieren mit Farben und die Arbeit mit den eigenen Händen sei es, was ihn erfülle.

Handgemacht, hochwertig und nachhaltig

Zu seinem ersten Webstuhl kam er vor zehn Jahren. Da hatte er die Idee, auf Mittelaltermärkten, die er privat gerne besuchte, Selbstgewebtes an einem Stand anzubieten. So kaufte er sich kurzerhand auf eBay einen Webstuhl und stellte ihn in die Wohnung. Dann hieß es erst einmal recherchieren, lernen und üben. Dabei geholfen haben ihm die alten Ausbildungsunterlagen seiner Großmutter, Fachliteratur und ein Intensivkurs bei einem erfahrenen Handwebmeister. "Der Rest war Autodidaktik", so der Wahl-Oberpfälzer.

Nach einigen eher mäßigen Anfangsversuchen wurde die Qualität der Stoffe schnell besser, seine Arbeit sprach sich herum und die Nachfrage wuchs. Anfangs legte Galz seinen Schwerpunkt auf die Rekonstruktion historischer Textilien und schaffte es damit sogar in namhafte Museen. Nachdem er drei Jahre lang nebenberuflich am Webstuhl gesessen hatte, machte er 2012 Nägel mit Köpfen. Der damals 34-Jährige kündigte seinen Job und machte sich selbstständig. Zunächst im Mittelstandszentrum in Maxhütte-Haidhof, dann in der eigenen Werkstatt im nahegelegenen Burglengenfeld.

Seither ist viel passiert. Das Sortiment wurde stetig erweitert, aus einem Webstuhl wurden vier. Darunter – deutschlandweit einzigartig – zwei Jacquard-Webstühle. Die Nachfolger des ursprünglichen Schaftwebstuhls. Der Unterschied: Während der Schaftwebstuhl nur schlichte Muster zulässt, ermöglicht der Jacquard-Webstuhl mittels Lochkarten alle erdenklichen Musterungen. "Das schafft Raum für wahnsinnig viel Kreativität", schwärmt Galz und fügt hinzu, wie wichtig ihm das freie Gestalten sei. Außerdem könne er mit der Jacquard-Technik perfekt auf individuelle Kundenwünsche eingehen. Etwa bei den stark gefragten Babytragetüchern. "Als die vor einigen Jahren immer beliebter wurden, bin ich auf den Zug aufgesprungen", resümiert er. Generell sei es wichtig, sich am aktuellen Markt zu orientieren, sonst könne man mit so einem alten Handwerk kaum bestehen. Direktvermarktung ohne große Vertriebsmaschinerie im Hintergrund sei immer wieder eine Herausforderung, so Galz.

Neben den besagten Babytragetüchern, luxuriösen Jacquard-Schals und einer vielfältigen Auswahl an Meterware bietet er auch Wohntextilien wie Tischläufer, Kissen und Tischsets an. Sowohl in Form von Auftragsarbeiten wie auch als festes Sortiment. Einen Online-Shop gibt es auch, die meisten Kunden kommen aber in den Laden. "Die Leute wollen die Stoffe anfassen, bevor sie sie kaufen", sagt Galz. Nimmt man fertige Ware in die Hand, versteht man auch warum. Denn: Stoff ist nicht gleich Stoff. Zum hochwertigen Garnangebot gehören Kaschmir und edle Seide genauso wie Leinen und schlichte Baumwolle. Auch die Eigenschaften der Gewebe sind variabel – von dick bis dünn, von leicht bis schwer, von weich fließend bis robust. Je nach Produkt, Praktikabilität und Kundenwunsch.

Zwei bis drei Meter Stoff an einem Tag

Am häufigsten fertigt Galz Auftragsarbeiten. Da kann durchaus mal Kurioses dabei sein. "Momentan arbeite ich an einem schottischen Kilt für eine Kundin", plaudert der Weber aus dem Nähkästchen. Im Schnitt schafft er zwei bis drei Meter Stoff am Tag. Im Geschäft ist er meistens von 7.00 bis 18.00 Uhr. Am Wochenende fährt er zu Textilmärkten. Viel Zeit für ein Privatleben bleibt da nicht. Ein Preis, den Galz für seinen Traum gerne zahlt. Fest steht: Die Ideen werden ihm nicht ausgehen. Für die Zukunft würde er gerne eine Technik entwickeln, mit der er mit seinen Webstühlen Gewänder aus der Spätantike nachbilden kann. "Das ist zwar nicht einfach, aber machbar, glaube ich", lacht er. Auch die sogenannte Brokat-Weberei würde ihn reizen. Dabei geht es um edelste Stoffe aus Gold- und Silberfäden. Aktuell läuft der Laden gut. Viele Kunden schätzen wieder Qualität, Regionalität und Nachhaltigkeit. Beste Voraussetzungen für einen Herzblut-Handwerker und Tüftler wie Sirko Galz.

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