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Danzig Große Gefühle zwischen Backsteingotik und ultimativem Design

In Danzig begann im August 1939 nicht nur die Jahrhundert-Katastrophe, hier wurde 40 Jahre später auch das Ende der anderen Ideologie eingeleitet. Was ebenfalls berührt, ist das großartige Engagement der Polen beim Wiederaufbau der alten deutschen Hansestadt. Unsere Nachbarn haben sich damit selbst ein Denkmal gesetzt.

Große Gefühle zwischen Backsteingotik und ultimativem Design
Die Hansestadt Danzig gilt als eine der schönsten Städte in Polen und an der Ostsee. -

Das erste, was der Besucher von der Stadt sieht, wenn er sich ihr nach dem topmodernen Flughafen auf der Autobahn S 7 nähert, sind links die riesigen Kräne und rechts die vielen spitzen Türme. Dieses Bild dominiert in der Mitte der massige backsteinrote Turm der Marienkirche. Neben dem Krantor ist sie das andere unverwechselbare Wahrzeichen der einstigen Hansestadt. Zwischen Kränen und Türmen spielt sich auch noch heute das Leben in Danzig ab. Die einen dokumentieren den Rang der Stadt als Seehafen, die anderen stehen für Kultur und Religion.

Danzig
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Hier gibt es nichts was es nicht gibt

In diesen Tagen wird die 753. Ausgabe des "Jarmark sw. Dominika" gefeiert. Der Jahrmarkt vom Heiligen Dominikus ist eine Kombination aus Flohmarkt, Antiquariat, Kunsthandwerksmesse und Futtergrippe mit deftiger pommerscher, kaschubischer und baltischer Küche. Sechs Millionen Besucher schieben sich im Laufe von drei Wochen an den 1.000 Ständen vorbei. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt und selbst hakenkreuzverzierte Devotionalien stoßen ganz offensichtlich auf ein ebenso fachkundiges wie kaufbereites Publikum. Daneben jede Menge Kunsthandwerk – von der extravaganten Ledertasche bis hin zum Schmuck in höchst originellem Design. "Man muss unbedingt hierher kommen, wenn man etwas Schönes preiswert kaufen will", empfiehlt Lezek Kowallski. Der 51jährige Kunstmaler aus der Gegend von Stettin besitzt hier schon seit 18 Jahren seinen Stand; er bemalt Gläser mit Motiven aus Hinterpommern.

Nichts weist auf den ersten Blick auf die Verheerungen dieses Platzes hin. Sie liegen gerademal ein Menschenleben zurück. Damals war von der historischen Innenstadt nichts anderes übriggeblieben als ein riesiger Steinhaufen. Die Stadt ist jung und ihre Menschen strahlen eine Fröhlichkeit und Zuversicht aus.

Polen zwanzigdreizehn - das ist das Kürzel für Beständigkeit und Erfolg. Das Land verzeichnet mit 2 Prozent eine der höchsten Wachstumsraten in Europa – natürlich dank massiver Unterstützung aus Brüssel. Und die Bewohner der Woiwodschaft Pommern, wie die Region in und um Danzig genannt wird, leisten dabei ihren Anteil. Tourismus und Schiffbau einschließlich Reparaturwerften, Chemie und petrochemische Industrie sind die Säulen auf denen sich der Optimismus breitmacht.

Mühevolle Rekonstrukion des Kern-Stadtbezirks

Das absolute Highlight der 460 000 Einwohner zählenden Stadt ist allerdings eine Kreation, die mindestens 700 Jahre älter ist. Es ist die gesamte Rechtsstadt, der Kern-Stadtbezirk, dessen Rekonstruktion in einer wohl einzigartigen Aktion gelungen ist. Weltweit gelten die Straßenzüge zwischen dem Grünen Tor und der Markthalle als Muster für eine perfekte Inszenierung der historischen Bausubstanz. Sie produzieren bei nicht wenigen der Millionen Besucher ehrfürchtiges Staunen: Auf den ersten Blick eine mittelalterliche Stadt, sehr norddeutsch, verspielt und wuchtig zugleich. Auf den zweiten Blick lassen sich alle relevanten Epochen wahrnehmen: Backsteingotik, Barock, Renaissance. Und so erwecken Fassaden, Treppenstufen und Straßenpflaster, Türme, Kirchen und Denkmäler den Eindruck, als sei über sie niemals die Walze der Zerstörung hinweggerollt. Auch in den angrenzenden Bezirken Altstadt und Vorstadt haben Architekten, Stadtplaner und Bauhandwerker Maßstäbe gesetzt. Oft in schwieriger, liebevoller Kleinarbeit war es gelungen, auf der Grundlage der geretteten historischen Pläne vier Dutzend Straßenzüge und 778 Häuser originalgetreu wieder aufzubauen.

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Wer je einmal die Marienkirche betreten hat, kommt aus ihr mit einem völlig neuen Gefühl für Proportionen wieder heraus. Die Kirche (Grundsteinlegung 1343) besitzt eine Länge von 105 Metern und hat ein Fassungsvermögen von 25.000 Menschen – das war damals die komplette Einwohnerschaft. Anfang 1945 wurde sie zum großen Teil zerstört. Das Dach mit seinem hölzernen Dachstuhl war komplett verbrannt, fast die Hälfte aller Gewölbe eingestürzt und der eindrucksvolle Turm ausgebrannt. Zu diesem Zeitpunkt lagen schon weite Teile des Langen Marktes und der Frauengasse, darunter das Zeughaus und Hunderte von Patrizierhäusern ebenfalls in Schutt und Asche. Mehr als 6.000 Gebäude waren ausradiert, und von den damals 400.000 Einwohnern hatten 80.000 das Inferno nicht überlebt; 300.000 mussten ihre Heimat verlassen.

Mahnmal gegen den Krieg

Der Kampf um die Wiedergewinnung dieser einzigartigen Bauten und Strukturen ist auch ein Beispiel für Schlitzohrigkeit im politischen Alltag und schnell erzählt: Nachdem 95 Prozent des Danziger Stadtkerns dem Erdboden gleichgemacht worden waren, stellte sich für die Verantwortlichen die Frage: Völliger Neubau an anderer Stelle und dabei das Ruinenfeld als "Mahnmal gegen den Krieg" stehen lassen oder Wiederaufbau. Letzteres war im Polen des Jahres 1946 vor dem Hintergrund der von den Nazis begangenen Verbrechen nicht unumstritten. Auch hatte der Staat weder Geld noch Personal, um diese gigantische Aufgabe sofort anzupacken. Es war der Historiker Jan Kilarski (1882-1951), der mit seinem ebenso einzigartigen wie gewagten Plädoyer die Argumente für den Wiederaufbau lieferte: "Das historische Stadtbild soll Symbol der geschichtlichen Polonität Danzigs sein." Damit wurde ein polnisch-patriotisches Fass aufgemacht, um die Unterstützung von politischer Seite zu erhalten – auch wenn sehr vieles in der Danziger Architektur keineswegs polnisch war. Über drei Jahrzehnte zog sich der Wiederaufbau hin. Die Vollendung hat der Geschichtsprofessor Kilarski nicht mehr erlebt. Doch seine schon im August 1945 an die Politiker gerichtete Botschaft klingt wie ein Vermächtnis: "Es wird gesagt, dass man alles sprengen und Danzig neu erbauen müsse. Das ist allzu voreilig gedacht. Die Kulturdenkmäler Danzigs gehören nicht uns allein, sondern der ganzen europäischen Kultur."Chapeau!

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